Diättrunk gegen die Gicht
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610
Ein Diättrunk gegen die Gicht.
Nimm Camipytis oder Gelben Günsel, etwa 360 g (12 Unzen), Turbith, etwa 120 g (4 Unzen), Hermodactiles, etwa 120 g (4 Unzen), Rhabarberwurzel, etwa 60 g (2 Unzen), Sennesblätter, etwa 120 g (4 Unzen), und Koriandersamen, etwa 30 g (1 Unze). Diese sollen zerstoßen und 24 Stunden lang in etwa 4 l (einer Gallone) frischem Bier oder Dünnbier angesetzt werden.
Wenn alles gut durchgezogen ist, seihe es ab und gieße die Flüssigkeit in etwa 20 l (5 Gallonen) neues, starkes Ale und schüttle es gut durcheinander. Dann gib die abgeseihten Drogen in einen Leinenbeutel und lass ihn 3 oder 4 Tage im Fässchen oder Gefäß mit dem Auszug hängen. Dann zieh es auf Flaschen ab und verschließe sie gut.
Ist der Kranke schwach, gib etwa 8 g (eine Viertelunze) Safran in den Auszug. Trink davon morgens nüchtern etwa 0,5 l (ein Pint).
Doctor Trigg.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Camipytis or Ground pine i2 oz | etwa 360 g (12 Unzen) Camipytis oder Gelber Günsel | 360 g | - | - |
| Turbith 4 oz | etwa 120 g (4 Unzen) Turbith | 120 g | - | - |
| Hermodactiles 4 oz | etwa 120 g (4 Unzen) Hermodactiles | 120 g | - | - |
| Rheubard 2 oz | etwa 60 g (2 Unzen) Rhabarberwurzel | 60 g | - | - |
| Sennae 4 oz | etwa 120 g (4 Unzen) Sennesblätter | 120 g | - | - |
| Coriander Seedes i oz | etwa 30 g (1 Unze) Koriandersamen | 30 g | - | - |
| a gallon of fresh beere or smal Ale | etwa 4 l (eine Gallone) frisches Bier oder Dünnbier | 4 l | - | - |
| 5 Gallons of new strong Ale | etwa 20 l (5 Gallonen) neues, starkes Ale | 20 l | - | - |
| a quarter of an ounce of saffron | etwa 8 g (eine Viertelunze) Safran | 8 g | - | - |
Was ist das? Ein Kur-Trunk der Hausapotheke gegen die Gicht. Sechs zerstoßene Drogen ziehen einen Tag lang kalt in Bier oder Dünnbier aus; der Auszug kommt in eine große Menge frisches, starkes Ale, und die Rückstände hängen im Leinenbeutel drei oder vier Tage im Fässchen nach, bevor alles auf gut verschlossene Flaschen gezogen wird. Getrunken wird morgens nüchtern ein Pint; für Schwache kommt Safran in den Auszug.
Die Drogen. „Camipytis“ gibt den griechischen Namen chamaipitys wieder, den die Handschrift selbst mit „Ground pine“ erklärt, dem Gelben Günsel. Turbith ist bei John Florio (1611) eine Wurzel, die in der Arznei gebraucht wurde, „to purge fleagme“; Edward Phillips (1658) kennt unter dem Namen außerdem einen roten Mineralstoff. Hermodactylus war die Hermodattel der Apotheken, die John Gerard (1633) unter den Zeitlosen führt. Rhabarberwurzel und Sennesblätter sind die bekannten Abführdrogen, die auch das Purgier-Ale lon-051 und der Abführtrank lon-052 nennen.
Einordnung. Der Trunk zeigt, wie ein Haushalt des 17. Jahrhunderts eine Gicht-Kur aus Apothekerdrogen in sein Ale band; die Wirkung ist der Anspruch der Handschrift, und der Eintrag ist als historisches Zeugnis übersetzt, nicht als Anleitung. Turbith, Sennesblätter und Rhabarberwurzel sind starke Abführdrogen, hier in großer Menge. Ist mit Hermodactylus die Zeitlosen-Knolle gemeint, enthält sie Colchicin, ein starkes Gift. Frisches Ale in fest verschlossenen Flaschen kann nachgären, und die Flaschen können platzen.
Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?
Nein. Es ist ein Heilmittel aus starken Abführdrogen, keine Anleitung zur Selbstmedikation, und zudem ein Ansatz, der mehrere Tage im Fass zieht.
Kann man den Trunk heute nehmen?
Nein, dafür geben wir keine Anleitung. Der Eintrag ist ein historisches Dokument der Hausapotheke; Turbith, Sennesblätter und Rhabarberwurzel sind starke Abführdrogen, und die Zeitlose, auf die Hermodactylus meist bezogen wird, ist giftig.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.
- Diet drink
Ludwig (1706) übersetzt „Diet-drink“ mit „Diättranck“, französisch potion medicinale, also einen Arzneitrank; mit einer Schlankheitsdiät hat das Wort nichts zu tun.
- Camipytis or Ground pine
Gelber Günsel (Ajuga chamaepitys); James Britten und Robert Holland (1886) setzen „Ground Pine“ mit dieser Art gleich, Edward Phillips (1658) beschreibt es als Kraut, das am Boden kriecht.
- rundlet
Ein kleines Fass; eine Gallonenzahl nennt der Text nicht.
- Gallons
Die Handschrift sagt nicht, welche Gallone sie meint: Die Weingallone fasste rund 3,8 Liter, die Ale-Gallone rund 4,6 Liter.
Normdaten der Zutaten
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| a quarter of an ounce of saffron | saffron Q25434 |
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Hermodactiles
Gewählte Lesart: Die Hermodattel der Apotheken, wohl die Knolle einer Zeitlose (Colchicum): Das mittellateinische hermodactylus bedeutet Zeitlose, und Gerard (1633) führt die „Hermodactyli“ der Apotheken unter den Zeitlosen.
Andere mögliche Lesart:
- Knolle einer Schwertlilie (Iris tuberosa) - Gerard berichtet, dass diese Knolle in Italien für Hermodactylus genommen wurde, bestreitet aber jede Ähnlichkeit. Die Gleichsetzung war also schon damals umstritten.
Turbith
Gewählte Lesart: Turbithwurzel, ein pflanzliches Abführmittel (Florio 1611: „a root much vsed in physicke to purge fleagme“), passend zu Rhabarber und Senna in derselben Liste von Pflanzendrogen.
Andere mögliche Lesart:
- mineralischer Turbith, eine Quecksilberverbindung - Phillips (1658) nennt unter „Turbith“ auch einen roten Mineralstoff, Blount (1656) den „Turbith mineral“. In einem Auszug aus zerstoßenen Pflanzen, der im Beutel ausgezogen wird, ist die Wurzel die nähere Lesart.
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Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
