Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Um eine Gewürzmischung für Fisch zuzubereiten, nimm vier Lot Zimtstangen, anderthalb Lot Ingwer, ein Lot Pfeffer und ein halbes Lot Paradieskörner. Dazu gib Galgant, Nelken, Zitwer und Muskatblüte, jeweils ein Gulden schwer. Nimm außerdem ganzen Safran, Raute und Sanikel, jeweils zwei Gulden schwer.
Weiche den Safran und den Sanikel ein bis zwei Stunden in gutem Branntwein ein. Schneide die Zimtstangen, den Ingwer, den Galgant und die Muskatblüte klein. Die anderen Gewürze lasse ungeschnitten. Gib dann alles untereinander in einen Mörser und füge acht Lot Zucker hinzu.
Gieße danach den Safran und den Sanikel samt dem Branntwein dazu. Stoße alles, bis es ganz klein wird. Seihe es nicht ab, bis der Safran und der Sanikel gar wohl mit allen Dingen vermischt sind. Danach seihe es ab.
Will es aber nicht durch das Sieb gehen, lasse es verdeckt im Sieb, an der Sonne oder in der Stube stehen, bis es knusprig wird. Dann stoße es erneut, seihe es ganz ab und mische alles gut durcheinander. Du kannst nach Belieben noch ein wenig Zucker hinzufügen oder auch gar keinen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Zimetroͤꝛn vier lot | Zimtstangen | 60 g | Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| ing⸗ ber anderhalb lot | 22,5 g Ingwer | 22½ g | - | - |
| pfeffer ain lot | Pfeffer | 15 g | - | - |
| Paradis koͤꝛner halb lot | 7,5 g Paradieskörner | 7½ g | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | schwarzer Pfeffer (weniger aromatisch) |
| galgant | 3,5 g Galgant | 3½ g | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Ingwer (ähnlich, aber milder) |
| Naͤglen | 3,5 g Nelken | 3½ g | - | - |
| Toꝛtmari | 3,5 g Zitwer | 3½ g | Online-Gewürzhandel | Ingwer oder Galgant (ähnliche Schärfe, aber anderes Aroma) |
| muſcat | 3,5 g Muskatblüte (Macis) | 3½ g | Online-Gewürzhandel, gut sortierter Supermarkt | Muskatnuss, fein gerieben (kräftigeres, weniger blumiges Aroma) |
| gantzen Saffran | Safranfäden | 7 g | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| Rautten | Raute | 7 g | Gärtnerei, Online-Kräuterhandel | Petersilie (anderes Aroma, aber ähnliche Verwendung) |
| ſanickel | Sanikel | 7 g | Online-Kräuterhandel, Apotheke (als Heilkraut) | Petersilie oder Kerbel (mildere Kräuter) |
| guͦtten bꝛañten wein | Branntwein | 50 ml | Supermarkt | Weißwein oder Essig (für Säure, aber ohne Alkohol) |
| acht lot zucker | Zucker | 120 g | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine haltbar gemachte, gestoßene Gewürzmischung eigens für Fischgerichte - eine Species in der europaweiten Tradition komponierter Gewürzpulver, wie sie unter anderem als „pouldre fine" in anderen zeitgenössischen Kochbüchern erscheint. Ein entfernter Vorläufer heutiger fertiger Fischgewürzmischungen, allerdings mit einer im Alltag heute unüblichen Herstellungstechnik.
Muskat oder Muskatblüte? Der Text nennt ‚Muskat‘ zunächst als teure, nach Gulden gewogene Zutat, verlangt dann aber ausdrücklich, sie klein zu schneiden statt zu reiben. Klein geschnitten wird traditionell die Muskatblüte (Macis), die getrocknete Hülle um die Muskatnuss - die ganze Nuss wird dagegen gerieben. Die Mischung verwendet deshalb Muskatblüte, nicht geriebene Muskatnuss.
Praxis. Weiche Safran und Sanikel zunächst ein bis zwei Stunden in Branntwein ein - das löst die Farbe und das Aroma des Safrans und weicht das zähe Sanikel an. Schneide nur die harten, holzigen Gewürze (Zimtstangen, Ingwer, Galgant, Muskatblüte) klein; Pfeffer, Paradieskörner, Nelken, Zitwer und Raute bleiben ganz, sie zerfallen im Mörser von selbst. Vermenge zuerst die trockenen Gewürze mit dem Zucker im Mörser, gib erst danach die Safran-Sanikel-Branntwein-Mischung dazu - das verteilt die Feuchtigkeit gleichmäßiger und staubt weniger beim Stoßen. Lässt sich die entstehende feuchte Paste nicht durch das Sieb streichen, breite sie abgedeckt im Sieb an der Sonne oder in der warmen Stube aus, bis sie durchgetrocknet und brüchig ist - erst dann lässt sie sich fein zerstoßen und sieben.
Für einen Markttag ist das nichts, was sich in wenigen Stunden von Anfang bis Ende zeigen lässt - der Trocknungsschritt braucht je nach Wetter mehrere Stunden bis Tage. Als vorbereitetes Fertigprodukt zum Verkosten oder als reine Mörser-Vorführung (nur der erste Stoßvorgang) funktioniert es gut.
Die Vorlage ist an dieser Stelle nicht sicher lesbar - das Wort ‚Toꝛtmari‘ lässt sich im Druck nicht eindeutig entziffern. Der Vergleich mit ähnlichen Gewürzmischungen aus anderen Kochbüchern der Zeit legt jedoch nahe, dass Zitwer (Curcuma zedoaria) gemeint ist, eine dem Ingwer ähnliche, leicht bitter-aromatische Wurzel. Du findest Zitwer im gut sortierten Online-Gewürzhandel; ersatzweise eignen sich Ingwer oder Galgant.
Ein ‚Lot‘ war eine historische Gewichtseinheit, die in Süddeutschland etwa 15 Gramm entsprach. ‚Ein Gulden schwer‘ bezeichnete das Gewicht einer Goldmünze (Gulden), was für Gewürze oft mit etwa 3,5 Gramm angesetzt wird. Diese Angaben zeigen, wie kostbar die Gewürze damals waren.
Eingeschränkt (Aufwand): Die Zubereitung erfordert das Zerstoßen vieler Gewürze in einem Mörser und einen Trocknungsprozess, der mehrere Stunden oder Tage dauern kann (an der Sonne oder in einer warmen Stube). Die Zutaten sind robust, aber der Aufwand und die benötigte Zeit machen es eher zu einem Vorbereitungsprojekt für zu Hause oder für ein längeres Schaukochen im Lager.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Ein Lot war eine historische Gewichtseinheit, die regional variierte. Im süddeutschen Raum entsprach ein Lot etwa 15 Gramm.
‚Ein Gulden schwer‘ bezieht sich auf das Gewicht eines Goldguldens, einer damals gängigen Münze. Für Gewürze wird dies oft als etwa 3,5 Gramm angenommen, was die Kostbarkeit der Zutat unterstreicht.
Dies ist eine frühneuhochdeutsche Schreibweise für Zimtstangen, also die getrocknete Rinde des Zimtbaumes in ihrer ursprünglichen Form.
Diese Stelle ist im Druck nicht sicher zu entziffern. Der Vergleich mit ähnlichen Gewürzmischungen aus anderen zeitgenössischen Kochbüchern spricht für Zitwer (Curcuma zedoaria), eine Ingwer-ähnliche Wurzel mit aromatischem, leicht bitterem Geschmack, die im Mittelalter als Gewürz und Heilmittel geschätzt wurde - die genaue Schreibung des Originalworts bleibt aber offen.
Im Text zunächst als teure, nach Gulden gewogene Zutat genannt, dann aber ausdrücklich klein geschnitten statt gerieben. Klein geschnitten wird traditionell die Muskatblüte (Macis), die getrocknete Hülle um die Muskatnuss - die ganze Nuss wird dagegen gerieben. Die Mischung verwendet deshalb Muskatblüte.
Der Sanikel (Sanicula europaea) ist ein Doldenblütler, der im Mittelalter als Heilkraut und gelegentlich als Gewürz verwendet wurde. Er hat einen leicht bitteren, herben Geschmack.
Branntwein, also destillierter Wein, der heute als Weinbrand oder Brandy bekannt ist. Er diente hier als Lösungsmittel für die Aromen des Safrans und Sanikels.
Bedeutet, dass die Gewürzmischung knusprig oder brüchig wird. Dies ist ein Hinweis auf einen Trocknungsprozess, der die Haltbarkeit der Mischung verlängert und die weitere Verarbeitung (erneutes Zerstoßen) erleichtert.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| Zimetroͤꝛn vier lot | cinnamon Q28165 |
| ing⸗ ber anderhalb lot | ginger Q15046077 |
| pfeffer ain lot | pepper Q3143131 |
| Paradis koͤꝛner halb lot | grain of paradise Q1503476 |
| galgant | lesser galangal Q27653540 |
| Naͤglen | clove Q15622897 |
| muſcat | mace Q1882876 |
| gantzen Saffran | saffron Q25434 |
| guͦtten bꝛañten wein | brandy Q146470 |
| acht lot zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Toꝛtmari
Gewählte Lesart: Zitwer (Curcuma zedoaria). Die genaue Wortform ist im vorliegenden Druck nicht sicher lesbar; der Vergleich mit ähnlichen Gewürzmischungen aus anderen zeitgenössischen Kochbüchern, die an vergleichbarer Stelle ausdrücklich Zitwer nennen, stützt diese Lesart.
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Stand dieser Fassung: 11.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.