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Gelbe Salbe aus Harzen und Wachs

Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchRezeptbuch der Sarah Longe (~1610)

Die gelbe Salbe herstellen.

Nimm von Harz und Perrosen je etwa 225 g (ein halbes Pfund), von Jungfernwachs und Weihrauch je etwa 110 g (ein Viertelpfund), von Mastix und Hirschtalg je etwa 30 g (eine Unze). Zerschneide dann Talg und Wachs und lass beides zuerst in einem Kessel zergehen. Gib dann das Harz hinein und lass es schmelzen, danach die Perrosen, danach den Weihrauch, zuletzt den Mastix, eines nach dem anderen. Rühre dabei die ganze Zeit, bis alles gut geschmolzen ist, lass es aber auf keinen Fall kochen.

Nimm es dann vom Feuer und seihe es durch ein grobes Leinentuch in etwa 2 l (ein Pottle) kochend heißen Weißwein. Rühre so lange, bis es blutwarm ist. Gib dann etwa 110 g (ein Viertelpfund) Terpentin und etwa 8 g (zwei Drachmen) zerstoßenen Kampfer dazu und rühre beides gut ein. Wenn die Masse kalt genug zum Anfassen ist, nimm sie aus dem Wein und rolle sie für den Gebrauch zusammen.

Für eine Fistel: Gib etwa 120 g (vier Unzen) Myrrhe zu den Zutaten, während sie schmelzen.

Den Wein, in dem die Salbe gewaschen wurde, soll man aufheben, um damit eine Wunde oder ein Geschwür auszuwaschen; er sei dafür sehr gut.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
rosen Harz (Kolophonium) 225 g - -
perrosen Perrosen 225 g - -
virgins wax Jungfernwachs 110 g - -
frankincence Weihrauch 110 g - -
mastick Mastix 30 g - -
deer suit Hirschtalg 30 g - -
a pottle of white wine Weißwein 2 l - -
a quarter of pound of turpentine Terpentin 110 g - -
two drames of beaten Chamfeir Kampfer, zerstoßen 8 g - -
4 ounces of myrrhe Myrrhe 120 g - -

Was ist das? Eine Salbe aus Harzen, Wachs und Hirschtalg, die zum Schluss aus dem Wein genommen und zusammengerollt wird. Die Handschrift nennt für die Grundfassung keinen Zweck; erst der Zusatz mit Myrrhe gilt einer Fistel, und der Wein, in dem die Masse abkühlt, soll zum Auswaschen von Wunden und Geschwüren dienen.

Die Reihenfolge. Zuerst zergehen Talg und Wachs, dann kommen die Harze einzeln dazu: Harz, Perrosen, Weihrauch, Mastix. Endzeichen sind „till they be well melted“ und das Verbot „by noe meanes to boile“. Danach läuft die Masse durch grobes Leinen in kochend heißen Weißwein und wird gerührt, bis sie blutwarm ist; erst dann kommen Terpentin und Kampfer hinein. Ob beides noch im warmen Wein oder erst beim Abkühlen eingerührt wird, lässt der Satzbau ohne Satzzeichen offen.

Perrosen. Das Wort steht zweimal deutlich in der Handschrift, ist aber in keinem der englischen Wörterbücher der Zeit verzeichnet. Die Paarung „rosen and perrosen“ und die Schmelzfolge sprechen für eine zweite Harzsorte; welche, bleibt offen.

Einordnung. Die Salbe gehört zur Wundversorgung einer Hausapotheke des 17. Jahrhunderts und wird hier als historisches Dokument wiedergegeben, nicht als Anleitung. Sachlich zu den Stoffen und Arbeitsschritten: Fett und Harz werden am offenen Feuer geschmolzen und sind brennbar, der Wein ist kochend heiß; Kampfer ist bei Verschlucken giftig, Terpentin reizt Haut und Schleimhäute.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein. Es ist keine Speise, sondern eine Salbe aus Harzen, Wachs und Talg mit Kampfer und Terpentin, also Arznei und kein Lebensmittel.

Was bedeuten „pottle“ und „blood hott“?

Ein Pottle ist ein Hohlmaß von zwei Quart, also etwa 2 l; Ludwigs Wörterbuch von 1706 nennt es eine halbe Gallone. „Blood hott“ heißt blutwarm.

Warum wird die Salbe in heißen Wein geseiht?

Der Text begründet es nicht. Er sagt nur, man solle die Masse im Wein rühren, bis sie blutwarm ist, sie herausnehmen, wenn sie sich anfassen lässt, und den Wein danach aufheben, um Wunden und Geschwüre damit auszuwaschen.

Kann man die Salbe heute nachmachen und verwenden?

Nein. Sie wird hier als historisches Dokument einer Hausapotheke des 17. Jahrhunderts wiedergegeben, nicht als Anleitung zur Behandlung.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.

Gelbe Salbe aus Harzen und Wachs – Originalseite aus Rezeptbuch der Sarah Longe
Scan 127535, Folger Shakespeare Library, MS V.a.425
To make the yellowe Salve. Take of rosen and perrosen of each halfe a pound, virgins wax and frankincence of each a quarter pound, mastick & deer suit of each one ounce, then cut the suet & wax & disolve them first in a kettle, then put in the rosen & let yt melt thenthe perrosen, thenthe frankincence, next the mastick one after the other, but be sure to stirr them all the while, till they be well melted, but by noe meanes to boile, then take it of the fire, & straine it through a course lining Cloath into a pottle of white wine boiling hot & soe stirr it till it be blood hott, & then put a quarter of pound of turpentine two drames of beaten Chamfeir, & stirr them well in when tis cold to handle take it out of the wine, & roll it vp for your vse, but for a fistula put in 4 ounces of myrrhe amongst the things whilst they are melting The wine that wash this salve would be saved to wash a wound of sore with all being very good for that purpose.
rosen

Nicht die Blume, sondern Harz: Ludwigs englisch-deutsches Wörterbuch von 1706 gibt „Rosin, das hartz; colophonium“.

virgins wax

Jungfernwachs: nach Charles Butlers Bienenbuch von 1623 das Wachs der Waben, die im ersten Jahr genommen und ausgelassen werden; das übrige heißt dort gewöhnliches Wachs.

turpentine

Terpentin meint hier den zähflüssigen Harzbalsam von Nadelbäumen (Ludwig 1706: „der terpentin“), nicht das daraus destillierte Terpentinöl.

fistula

Fistel: Ludwig 1706 erklärt „eine fistel, ein geschwüre mit einem tieffen loche“.

Handschrift
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425
Teil
Nachträge späterer Hände, 17. Jahrhundert (S. 53–77)
Sprache
Frühneuenglisch, englische Haushaltshandschrift des 17. Jahrhunderts mit Nachträgen bis ins 18. Jahrhundert; Mrs Sarah Longe und spätere Hände
Entstehung
England, 1610

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

rosenrose Q34687
mastickmastic Q318367

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartperrosen

Gewählte Lesart: Eine zweite Harzsorte, im Deutschen als „Perrosen“ stehen gelassen. Die Paarung mit „rosen“ (Harz) und die Schmelzfolge mit Weihrauch und Mastix tragen das; das Wort selbst steht in keinem der geprüften Wörterbücher (Ludwig, Blount, Phillips, Halliwell, Britten, Cotgrave, Florio).

Andere mögliche Lesarten:

  • Pech oder Burgunderpech - Ein gröberes Harz neben dem Kolophonium wäre sachlich möglich, ist aber nicht belegt.
  • eine Blüte (Rosen, Klapperrosen) - Nur Namensnachbar; eine Blüte schmilzt nicht und passt nicht in die Harzfolge.

Lesartwhen tis cold to handle

Gewählte Lesart: Terpentin und Kampfer werden im blutwarmen Wein eingerührt; erst wenn die Masse kalt genug zum Anfassen ist, wird sie herausgenommen und gerollt.

Andere mögliche Lesart:

  • Terpentin und Kampfer werden erst eingerührt, wenn die Masse anfassbar kalt ist - Ohne Satzzeichen möglich; die Folge „stirr them well in“ vor „take it out of the wine“ spricht für die gewählte Lesart.

Lesarta wound of sore

Gewählte Lesart: „a wound or sore“ = eine Wunde oder ein Geschwür. Die Handschrift hat an dieser Stelle „or“, mit derselben r-Form wie in „or dip Cloaths“ auf derselben Seite; „of“ ist eine Verlesung.

Andere mögliche Lesart:

  • „a wound of sore“ = eine Wunde von einem Geschwür - Folgt der fehlerhaften Lesung „of“, die die Handschrift nicht stützt.

Originalwerk (~1610) gemeinfrei.

Bildquelle
Scan 127535, Folger Shakespeare Library, MS V.a.425 Quelle öffnen
Transkription
Folger Shakespeare Library, Lesetext (EMROC) der Handschrift V.a.425 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/lon-079
LagerkücheLagerküche
Arznei, keine Anleitung zur Selbstmedikation; eine Salbe aus Harzen, Wachs und Talg ist zudem kein Lebensmittel.
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Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.