Hahnenwasser gegen die Schwindsucht
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610
Nimm einen Hahn, der frei herumläuft, und rupfe ihn lebendig. Dann töte ihn, und wenn er fast kalt ist, schlag ihm auf den Rücken, nimm die Innereien heraus und wische ihn sauber. Dann gib ihn in eine Brennblase, wie du sie zum Brennen von Rosenwasser nimmst.
Dazu kommen etwa 2 l (ein Pottle) Sack, etwa 2 l (ein Pottle) frische Milch von einer roten Kuh, etwa 450 g (ein Pfund) Korinthen, etwa 450 g (ein Pfund) entkernte Sonnenrosinen und etwa 110 g (ein Viertelpfund) Datteln, entsteint und klein geschnitten.
Weiter eine Handvoll Gauchheil, zwei Handvoll Rosmarinblüten, eine Handvoll wilder Thymian, zwei Handvoll Poleiminze, zwei Handvoll Günselblüten, zwei Handvoll Borretschblüten, eine Handvoll Fenchelwurzeln und eine Handvoll Petersilienwurzeln, geschabt und das Mark herausgenommen, eine Handvoll Endivienblätter, eine Handvoll Wegwartenblätter, eine Handvoll Frauenhaarfarn, eine Handvoll Feigen, etwa 90 g (drei Unzen) Anis, zerstoßen, und etwa 210 g (sieben Unzen) Süßholz, geschabt und zerstoßen.
Brenne das alles zusammen bei kleinem Feuer. In das Glas, in das das Wasser tropft, gib etwa 225 g (ein halbes Pfund) Kandiszucker, klein gestoßen, und ein Büchlein Blattgold, klein unter den Zucker geschnitten, dazu etwa 0,25 g (vier Gran) Ambra und etwa 0,8 g (zwölf Gran) zubereitete Perlen. So lass das Wasser auf diese Dinge im Glas tropfen. Mische das erste und das letzte Wasser zusammen.
Nimm davon morgens nüchtern vier Löffel voll und eine Stunde vor dem Abendessen noch einmal vier Löffel voll, und schüttle es im Glas herum, bevor du das Wasser zum Trinken nimmst.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| a runing Cocke | ein Hahn, der frei herumläuft | 1 Stück | - | - |
| a pottle of sack | etwa 2 l (ein Pottle) Sack | 2 l | - | - |
| a pottle of new milke of a red Cow | etwa 2 l (ein Pottle) frische Milch von einer roten Kuh | 2 l | - | - |
| a pound of Currance | etwa 450 g (ein Pfund) Korinthen | 450 g | - | - |
| a pound of raisons of the sun stoned | etwa 450 g (ein Pfund) entkernte Sonnenrosinen | 450 g | - | - |
| a quarter of a pound of Dates, stoned, and Cutt small | etwa 110 g (ein Viertelpfund) Datteln | 110 g | - | - |
| a handfull of pimpernell | eine Handvoll Gauchheil | 1 Handvoll | - | - |
| 2 handfulls of Rose-mary blossoms | zwei Handvoll Rosmarinblüten | 2 Handvoll | - | - |
| a handfull of wild time | eine Handvoll wilder Thymian | 1 Handvoll | - | - |
| 2 handfulls of Peneriall | zwei Handvoll Poleiminze | 2 Handvoll | - | - |
| 2 handfulls of Bugles blossomes | zwei Handvoll Günselblüten | 2 Handvoll | - | - |
| 2 handfulls of Bourgage blossomes | zwei Handvoll Borretschblüten | 2 Handvoll | - | - |
| an handfull of fennell rootes | eine Handvoll Fenchelwurzeln | 1 Handvoll | - | - |
| an handfull of parsly rootes scraped, the pitch taken out | eine Handvoll Petersilienwurzeln, geschabt und das Mark herausgenommen | 1 Handvoll | - | - |
| an handfull of Endive leaves | eine Handvoll Endivienblätter | 1 Handvoll | - | - |
| an handfull of Succory leaves | eine Handvoll Wegwartenblätter | 1 Handvoll | - | - |
| a handfull of maiden haire | eine Handvoll Frauenhaarfarn | 1 Handvoll | - | - |
| a handfull of figgs | eine Handvoll Feigen | 1 Handvoll | - | - |
| 3 ounces of anniseeds brused | etwa 90 g (drei Unzen) Anis, zerstoßen | 90 g | - | - |
| 7. ounces of liquoras scraped, and brused | etwa 210 g (sieben Unzen) Süßholz, geschabt und zerstoßen | 210 g | - | - |
| halfe a pound of sugar, Candy beaten small | etwa 225 g (ein halbes Pfund) Kandiszucker, klein gestoßen | 225 g | - | - |
| a booke of leafe-gold cut small | ein Büchlein Blattgold, klein geschnitten | 1 | - | - |
| Amber-greace | etwa 0,25 g (vier Gran) Ambra | ¼ g | - | - |
| 12 graines prepared pearle | etwa 0,8 g (zwölf Gran) zubereitete Perlen | 0,8 g | - | - |
Was ist das? Ein Arzneiwasser der Hausapotheke: Ein frisch getöteter Hahn wird mit Sack, Milch, Trockenfrüchten, Kräutern, Wurzeln, Anis und Süßholz in der Brennblase destilliert, und das Destillat tropft im Auffangglas auf Kandiszucker, Blattgold, Ambra und gepulverte Perlen. Die Überschrift bestimmt es „für eine Consumption“, die auszehrende Krankheit.
Der Hahn. Er wird lebendig gerupft, getötet, fast erkaltet auf den Rücken geschlagen, ausgenommen und sauber gewischt. Ob die Innereien danach mit in die Blase kommen, sagt die Handschrift nicht; Hannah Woolley zerstößt sie in ihrem Hahnenwasser mit.
Die Brennblase. „Such a still, as you still rosewater with“ meint das Gerät, mit dem der Haushalt auch Rosenwasser brannte, also die gewöhnliche Hausdestillation. Gebrannt wird „with a soft fire“; eine Dauer nennt der Text nicht.
Erstes und letztes Wasser. Der Schlusssatz lässt das zuerst und das zuletzt übergehende Wasser zusammenmischen. Er setzt voraus, dass das Destillat nicht in einem Zug aufgefangen wurde, ohne zu sagen, wie es geteilt wurde. Geschüttelt wird vor jeder Einnahme, weil Blattgold und Perlpulver sich im Wasser nicht lösen.
Einordnung. Das Hahnenwasser zeigt, wie ein Haushalt des 17. Jahrhunderts Fleisch, Wein, Milch, Kräuter und kostbare Stoffe wie Gold, Ambra und Perlen zu einem Arzneiwasser gegen die Auszehrung destillierte; es steht hier als Zeugnis dieser Hausapotheke, nicht als Anleitung. Die Poleiminze gilt in größerer Menge als giftig und kann eine Fehlgeburt auslösen, der Gauchheil gilt ebenfalls als giftig. Destilliert wird im geschlossenen Gefäß, mit Wein in der Blase. Das Rupfen des lebenden Tiers gehört zum Verfahren der Vorlage und wird hier nur dokumentiert.
Kann man dieses Hahnenwasser heute nehmen?
Nein. Es ist ein historisches Dokument einer Hausapotheke des 17. Jahrhunderts, keine Anwendungsempfehlung. Dass es gegen die Auszehrung hilft, ist der Anspruch der Überschrift. Die Poleiminze gilt in größerer Menge als giftig, der Gauchheil ebenfalls.
Ist das Rezept für die Lagerküche geeignet?
Nein. Es ist eine Arznei, und wir geben keine Anleitung zur Selbstmedikation; dazu wird es in der Brennblase destilliert.
Gibt es dieses Hahnenwasser auch anderswo?
Ja. Hannah Woolley druckt 1670 in The Queen-like Closet ein „Cock water“ mit demselben Gerüst: lebendig gerupfter Hahn, Sack, Milch von einer roten Kuh, Trockenfrüchte, Poleiminze und Pimpernell, Destillation bei sanftem Feuer und Kandis, Blattgold und Ambra im Auffangglas. Die Kräuter, Wurzeln und Zusätze weichen ab.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.
- Consumption
Ludwig (1706) übersetzt „die verzehrung; … die schwindsucht“, Phillips (1658) nennt sie „a disease which dries and wastes the body“: die Krankheit, die den Körper auszehrt. Welche Krankheit nach heutigem Verständnis dahinterstand, sagt die Überschrift nicht.
- sack
Kräftiger Weißwein aus Spanien oder von den Kanaren, eine Sherry-Art. Ludwig (1706) übersetzt „Spanischer oder Canarien-Seckt“. Über seine Süße sagt die Handschrift nichts.
- Amber-greace
Ambra, eine Ausscheidung des Pottwals, kostbarer Duft- und Arzneistoff; im Buch auch im Mandelbiskuit (lon-033).
- prepared pearle
Perlen für die Arznei, als Pulver gebraucht: Cotgrave (1611) erklärt „Margariton“ als „Pearle; or the powder thereof“, Hannah Woolley (1670) nennt in einem anderen Arzneiwasser „Powder of Pearl“.
- graines
Gran, das kleinste Apothekergewicht (Ludwig 1706: „ein gran, grangewicht“), rund 0,065 g.
Normdaten der Zutaten
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| 2 handfulls of Peneriall | pennyroyal Q161235 |
| a handfull of figgs | fig Q2746643 |
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
pimpernell
Gewählte Lesart: Gauchheil (Anagallis arvensis). In den englischen Kräuterbüchern der Zeit heißt so der Gauchheil: Gerard/Johnson 1633, Kap. 194 „Of Pimpernell“; die Bibernelle heißt dort „Burnet Saxifrage“, der Wiesenknopf „Burnet“. Britten 1886: „the common name for Anagallis arvensis“. Woolley 1672 setzt in ihrem fast gleichen Hahnenwasser „Pimpernel, or any other cooling Herb“; Gerard nennt den Gauchheil aber „somewhat hot“, die Deutung bleibt deshalb offen.
Andere mögliche Lesarten:
- Bibernelle (Pimpinella) - Ludwig 1706 „Pimpernel, bibernell“, Phillips 1658 „called in Latin Pimpinella“: Gleichungen über den Namen, keine Pflanzenbestimmung. Als englischer Name der Bibernelle nennt Britten „Pimpernel“ nur nach dem Grete Herball 1526.
- Kleiner Wiesenknopf (Sanguisorba minor) - Britten führt nach Prior auch Poterium Sanguisorba unter Pimpernel.
wipe them cleane
Gewählte Lesart: „wipe him cleane“: Die Handschrift (S. 35) schreibt deutlich „him“. Sauber gewischt wird der ausgenommene Hahn, nicht die Innereien; die Übersetzung folgt dem Seitenbild.
Andere mögliche Lesart:
- „them“: die Innereien werden gesäubert und weiterverwendet - So die bisherige Lesung; das Seitenbild stützt sie nicht. Ob die Innereien mit in die Blase kommen, bleibt offen.
as hour before supper
Gewählte Lesart: „an hour before supper“: Die Handschrift (S. 36) schreibt „an“; eine Stunde vor dem Abendessen.
Andere mögliche Lesart:
- „as hour“ als Schreibfehler der Hand - Das Seitenbild zeigt keinen Schreibfehler.
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
