Bleimasse aus Mennige und Bleiweiß für Pflastertücher
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610
Die Bleimasse für das learch-Tuch zu machen.
Nimm etwa 450 g (ein Pfund) Mennige und etwa 450 g (ein Pfund) Bleiweiß, beides sehr fein zerstoßen. Gib sie in eine tiefe, gut bleiglasierte Tonschüssel, dazu etwa 0,5 l (eine Pint) Salatöl, etwa 360 g (12 Unzen) Kastilienseife, in Scheiben geschnitten, und etwa 90 g (3 Unzen) Bienenwachs, sehr dünn geschnitten.
Setze sie über ein schwaches Feuer und rühre ununterbrochen, bis alles geschmolzen ist. Danach lass es schwach sieden, bis es die Farbe von Öl annimmt. Wenn es weder an den Fingern noch am Brett kleben bleibt, ist es genug.
Dann forme es entweder zu Rollen oder tauche Tücher hinein, und bewahre sie für deinen Gebrauch auf.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| a pound of red lead | Mennige | 450 g | - | - |
| a pound of white | Bleiweiß | 450 g | - | - |
| a pint of sallet oyle | Salatöl | 500 ml | - | - |
| 12 ounces of cassell soap sliced in | Kastilienseife, in Scheiben | 360 g | - | - |
| 3 ounces of bees wax cut very thin | Bienenwachs, sehr dünn geschnitten | 90 g | - | - |
Was ist das? Eine gekochte Bleipflastermasse: Mennige und Bleiweiß werden fein zerstoßen und mit Salatöl, Kastilienseife und Bienenwachs in einer tiefen, bleiglasierten Tonschüssel über schwachem Feuer unter ständigem Rühren geschmolzen und dann schwach gesiedet, bis die Masse die Farbe von Öl hat. Die Endprobe nennt die Handschrift selbst: Die Masse ist fertig, wenn sie weder an den Fingern noch am Brett kleben bleibt. Danach wird sie zu Rollen geformt, oder Tücher werden hineingetaucht. Einen Zweck oder eine Krankheit nennt der Eintrag nicht.
Das learch-Tuch. Die Hand schreibt in der Überschrift „Learch Cloath“ mit demselben L wie in „Lead“. Ein Wort learch belegt kein Wörterbuch; naheliegend ist der searcloth oder cerecloth, das Pflastertuch, das Holme 1688 als durch Pflastermasse gezogenes Leinen beschreibt. Diese Deutung bleibt offen.
Einordnung. Der Eintrag ist ein Nachtrag einer späteren Hand des 17. Jahrhunderts und zeigt, wie ein Haushalt eine Pflastermasse für Pflastertücher selbst kochte; er ist als historisches Dokument wiedergegeben, nicht als Anleitung. Mennige und Bleiweiß sind Bleiverbindungen und giftig, schon das feine Zerstoßen erzeugt giftigen Staub. Die Masse aus Öl, Seife und Wachs wird über dem Feuer siedend heiß.
Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?
Nein. Es ist kein Lebensmittel, sondern eine Pflastermasse aus Mennige und Bleiweiß, beides giftige Bleiverbindungen; schon das feine Zerstoßen erzeugt giftigen Staub. Das Rezept ist als historisches Dokument übersetzt, nicht zum Nachmachen.
Wofür war die Masse gedacht?
Das sagt der Eintrag nicht; er schließt nur mit „für deinen Gebrauch“. Die Wörterbücher der Zeit nennen Bleiweiß als Zutat, die Wundärzte in Salben und Pflastern verwendeten (Blount 1656), und den Sear-cloth als Tuch, das durch eine Pflastermasse gezogen wird (Holme 1688).
Was ist mit „Rollen“ und „Tücher eintauchen“ gemeint?
Die fertige Masse wird entweder zu Rollen geformt oder Tücher werden hineingetaucht. Wie Rollen und Tücher danach gebraucht wurden, sagt der Eintrag nicht.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.
- red lead / white
Mennige und Bleiweiß, zwei Bleiverbindungen (Ludwig 1706: „Minium, mennige“; „White lead, bleyweiß“). Das zweite „lead“ spart die Hand ein. Phillips 1658 nennt Bleiweiß als Stoff, den die Wundärzte für Salben brauchen. Beide sind giftig.
- wellleaded
Gut bleiglasiert: Ludwig 1706 gibt „to lead“ mit „mit bley überziehen“ wieder. Gemeint ist die innen glasierte Tonschüssel, in der die Masse schmilzt.
- sallet oyle
Salatöl; Ludwig 1706 setzt Sallet-oil mit Baumöl, also Olivenöl, gleich (wie in lon-053).
- cassell soap
Kastilienseife, die harte Olivenölseife aus Spanien; Woolley schreibt 1670 „Castile Sope“.
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
learch Cloath
Gewählte Lesart: Pflastertuch (englisch searcloth, cerecloth): Holme 1688 erklärt den Sear-cloth als Leinentuch, das durch eine dicke Salbe oder Pflastermasse gezogen wird, und genau das sieht das Rezept mit „dip Cloaths in“ vor. Die Hand schreibt das Wort aber deutlich mit L, nicht mit S.
Andere mögliche Lesart:
- Ein anderes Wort oder eine Tuchsorte, die die Hand „learch“ nennt. - Kein Wörterbuch belegt „learch“; die Pflastertuch-Deutung trägt nur über den Zusammenhang und den Anklang an „sear“.
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
