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Orangenmarmelade mit dreimal gekochten Schalen

Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeitca. 45 Min. KüchenzeitBuchRezeptbuch der Sarah Longe (~1610)

Wiege zuerst deine Orangen gegen ebenso viel feinen Zucker ab. Dann schäle sie sehr dünn und nimm dabei so wenig von der Schale ab wie möglich. Schneide sie dann in Viertel und nimm das ganze Fruchtfleisch und den Saft heraus. Achte sorgfältig darauf, alle Kerne und Fäden daraus zu entfernen. Gib das Fruchtfleisch in ein Glas und decke es zu. Leg ein Stück Zucker dazu, sonst verliert es seine Frische.

Dann nimm deine Schalen und koche sie in drei verschiedenen Wassern, nachdem sie die Nacht zuvor in kaltem Wasser gelegen haben. In die beiden letzten Wasser gibst du sie erst, wenn diese kochend heiß sind. Wenn sie so weich gekocht sind, trockne sie in einem Tuch und schneide sie dann, aber nicht zu klein.

Dann nimm deinen Zucker, tauche jedes Stück nur kurz in Wasser, gib ihn in einen Kochtopf und koche ihn sehr hoch ein, bis er fast wieder zu Zucker wird. Dann koche deine Schalen eine halbe Stunde in diesem Zucker. Gib dann zu all dem dein Fruchtfleisch und den Saft und koche es eine Viertelstunde, und so füll es in Gläser.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
oranges Orangen, gewogen; Schale, Fruchtfleisch und Saft werden verwendet - - -
soe much fine sugar feiner Zucker im Gewicht der Orangen; ein Stück davon zum Fruchtfleisch - - -
3 severall waters Wasser zum Wässern über Nacht, für drei Kochgänge der Schalen und zum Eintauchen des Zuckers - - -

Was ist das? Eine Orangenmarmelade, bei der Schale und Fruchtfleisch getrennt behandelt werden: Die Schalen werden gewässert, in drei Wassern weich gekocht und dann lange im eingekochten Zucker gegart, Fruchtfleisch und Saft kommen erst für die letzte Viertelstunde dazu. Das Ergebnis sind Schalenstücke mit Fruchtfleisch in dickem Zucker, in Gläser gefüllt - keine schnittfeste Paste wie die Quittenmarmeladen des Buchs.

Welche Orangen? Der Text sagt nur oranges. Ludwig (1706) übersetzt orange mit „Pomerantze“ und führt die süße China-orange gesondert; gemeint sind daher wahrscheinlich Bitterorangen.

Welche Schale? Zuerst wird dünn geschält, dann werden die Früchte geviertelt und ausgelöst. Ob die „pills“ nur die dünn abgenommene Außenschale sind oder die ausgehöhlten Viertel, sagt der Text nicht (siehe Lesarten). Das Wässern über Nacht und die drei Wasser, die beiden letzten kochend angesetzt, nehmen der Schale die Bitterkeit und machen sie weich; die spätere Fassung im Buch (lon-122) nennt diesen Zweck ausdrücklich.

Der Zucker. Die Zuckerstücke werden nur kurz ins Wasser getaucht und dann „very high“ eingekocht, bis der Zucker „almost sugar again“ ist, also beinahe wieder fest wird. Eine Temperatur nennt der Text nicht. In diesem dicken Zucker kochen die Schalen eine halbe Stunde, danach Fruchtfleisch und Saft eine Viertelstunde.

Praxis. Das beiseitegestellte Fruchtfleisch bleibt zugedeckt mit einem Stück Zucker, bis es gebraucht wird. Hoch eingekochter Zucker ist sehr heiß und spritzt, wenn die Schalen hineinkommen. Wer den Zuckerpunkt heute messen will, kann das mit einem Zuckerthermometer tun - ein modernes Hilfsmittel, der Text verlässt sich allein auf das Aussehen des Zuckers.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja. Es ist Eingemachtes aus frischen Orangen: Die Schalen wässerst du über Nacht, danach brauchst du einen Kochtopf, ein Tuch und Gläser. Achte beim Einkochen des Zuckers auf das Feuer, siedender Zucker spritzt.

Woran erkenne ich, dass der Zucker „fast wieder Zucker“ ist?

Das Rezept nennt keine Temperatur und keine Probe, nur dieses Zeichen: Der angefeuchtete Zucker wird so lange eingekocht, bis er beinahe wieder fest und körnig wird. Erst dann kommen die Schalen hinein.

Was bedeuten „pill“, „meat“ und „spirits“?

Pill ist die Schale, meat das Fruchtfleisch, und spirits meint die Frische des Fruchtfleischs. Deshalb liegt ein Stück Zucker darauf, bis es im letzten Schritt zu den Schalen in den Zucker kommt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.

To make marmalade of Oranges First weigh your oranges against soe much fine sugar, & then pare them very thinn, taking of as as litle of the pill as may be, then cut them into quarters & take out all the meat & Iuice being carefull to take out from it all the seeds & strings & put that meat into a glass & cover it, to which put a peice of sugar else it will loose its spirits, then take your pills & boyle them in 3 severall waters, having laid the night before in cold water, putting them into the 2 last waters when they are boyling hot & when they be thus boyling tender drye them in a Cloath & then cut them, not shredding them over small, then take your sugar & iust dipping every lumpe into water put it into a skillet & boyle it very high till it be almost sugar again, then boyle your pills in that sugar halfe an hower & then to all this put your meat & Iuice & boyle that a quarter of an hower, & soe put it vp into glasses.
marmalade

Im Buch sonst eine feste Fruchtpaste aus Quitten (lon-007, lon-008). Hier Schalen und Fruchtfleisch in dick eingekochtem Zucker, in Gläser gefüllt.

meat

Hier das Fruchtfleisch der Orangen, nicht Fleisch.

spirits

Ludwig (1706) gibt für spirit unter anderem „die munterkeit, lebhafftigkeit“. Gemeint ist die frische Kraft des Fruchtfleischs, die ohne das Stück Zucker verloren ginge.

skillet

Nach Ludwig (1706) „eine kleine muß- oder breypfanne“, ein kleines Kochgefäß; hier wie in den übrigen Rezepten des Buchs mit „Kochtopf“ wiedergegeben.

till it be almost sugar again

Der Zucker wird so weit eingekocht, dass er beinahe wieder fest und körnig wird. Ein Maß dafür nennt der Text nicht.

Handschrift
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425
Teil
Nachträge späterer Hände, 17. Jahrhundert (S. 53–77)
Sprache
Frühneuenglisch, englische Haushaltshandschrift des 17. Jahrhunderts mit Nachträgen bis ins 18. Jahrhundert; Mrs Sarah Longe und spätere Hände
Entstehung
England, 1610

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

3 severall waterswater Q283

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartpill

Gewählte Lesart: Schale (Ludwig 1706: „die schale, rinde“). Gekocht werden die dünn abgeschälten Schalen: Das Schälen steht vor dem Vierteln, und „take your pills“ greift darauf zurück.

Andere mögliche Lesart:

  • Gekocht werden die ausgehöhlten Viertel, also die ganze Schale mit dem Weißen. - Nach dem Auslösen bleiben Schalenviertel übrig; das sehr dünne Schälen könnte nur die äußerste Haut abnehmen sollen.

Lesartboyle them in 3 severall waters, having laid the night before in cold water

Gewählte Lesart: Drei Kochgänge nach dem Wässern über Nacht; das erste Kochwasser wird kalt angesetzt, in die beiden letzten kommen die Schalen kochend.

Andere mögliche Lesart:

  • Das kalte Wasser der Nacht zählt als erstes der drei Wasser, gekocht wird zweimal. - „putting them into the 2 last waters when they are boyling hot“ könnte die beiden Kochgänge nach dem Wässern meinen.

Lesartoranges

Gewählte Lesart: Wahrscheinlich Bitterorangen (Pomeranzen): Ludwig (1706) übersetzt orange mit „eine pomerantze“ und führt die süße China-orange als eigenes Wort.

Andere mögliche Lesart:

  • Süße Orangen. - Der Text nennt keine Sorte; ausgeschlossen ist es nicht.

Originalwerk (~1610) gemeinfrei.

Bildquelle
Scan 127538, Folger Shakespeare Library, MS V.a.425 Quelle öffnen
Transkription
Folger Shakespeare Library, Lesetext (EMROC) der Handschrift V.a.425 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/lon-089
LagerkücheLagerküche
Eingemachtes aus frischen Orangen. Die Schalen liegen über Nacht im Wasser; danach braucht es einen Kochtopf, ein Tuch zum Trocknen der Schalen und Gläser. Das Einkochen des Zuckers verlangt Aufsicht, siedender Zucker spritzt und verbrennt.
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Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.