Kreidekuchen gegen Durchfall
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610
Um einen Durchfall zu stillen. Nimm das Eiweiß von 3 frisch gelegten Eiern, schabe dann Kreide hinein und vermische es, bis es ein fester Teig ist. Forme daraus einen Kuchen, backe ihn auf der Herdstelle und lege ihn sehr heiß auf den Nabel.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| the whites of 3 new laid eggs | Eiweiß von 3 frisch gelegten Eiern | 3 Stück | - | - |
| Chalke | Kreide | - | - | - |
Was ist das? Keine Speise, sondern ein äußerliches Hausmittel: Eiweiß und geschabte Kreide werden zu einem festen Teig gemischt, zu einem Kuchen geformt, auf der offenen Herdstelle gebacken und sehr heiß auf den Nabel gelegt. Wie viel Kreide und wie lange gebacken wird, sagt die Handschrift nicht; das Ende des Mischens ist erreicht, wenn die Masse ein fester Teig ist.
Nabel statt „Nobbe“. In der Handschrift steht nach unserer Lesung am Zeilenende „Noble“: Das b hat einen Bauch, der folgende Buchstabe ist ein l ohne Bauch, das auslautende e trägt die r-ähnliche Form dieser Hand. Halliwells Wörterbuch von 1846 führt „Noble“ als „the navel“, den Nabel. Die Folger Shakespeare Library liest „Nobbe“; für ein englisches Wort dieser Form als Körperstelle findet sich kein Beleg.
Einordnung. Ein Hausmittel des 17. Jahrhunderts, das Durchfall mit einer heißen Auflage auf den Nabel stillen wollte; überliefert als Zeugnis der häuslichen Heilkunde, nicht als Behandlung. Die Handschrift verlangt den Kuchen „very hote“ auf der Haut - eine so heiße Auflage kann Verbrennungen verursachen.
Was ist mit der „Nobbe“ gemeint, auf die der Kuchen gelegt wird?
Der Nabel. In der Handschrift steht nach unserer Lesung „Noble“, und Halliwells Wörterbuch von 1846 erklärt „Noble“ als „the navel“. Die Lesung „Nobbe“ ergibt im Englischen kein belegtes Wort für eine Körperstelle.
Ist der Kreidekuchen zum Essen gedacht?
Nein. Der Text sagt, der Kuchen werde sehr heiß auf den Nabel gelegt, also äußerlich aufgelegt.
Kann man das heute anwenden?
Nein. Der Eintrag ist ein historisches Dokument der Hausmedizin des 17. Jahrhunderts und keine Anleitung zur Behandlung von Durchfall.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.
- Loosness
Durchfall. Ludwigs englisch-deutsches Wörterbuch von 1706 gibt „Looseness“ als „ein bauchfluß“ wieder.
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Nobbe
Gewählte Lesart: „Noble“ = Nabel. In der Handschrift steht nach unserer Lesung „Noble“ (b mit Bauch, danach l ohne Bauch, e in der r-Form dieser Hand); Halliwell 1846: „NOBLE. (1) The navel. East.“ Der Ort passt zu einer Auflage gegen Durchfall.
Andere mögliche Lesart:
- „Nobbe“, eine unbestimmte Körperstelle - So liest die Folger Shakespeare Library. Ein englisches „nobbe“ als Körperteil ist in Ludwig, Blount, Phillips und Halliwell nicht belegt; die deutschen und niederländischen Treffer (Noppe, Knötchen) tragen nicht.
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Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
