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Surfeit-Wasser mit Mohn und Anis

Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
BuchRezeptbuch der Sarah Longe (~1610)

Nimm etwa 5 l (fünf Quart) Aniswasser und lass etwa 18 l (einen halben Scheffel) Mohn drei Tage darin ziehen. Dann seihe es ab.

Gib etwa 450 g (ein Pfund) entsteinte Sonnenrosinen hinein, etwa 450 g (ein Pfund) Feigen in Scheiben, etwa 225 g (ein halbes Pfund) dünn geschnittenes Süßholz, etwa 60 g (zwei Unzen) Anissamen und etwa 30 g (eine Unze) Fenchelsamen, angestoßen. Lass sie weitere drei oder vier Tage darin ziehen, dann fülle es in Flaschen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
five quarts of anniseed water etwa 5 l (fünf Quart) Aniswasser 5 l - -
halfe a bushell of Popyes etwa 18 l (ein halber Scheffel) Mohn 18 l - -
a pound of raisons of the sunn stoned etwa 450 g (ein Pfund) Sonnenrosinen, entsteint 450 g - -
a pound of figgs sliced etwa 450 g (ein Pfund) Feigen, in Scheiben 450 g - -
halfe a pound of licorish sliced thin etwa 225 g (ein halbes Pfund) Süßholz, dünn geschnitten 225 g - -
two ounces of anniseeds etwa 60 g (zwei Unzen) Anissamen, angestoßen 60 g - -
one ounce of fennel seed, brused etwa 30 g (eine Unze) Fenchelsamen, angestoßen 30 g - -

Was ist das? Ein Surfeit Water, nach seinem Namen ein Mittel der Hausapotheke gegen den verdorbenen Magen: Mohn wird in Aniswasser ausgezogen, danach ziehen süße Früchte, Süßholz und angestoßene Samen in derselben Flüssigkeit. Der Eintrag nennt keinen Gebrauch und keine Menge zum Einnehmen, nur die Überschrift gibt den Zweck an.

Zwei Auszüge. Der Mohn liegt drei Tage in der Flüssigkeit und wird dann abgeseiht; erst danach kommen Rosinen, Feigen, Süßholz, Anis und Fenchel für weitere drei oder vier Tage hinein. Wärme, Gefäß und Verschluss nennt der Eintrag nicht, gegoren oder destilliert wird nicht.

Welcher Mohn? Der Eintrag sagt nur „Popyes“. Ludwigs Wörterbuch von 1706 beschreibt das Surfeit-water als Wasser von rotem Mohn, und das Mohnmittel des Mr Triplett in Teil 1 (lon-065) nimmt dieselbe Menge ausdrücklich als rote Mohnblüten. Klatschmohn ist kein Opiummohn; wäre Schlafmohn gemeint, wäre es ein Opiummittel. Die Lesung bleibt eine begründete Deutung.

Aniswasser. Ob ein gebranntes Aniswasser oder ein einfacher Auszug gemeint ist, bleibt offen; die zweite Fassung (lon-116) setzt dafür „Anniseed water or Brandy“.

Einordnung. Ein Surfeit Water der Hausapotheke des 17. Jahrhunderts: es dokumentiert, womit man damals den verdorbenen Magen behandeln wollte, und ist keine Anleitung zum Nachmachen. Die Wirkung ist der Anspruch der Handschrift und ihrer Zeit.

Was ist ein Surfeit-Wasser?

Ein Hausmittel gegen surfeit, das Überessen als Krankheit. Ludwigs Wörterbuch von 1706 beschreibt es als Wasser von rotem Mohn und anderen Kräutern, das gegen den verdorbenen Magen gut sein sollte. Dieser Eintrag lässt Mohn, Früchte, Süßholz und Samen in Aniswasser ziehen.

Kann man das heute nehmen?

Nein. Der Eintrag ist ein historisches Dokument der Hausapotheke und keine Anleitung zur Selbstbehandlung.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein. Es ist ein Heilmittel, Arznei und keine Speise.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.

To make surfeit water Take five quarts of anniseed water, halfe a bushell of Popyes, steeped three dayes in it, then straine it out and pat a pound of raisons of the sunn stoned, a pound of figgs sliced, halfe a pound of licorish sliced thin, two ounces of anniseeds, one ounce of fennel seed, brused infuse them of three or fower dayes more, then put it into botteles.
surfeit water

Surfeit ist das Überessen als Krankheit, der verdorbene Magen nach einem Übermaß. Ludwigs englisch-deutsches Wörterbuch von 1706 erklärt Surfeit-water als „ein distillirtes wasser von rothem mohn, kornrosen, und andern kräutern, so vor den verderbten magen gut sind“. Das ist der Anspruch der Zeit; dieser Eintrag destilliert nicht, sondern lässt ziehen.

bushell

Englisches Trockenmaß zu vier Peck, rund 36 Liter; der halbe Bushel ist also eine Raummenge, keine Gewichtsangabe. Ludwig 1706 gibt das Wort mit „Scheffel“ wieder.

Handschrift
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425
Teil
Nachträge späterer Hände, 17. Jahrhundert (S. 53–77)
Sprache
Frühneuenglisch, englische Haushaltshandschrift des 17. Jahrhunderts mit Nachträgen bis ins 18. Jahrhundert; Mrs Sarah Longe und spätere Hände
Entstehung
England, 1610

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

halfe a bushell of Popyesopium poppy Q2007388

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartPopyes

Gewählte Lesart: Mohn, wohl Klatschmohnblüten: Ludwig 1706 nennt das Surfeit-water ein Wasser „von rothem mohn, kornrosen“, und Mr Tripletts Mittel in diesem Buch (lon-065) setzt dieselbe Menge, einen halben Scheffel, ausdrücklich als „red poppy flowers“ an. Der Eintrag selbst nennt weder Farbe noch Pflanzenteil.

Andere mögliche Lesart:

  • Schlafmohn (Mohnköpfe) - „Poppy“ ist der Gattungsname (Britten); Schlafmohn war die Opiumpflanze der Zeit (Phillips 1658: Opium, „the juyce of black Poppy, which is used to cause sleep“). Für ein Surfeit Water sprechen Ludwig und lon-065 gegen diese Lesart.

Lesartanniseed water

Gewählte Lesart: Aniswasser als gegebene Grundflüssigkeit, wörtlich übersetzt; wie es hergestellt war, sagt der Eintrag nicht.

Andere mögliche Lesart:

  • gebranntes Aniswasser (Anisbranntwein) - Die zweite Fassung lon-116 schreibt „Anniseed water or Brandy“ und stellt es damit neben Branntwein; lon-065 und lon-112 ziehen den Mohn in Branntwein aus. Ein Hinweis, kein Beleg.

Originalwerk (~1610) gemeinfrei.

Bildquelle
Scan 127535, Folger Shakespeare Library, MS V.a.425 Quelle öffnen
Transkription
Folger Shakespeare Library, Lesetext (EMROC) der Handschrift V.a.425 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/lon-078
LagerkücheLagerküche
Heilmittel: Arznei, keine Anleitung zur Selbstmedikation.
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Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.