Bier mit Fassgeruch: Rainfarn, Wacholder, Wurzeln und Eier ins Fass
Weinbuch. Das iſt: Vom baw vnd pflege des Weins ... Daneben auch wie man allerley Kreuter und Brantwein/ Eſſig/ Meth/ vnd Bier / machen, erhalten ... Durch Johann Raſch/ Burger zu Wien / an tag geben · Wien / München · 1580
Ebenso gegen Bier, das nach dem Fass stinkt: Nimm Rainfarn, das ist ein Kraut, Wacholderbeeren, die Heiliggeistwurzel und die roten Benedikten, von einem so viel wie vom anderen, und vier frische oder harte Eier, und hänge es in das Bierfass oder lege es hinein.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Rainfal | Rainfarn | - | - | - |
| Wechholderboͤꝛ | Wacholderbeeren | - | - | - |
| des heiligen Geiſts wurtzel | Heiliggeistwurzel | - | Kräuterhandel, Apotheke | - |
| Benedicten die rothen | rote Benedikten | - | Kräuterhandel, Apotheke | - |
| vier friſch oder haͤrte ayr | vier frische oder harte Eier | 4 | - | - |
Was ist das? Eine Kellermaßnahme gegen Bier, das nach dem Fass stinkt. Rasch bringt unter dieser Überschrift zwei Anweisungen: erst ein Bündel Weizenkörner (ras-136), dann dieses Gemenge aus einem Kraut, Beeren, zwei Wurzeln und vier Eiern, das ins Bierfass gehängt oder gelegt wird. Eine Wirkung verspricht er beim zweiten Item nicht eigens, die Überschrift gilt für beide.
Die Zutaten. „Rainfal“ ist hier nicht der Süßwein, sondern laut Text ein Kraut, der Rainfarn. Die Heiliggeistwurzel ist die Engelwurz, die roten Benedikten sind am ehesten die Nelkenwurz, deren Wurzel nach Gewürznelken riecht; was „rot“ meint, bleibt offen. Kraut, Beeren und Wurzeln kommen zu gleichen Teilen hinein; eine Gesamtmenge und die Größe des Fasses nennt Rasch nicht.
Die Eier. „Friſch oder haͤrte ayr“ stellt rohe und harte, also hart gekochte, Eier frei. Wozu sie im Fass dienen, sagt der Text nicht.
Hängen oder legen. Ob das Gemenge dazu in einem Beutel steckt, wie lange es im Fass bleibt und ob man es wieder herausnimmt, sagt der Text nicht. Das „oder legs“ lässt auch loses Einlegen zu.
Rainfarn heute. Rainfarn enthält Thujon und gilt als giftig. Er gehört heute nicht in ein Getränk.
Praxis. Wer das nachvollziehen will, lässt den Rainfarn weg, gibt Wacholderbeeren, Engelwurz- und Nelkenwurzwurzel zu gleichen Teilen in ein Leinensäckchen (modern) und hängt es in ein Fässchen oder einen großen Krug mit fertigem Bier; die Eier sind nach dem Text freigestellt, roh oder hart gekocht. Kosten, bis der Geschmack passt. Nach heutiger Einschätzung überdeckt eine solche Würze einen Fassgeruch eher, als dass sie ihn behebt; dagegen hilft vor allem ein sauberes Fass.
Was bedeutet „Rainfal“ hier, ist das nicht ein Wein?
An anderer Stelle des Buches ist „Rainfal“ ein Süßwein. Hier sagt der Text aber ausdrücklich „ist ein Kraut“, und es kommt mit Beeren und Wurzeln ins Bierfass. Gemeint ist der Rainfarn, den Schmellers Bayerisches Wörterbuch als „Rain-fan“ führt; Rumpolts Kochbuch hat dieselbe Stelle mit „Reinfall/ ist ein Kraut“.
Kann man das nachmachen?
Nur ohne den Rainfarn: Er enthält Thujon und gilt als giftig. Wacholderbeeren, Engelwurz und Nelkenwurz lassen sich in einem Säckchen in fertiges Bier hängen. Gegen echten Fassgeruch hilft das nach heutiger Einschätzung wenig, dagegen hilft ein sauberes Fass.
Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?
Nein. Es ist eine Kellermaßnahme an einem Bierfass, kein Gericht.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Rasch: Weinbuch (Wien / München). Weinbuch des Wiener Bürgers Johann Rasch, gedruckt bei Adam Berg in München um 1580: Weingartenbau in Versen, dann ein Kellerbuch - Most und Fässer, Weinfehler beheben, Kräuterweine, Essig, Met und Bier, viele kurze Mittel nach dem Muster „Item ...“.
- des heiligen Geiſts wurtzel
Alter Name der Engelwurz. Grimm führt unter „Geistwurz“ angelica als „des heiligen geist wurz“, das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch setzt „Heiliggeistwurz“ mit der Wald-Engelwurz gleich. Welche Engelwurz-Art Rasch meint, sagt er nicht.
Normdaten der Zutaten
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| Rainfal | rainval Q107262739 |
| Wechholderboͤꝛ | juniper berry Q3251025 |
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Rainfal
Gewählte Lesart: Rainfarn (Tanacetum vulgare). Der Text erklärt das Wort selbst: „iſt ein kraut“. Schmeller führt „Rain=fan, =farren“ als tanacetum, und Rumpolts Kochbuch hat an der wortgleichen Stelle ebenfalls „Reinfall/ ist ein Kraut“.
Andere mögliche Lesart:
- Rainfal als Süßwein - So heißt das Wort sonst in diesem Buch (ras-115) und im Frühneuhochdeutschen Wörterbuch (reinfal, norditalienischer Süßwein). Hier widerspricht der Zusatz „ist ein Kraut“.
Benedicten die rothen
Gewählte Lesart: Am ehesten die Echte Nelkenwurz (Geum urbanum): Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch nennt sie unter „benedicte“ zuerst, und die „rothe Benedicten wurtzel“ im selben Bierkapitel (ras-123) ist ebenso gelesen. Was „die roten“ von anderen Benedikten unterscheidet, sagt kein Beleg; welcher Pflanzenteil gemeint ist, sagt der Text hier nicht.
Andere mögliche Lesart:
- Benediktendistel (Cnicus benedictus) - Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch führt den Namen auch für sie. Für sie spricht hier nichts Besonderes, gegen sie die Parallele ras-123, die von einer Wurzel spricht.
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Stand dieser Fassung: 04.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
