Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Nimm die Ähren, die etwa eine Spanne lang sind, wenn man Korn gesät hat. Schneide sie klein und stoße sie in einem Mörser.
Weiche ein geröstetes Roggenbrot oder weiße Semmelschnitten in Essig ein und stoße es darunter. Gieße dann Wein oder Essig daran und treibe die Masse durch. Gieße sie in eine Schüssel, salze sie, gib etwas Zucker und Pfeffer hinzu.
Du kannst auch Ampferkraut oder Kronkraut nehmen, ehe es zu groß schießt. Im Winter kannst du Schnee von grünem Korn abschaben lassen und daraus Salsen machen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| die aͤher die erwann ſpannig lang ſein/ ſo man koren geſaͤet hat | Junges Getreidegrün | - | Wochenmarkt, Bio-Laden (Weizengras) | Junge Weizengras-Halme (kein Sprossenglas) |
| ein baͤts rugkens / od weiſſe ſemel ſchnite | Geröstetes Roggenbrot oder Weißbrot | - | - | - |
| eſſich | Essig | - | - | - |
| den wein oder eſſich | Wein oder Essig | - | - | - |
| ſaltz | Salz | - | - | - |
| zucker | Zucker | - | - | - |
| pfeffers | Pfeffer | - | - | - |
| Ampffer kraut | Ampferkraut (optional) | - | Wochenmarkt, Wildkräuterhändler | Sauerampfer |
| kroͤn kraut | Kronkraut (optional, historisch unsicher) | - | - | Ersatzweise Ampferkraut (Sauerampfer) nehmen - im Rezept selbst als gleichwertige Alternative genannt |
Welches Gericht ist das? Eine bindige grüne Salse: junge Getreide-Grüntriebe fein zerstoßen, mit essiggetränktem geröstetem Brot gebunden, mit Wein oder Essig verlängert, durch ein Tuch oder Sieb getrieben und mit Salz, Zucker und Pfeffer abgeschmeckt. Die Technik - Brot in Essig als Bindemittel für eine grüne, saure Sauce - entspricht im Kern der italienischen Salsa verde. Ungewöhnlich ist heute vor allem die Hauptzutat: junge Getreidesprossen statt Blattkräuter.
Kroͤn kraut. Der Text bietet als Ersatz für die Getreidetriebe wahlweise Ampferkraut oder 'kroͤn kraut' an. Welche Pflanze mit 'kroͤn kraut' genau gemeint ist, lässt sich nicht sicher klären - die Wörterbücher der Zeit verweisen einmal auf die Drachenwurz, einmal auf das Johanniskraut, zwei ganz verschiedene Pflanzen. Für die Küche braucht es diese Klärung auch nicht: Ampferkraut (Sauerampfer) steht im selben Satz als gleichwertige Wahl und ist die naheliegende, unbedenkliche Option.
Praxis. Junge Getreidehalme (oder Sauerampfer) klein schneiden und im Mörser zerstoßen. Geröstetes Roggenbrot oder Weißbrot in Essig einweichen und mit unterstoßen. Wein oder Essig angießen und die Masse durch ein feines Sieb oder Tuch treiben, das entfernt die groben Fasern und ergibt eine glatte Tunke. Erst danach salzen, zuckern und pfeffern - die passierte Masse zeigt erst dann ihre Konsistenz. Ein Stabmixer ersetzt den Mörser problemlos.
Gemeint ist das junge Grün von Getreide wie Weizen oder Roggen, solange es noch keine Ähren ausgebildet hat. Am einfachsten baust du es selbst an - im Handel läuft dasselbe als Weizengras. Alternativ nimm junge Blätter milder Wildkräuter. Nicht gemeint sind gekeimte Körner (Sprossen aus dem Glas), das ist eine andere Sache.
Ja, Goldstandard. Die Zubereitung ist schnell und unkompliziert. Die Zutaten sind robust und benötigen keine besondere Kühlung. Ein Mörser und eine Schüssel reichen als Equipment.
Welche Pflanze genau gemeint ist, lässt sich heute nicht mehr sicher sagen. Zeitgenössische Wörterbücher führen zwei verschiedene Spuren: die eine verbindet 'kronkraut' mit der Drachenwurz, die andere über 'königskronkraut' mit dem Johanniskraut - beides belegt, aber unterschiedliche Pflanzen. Der Text selbst nennt im gleichen Satz Ampferkraut (Sauerampfer) als gleichwertige Alternative, und das ist die praktische Wahl für die Küche.
Diese Anweisung beschreibt, wie man auch im Winter an die jungen Getreidesprossen kommt: Man schabt den Schnee von den Feldern mit grünem Korn ab, um die darunterliegenden Triebe zu ernten.
Der im Rezept genannte Mörser ist ein großer Fleischmörser, wie er im Mittelalter als Küchenmaschine diente, um Zutaten zu einer feinen Paste zu zerstoßen. Für dieses Rezept kannst du die Getreidesprossen auch mit einem Stabmixer oder einer Küchenmaschine pürieren. Wer authentisch arbeiten möchte, verwendet einen großen Granit-Mörser mit einem schweren Holzstößel.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Die jungen, noch körnerlosen Halme des gesäten Getreides, etwa eine Spanne hoch - nicht die reife Ähre und nicht gekeimte Körner.
Eine Spanne lang, ein altes Längenmaß, das etwa 20-25 cm entspricht.
Wenn das Korn (Getreide) gesät wurde und die jungen Triebe erscheinen.
Geröstetes Roggenbrot. ‚Bähen‘ bedeutet leicht rösten oder trocknen.
Scheiben von Weißbrot oder Semmeln.
Hier als Verb ‚pfeffern‘, also mit Pfeffer würzen.
Sauerampfer.
Ein historischer Pflanzenname, der sich nicht eindeutig auf eine heutige Art zurückführen lässt. Zeitgenössische Wörterbücher führen zwei verschiedene, einander widersprechende Spuren: die eine verbindet 'kronkraut' mit der Drachenwurz (Natternkraut), die andere über 'königskronkraut' mit dem Johanniskraut. Da der Text selbst Ampferkraut als gleichwertige Alternative nennt, ist das die naheliegende Wahl für die Küche - welche Pflanze der Drucker mit 'kroͤn kraut' meinte, bleibt offen.
Im Mittelalter ein großer Fleischmörser, nicht der kleine Gewürzmörser, der zum Zerkleinern von größeren Mengen oder festeren Zutaten diente.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| eſſich | vinegar Q41354 |
| ſaltz | table salt Q11254 |
| zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| pfeffers | pepper Q3143131 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
kroͤn kraut
Gewählte Lesart: 'Kronkraut' - eine nicht eindeutig identifizierbare Wildpflanze, die jung geerntet wird.
Andere mögliche Lesarten:
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Stand dieser Fassung: 11.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.