Anis-Minz-Trank gegen Weißfluss und Samenfluss
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610
Um den Weißfluss und den Samenfluss zu stillen, von Mr Aires.
Nimm etwa 1 l (ein Quart) Wasser, gib etwa 30 g (eine Unze) Anissamen hinein und koche es auf etwa 0,5 l (ein Pint) ein. Dann seihe es ab, teile die Flüssigkeit in drei Teile und gib einen Löffel voll Saft von roter Minze hinein. So trinke es morgens kalt und abends warm, eine Woche lang oder länger, wenn du willst.
Den Minzsaft musst du jeden Tag frisch machen. Und wenn du einen Löffel voll in dein Wasser gibst, wird es umso besser.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| a quart of water | etwa 1 l Wasser (ein Quart) | 1 l | - | - |
| one Ounce of Anniseeds | etwa 30 g Anissamen (eine Unze) | 30 g | - | - |
| one sponefull of the Iuice of red mint | ein Löffel voll Saft von roter Minze | 1 EL | - | - |
Was ist das? Eine Abkochung von Anissamen in Wasser, auf die Hälfte eingekocht und abgeseiht, in drei Teile geteilt und mit frischem Saft roter Minze versetzt. Getrunken wird sie morgens kalt und abends warm, eine Woche oder länger - nach der Überschrift gegen den Weißfluss und den Samenfluss. „Stay“ heißt hier einen Fluss stillen.
Die rote Minze. Gerard (1633) nennt sie auch „browne Mint“ und rechnet sie nach Plinius gerade gegen den Weißfluss; er hält Minze für warm und trocken im dritten Grad. Das ist die Begründung der Zeit, keine heutige Wirkung. Die Art bleibt offen.
Offene Stellen. Ob in jeden der drei Teile ein Löffel Saft kommt oder einer in den ganzen Sud, und ob „dein Wasser“ das sonstige Trinkwasser meint, sagt die Handschrift nicht. Auch wie sich drei Teile auf zwei Trinkzeiten am Tag verteilen, bleibt offen.
Einordnung. Ein Hausmittel, das die Minze so einsetzt, wie Gerards Kräuterbuch sie gegen den Weißfluss empfiehlt - ein Zeugnis der Hausapotheke, keine Behandlungsanleitung. Anis und Minze sind Küchenkräuter, Gefahrstoffe nennt der Eintrag nicht; die Wirkung ist der Anspruch der Handschrift, keine Tatsache.
Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?
Nein. Es ist ein historisches Hausmittel, keine Speise und keine Anleitung zur Selbstmedikation.
Was bedeuten „the whites“ und „the running of the reins“?
„The whites“ ist der Weißfluss, ein Ausfluss bei Frauen; Gerards Kräuterbuch von 1633 schreibt „the whites in women“. „The running of the reins“ ist ein fester Krankheitsname: Ludwig übersetzt ihn 1706 mit „der saamenfluß“, Blount beschreibt ihn 1656 als unwillkürlichen Samenfluss bei Mann oder Frau.
Kann man den Trank heute nehmen?
Nein. Der Eintrag ist ein historisches Dokument einer Hausapotheke, keine Behandlung. Die Wirkung ist der Anspruch der Handschrift.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.
- the whites
Der Weißfluss, ein Ausfluss bei Frauen. Gerards Kräuterbuch von 1633 spricht von „the whites in women“ und nennt ihn an einer Stelle zusammen mit dem „running of the reines“.
- runing of the Raines
Raines ist reins, Nieren und Lenden; die Fügung ist aber ein fester Krankheitsname. Ludwigs Wörterbuch von 1706 übersetzt „The running of the reins“ mit „der saamenfluß“, französisch la gonorrhée. Blount erklärt 1656 Gonorrhea als „the flux of natural seed of man or woman unwittingly“, einen unwillkürlichen Samenfluss bei Mann oder Frau.
- red mint
Gerards Kräuterbuch von 1633 nennt die erste seiner Minzen englisch „browne Mint; or red Mint“ und schreibt gerade ihr nach Plinius zu, sie sei „singular good against the whites“. Welche Minzart das nach heutiger Bestimmung ist, bleibt offen.
Normdaten der Zutaten
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| a quart of water | water Q283 |
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
and into it one sponefull of the Iuice of red mint
Gewählte Lesart: Ein Löffel Minzsaft in jeden der drei Teile, also je Trinkportion: Der Saft soll jeden Tag frisch gemacht werden, was zu einer Zugabe Portion für Portion passt.
Andere mögliche Lesart:
- Ein einziger Löffel Minzsaft für den ganzen Sud. - „it“ steht in der Einzahl und kann auf „the liquor“ zurückgehen; die Handschrift entscheidet es nicht.
if you put a sponefull into your water
Gewählte Lesart: Ein weiterer Löffel Minzsaft in das Wasser, das der Kranke sonst trinkt: Die Handschrift wechselt von „the liquor“ zu „your water“.
Andere mögliche Lesart:
- Ein zusätzlicher Löffel in den Anisauszug selbst. - Möglich, wenn „your water“ nur ein anderes Wort für den Auszug ist; dann wäre der Satz eine Verstärkung der Dosis.
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Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
