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Schnupfmittel aus Gundermann und Primelwurzel gegen Migräne und Schwindel

Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchRezeptbuch der Sarah Longe (~1610)

Gegen die Migräne oder den Schwindel im Kopf: Zwanzig Blätter Gundermann und eine Primelwurzel, sauber gewaschen und geschabt - stoße sie zusammen klein mit einem Löffel voll Frauenmilch. Ist das Mittel für einen Mann, muss es die Milch sein, an der ein Mädchen saugt; ist es für eine Frau, muss es die Milch sein, an der ein Junge saugt.

Seihe den Saft aus, nimm von dieser Substanz einen Tropfen auf einen Löffel und setze einen Federkiel darauf. Halte ein Nasenloch mit deinem Finger zu und zieh den Tropfen mit dem anderen hoch. Nach drei Tagen tu dasselbe mit dem anderen Nasenloch, und dann eine Woche lang nicht mehr.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Twenty ground Ivy leaves 20 Gundermannblätter 20 Stück - -
one primrose roote 1 Primelwurzel 1 Stück - -
a sponefull of womans milke ein Löffel voll Frauenmilch 1 EL - -

Was ist das? Ein Schnupfmittel aus dem Hauptteil des Buchs: Der Saft aus Gundermannblättern und einer Primelwurzel, mit einem Löffel Frauenmilch klein gestoßen und ausgeseiht, wird tropfenweise durch die Nase hochgezogen. Die Überschrift nennt den Zweck, Migräne und Schwindel im Kopf; das ist der Anspruch der Handschrift, keine belegte Wirkung.

Die Milch. Die Handschrift verlangt für einen Mann die Milch, an der ein Mädchen saugt, für eine Frau die Milch, an der ein Junge saugt - also die Milch einer stillenden Frau, über Kreuz nach dem Geschlecht des Kindes gewählt. Einen Grund dafür nennt sie nicht.

Der Federkiel. Der Kiel wird auf den Tropfen im Löffel gesetzt; wer das Mittel nimmt, hält ein Nasenloch zu und zieht den Tropfen mit dem anderen hoch. Der Kiel dient damit als Röhrchen. Nach drei Tagen wechselt die Anwendung auf das andere Nasenloch, danach folgt eine Woche Pause.

Einordnung. Ein Schnupfmittel der Hausapotheke gegen Kopfleiden, überliefert als historisches Zeugnis und nicht als Anleitung zur Behandlung.

Kann man dieses Mittel heute anwenden?

Nein. Der Eintrag ist ein historisches Dokument der Hausarznei und keine Anleitung zur Behandlung.

Ist „ground Ivy“ gemahlener Efeu?

Nein. „Ground ivy“ ist der englische Name des Gundermanns; Ludwigs Wörterbuch von 1706 übersetzt ihn mit „erdepheu“. Im Rezept werden zwanzig Blätter gewaschen und mit der Primelwurzel gestoßen.

Warum wechselt die Milch nach dem Geschlecht?

Die Handschrift sagt es nicht. Sie schreibt nur vor: für einen Mann die Milch, an der ein Mädchen saugt, für eine Frau die Milch, an der ein Junge saugt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein. Es ist eine Arznei und kein Lebensmittel.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.

Schnupfmittel aus Gundermann und Primelwurzel gegen Migräne und Schwindel – Originalseite aus Rezeptbuch der Sarah Longe
Scan 127526, Folger Shakespeare Library, MS V.a.425
For the Megrim, or swiming in the head. Twenty ground Ivy leaves, and one primrose roote, cleane washed, and scraped, stamp them together small, with a sponefull of womans milke, If the medicine be for a man, it must be the milke which a Girle sucks on, if for a woman it must be the milke which a boy sucks, straine out the Iuice, and of that substance take out one drop in a spone, and sett a quill upon it, and holding one nostrill with your finger snuffe it up with one other, and after 3 dayes doe the like to the other nostrill, and then noe more for a weeke.
Megrim

Ludwigs englisch-deutsches Wörterbuch von 1706 gibt „Megrim“ als „hauptwehe auf einer seite, so nicht stets anhält“, französisch migraine; Phillips (1658) beschreibt sie als Schmerz in den Schläfen und im Vorderkopf.

ground Ivy

Gundermann (Glechoma hederacea). Ludwig (1706) übersetzt „Ground-ivy“ mit „erdepheu“; ground ist Teil des Pflanzennamens und heißt hier nicht „gemahlen“.

primrose roote

Britten und Holland (1886) nennen primrose den allgemeinen englischen Namen für Primula vulgaris, die Stängellose Schlüsselblume. Welche Primel die Handschrift meint, sagt sie nicht.

Handschrift
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425
Teil
Hauptteil: Sarah Longes Rezeptbuch mit Register (S. 1–49)
Sprache
Frühneuenglisch, englische Haushaltshandschrift des 17. Jahrhunderts mit Nachträgen bis ins 18. Jahrhundert; Mrs Sarah Longe und spätere Hände
Entstehung
England, 1610

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsnuffe it up with one other

Gewählte Lesart: „with the other“, mit dem anderen (Nasenloch): In der Handschrift steht dieselbe Form von the wie in „doe the like“ in der nächsten Zeile, nicht „one“. Die Übersetzung folgt dieser Lesung.

Andere mögliche Lesart:

  • „with one other“, mit einem anderen - Steht so nicht in der Handschrift; der Sinn bliebe derselbe, weil nur das zweite Nasenloch übrig ist.

Originalwerk (~1610) gemeinfrei.

Bildquelle
Scan 127526, Folger Shakespeare Library, MS V.a.425 Quelle öffnen
Transkription
Folger Shakespeare Library, Lesetext (EMROC) der Handschrift V.a.425 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/lon-061
LagerkücheLagerküche
Nein: Das ist eine Arznei, keine Anleitung zur Selbstmedikation, und kein Lebensmittel.
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Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.