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Gelbe Lebzelten backen

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen8-12 PersonenBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Nimm Roggenmehl, das nicht klebrig ist. Siede Honig sehr schön und lass ihn abkühlen. Mache daraus einen Teig, der so dick ist, als würde man einen Laib Brot zubereiten und auswirken. Gib Pfefferpulver in das Mehl. Lass den Teig drei oder vier Wochen so stehen, dann wird er sehr gut.

Wenn du ihn backen willst, musst du ihn lange abziehen, damit er ganz zäh wird. Gib beim Bearbeiten Gewürze hinzu, wenn du ihn gut haben möchtest. Backe ihn etwa nach einem Brot in einem Backofen, der nur sehr heiß ist, aber nicht rissig werden soll. Wenn er sich schön hebt und oben bräunt, dann ist er fertig.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ein Rucken mel / d; nit kleibig iſt Roggenmehl, das nicht klebrig ist - Supermarkt -
honig gar ſchoͤn Honig, schön gesotten - - -
ein pfeffer ſtüp Pfefferpulver - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
gewirtz Gewürze - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Eine Mischung aus Zimt, Nelken, Ingwer und Muskat

Welches Gericht ist das?

Ein Roggenmehl-Honig-Pfeffer-Teig, der drei bis vier Wochen reift, dann lang ausgezogen und im sehr heißen Ofen hart-braun ausgebacken wird - ein Vorläufer des harten Lebkuchens. Die wochenlange Teigreife vor dem Backen ist keine isolierte historische Kuriosität, sondern eine bis heute lebendige Technik: Nürnberger Lebkuchen, Basler Läckerli und die Aachener Printen-Familie kennen dieselbe lange Teigreife als eigenständigen Qualitätsschritt.

Kein Triebmittel im Text.

Weder Hefe noch Sauerteig noch geschlagenes Eiweiß werden erwähnt. Die drei bis vier Wochen sind eine Teigreifung, kein benannter Gärungsschritt - das Aufgehen im Ofen kommt vermutlich aus Dampf und Ausdehnung im stark durchgearbeiteten, zähen Teig. Setze also kein Triebmittel zu.

Ofenhitze ohne Zahl.

Der Text gibt „nur gar heiß“ vor, warnt aber davor, dass die Oberfläche rissig wird. Als Richtwert eignen sich etwa 180 bis 200 Grad, mit einer Garprobe wie bei Brot statt einer festen Backzeit.

Mischungsverhältnis nur als Konsistenzmaß.

Statt eines Zahlenverhältnisses gibt der Text nur vor, dass der Teig so fest sein soll wie ein auszuarbeitender Brotteig. Als Orientierung taugt ein Verhältnis von etwa 2:1 bis 3:1 Mehl zu Honig (Gewicht), bis diese Konsistenz erreicht ist.

Form: ein Brotlaib, keine einzelnen Lebkuchen-Stücke.

Der Text gibt „der dick als wenn man ein laib zuo berait auswirckt“ als Maß vor: Ein einziger, brotlaibgroßer Teigling wird gebacken - kein Model, kein Ausstechen, kein Wickeln um ein Hölzchen. Bestätigt wird das durch das direkt folgende Rezept im selben Kapitel, das ausdrücklich auf denselben Grundteig zurückgreift, ihn aber abweichend in dünne Stücke formt und zweimal backt.

Praxis.

Mische Roggenmehl mit gut abgekühltem, geschäumtem Honig und Pfeffer zu einem festen, brotteigähnlichen Teig und lass ihn drei bis vier Wochen an einem kühlen Ort ruhen. Vor dem Backen den Teig lange und kräftig durchziehen, bis er zäh wird, dabei weitere Gewürze einarbeiten. Forme daraus einen Brotlaib und backe ihn bei kräftiger Hitze (etwa 180 bis 200 Grad), bis er aufgeht und obenauf bräunt. Die reine Arbeitszeit - Teig mischen, später durchziehen und formen - liegt bei etwa einer Stunde; die drei bis vier Wochen Teigruhe kommen aber hinzu und müssen weit im Voraus eingeplant werden.

Was sind Lebzelten?

Lebzelten sind ein gewürztes, mit Honig gesüßtes Gewürzgebäck, das lange haltbar war. Bei diesem Rezept wird kein einzelnes kleines Stück gebacken, sondern ein großer, brotlaibförmiger Teigling - der Text vergleicht die Teigdicke ausdrücklich mit einem Brotlaib, den man auswirkt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Schaugericht: Der Teig muss drei bis vier Wochen zuhause reifen, das lässt sich am Markt selbst nicht mehr zeigen. Gut vorführen lässt sich aber das Backen im heißen Ofen, wenn ein Holzofen zur Verfügung steht - ob dabei tatsächlich die Restwärme eines vorherigen Brotbackens genutzt wird oder der Vergleich nur die Backweise meint, lässt der Text offen.

Was bedeutet 'vber schlagen' im Rezept?

Im Kontext dieses Rezepts bedeutet 'vber schlagen', den Honig abkühlen zu lassen, bis er lauwarm ist, nicht ihn aufzukochen oder überkochen zu lassen.

Welche Art von Ofen benötige ich für dieses Rezept?

Du brauchst einen gemauerten Backofen, wie er traditionell zum Brotbacken verwendet wird, mit kräftiger, aber nicht extremer Hitze. Das Rezept sagt, man solle „etwa nach einem Brot“ backen - das kann heißen, die Restwärme nach dem Brotbacken zu nutzen, oder schlicht „in der Art, wie man Brot backt“. Beides ist möglich, der Text legt sich nicht fest.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Gelle lezelten zuͦbachen. ccl. „Nimb ein Rucken mel / d; nit kleibig iſt / ſeüd auch honig gar ſchoͤn / laß es vber ſchlagen / vnd mach ain tayg ab inn maſſen / der dick als wenn man ein laib zuͦ berait, außwirckt / thuͦ ein pfeffer ſtüp darein / inns mel / laß in ein drey oder vier wochen alſo ſteen / ſo wirt es faſt guͦt / So du in bachen wilt / ſo muͦß mä lang abzaͤhen / das er gantz zaͤh wirt / Vnd nimb im arbaiten gewirtz darein / weñ du den guͦt wilt haben / vnd bach jn etwa nach aim bꝛot / inn eim bachofen / der nur gar heiß ſey / nit zur ſchrunden / ſo er ſich fein hebt / vnd oben bꝛeünt / ſo hat er ſein gnuͤg.
Lezelten

Ein gewürztes, mit Honig gesüßtes Gewürzgebäck, das lange haltbar war. Hier wird kein einzelnes kleines Stück gebacken, sondern ein großer, brotlaibförmiger Teigling - der Text setzt die Teigdicke ausdrücklich mit einem auszuarbeitenden Brotlaib gleich.

Gelle

fnhd-Schreibvariante von „gelb“, mehrfach belegt (Referenzkorpus 1350-1650, MHDBDB) - beschreibt die goldgelbe Farbe des gebackenen Honig-Roggen-Teigs. Kein Farbstoff wird im Rezept genannt, die Gelbfärbung kommt von Honig und Roggenmehl selbst.

Rucken mel

Roggenmehl.

vber ſchlagen

Bedeutet hier, eine Flüssigkeit abkühlen zu lassen, bis sie lauwarm ist, nicht aufkochen oder überkochen.

pfeffer ſtüp

Fein gemahlener Pfeffer oder eine Gewürzmischung, die Pfeffer enthält.

abzaͤhen

Den Teig lange dehnen oder ziehen, um ihn elastisch und zäh zu machen.

Bachofen

Ein gemauerter Ofen, wie er zum Brotbacken verwendet wird. Die Anweisung „nach aim bꝛot“ lässt sich auf zwei Arten lesen: zeitlich (die Restwärme nutzen, nachdem das Brot gebacken ist) oder vergleichend (in der Art backen, wie man Brot backt). Der Text legt sich nicht eindeutig fest.

Mim

Die Vorlage war am Rezeptanfang an dieser Stelle schwer lesbar; gemeint ist eindeutig „Nimb“ (Nimm), wie die immer gleiche Eröffnungsformel in mehreren anderen Rezepten desselben Buches zeigt.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das siebte Buch: Vorratshaltung
Folio
Fol. 045r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

honig gar ſchoͤnhoney Q10987
gewirtzspice Q42527

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartTriebmittel (nicht genannt)

Gewählte Lesart: Der Text nennt kein Triebmittel - keine Hefe, kein Sauerteig, kein geschlagenes Eiweiß. Die drei bis vier Wochen Ruhezeit ist eine Teigreifung des festen Honig-Roggen-Teigs, kein explizit benannter Gärungsschritt; das Aufgehen beim Backen kommt am ehesten aus Dampf- und Ausdehnungswirkung im stark durchgearbeiteten Teig.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine stille Wildhefe- oder Spontangärung während der Wochen-Ruhe ist nicht auszuschließen. - Der Text erwähnt keine Gärungsanweisung; das Indiz für ein Triebmittel bleibt entsprechend schwach, weshalb die Praxis-Empfehlung bewusst ohne zusätzliches Triebmittel auskommt.

LesartOfentemperatur

Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Temperaturzahl, nur die qualitative Angabe „nur gar heiß“ bei gleichzeitiger Warnung „nit zur schrunden“ (nicht so heiß, dass die Oberfläche rissig wird).

Andere mögliche Lesart:

  • Ca. 180 bis 200 Grad Celsius als heutiger Richtwert, mit Garprobe wie bei Brot statt fester Backzeit. - Kein Beleg aus dem Text selbst, sondern aus der beschriebenen Wirkung (heiß, aber nicht rissig, gut aufgehend, obenauf gebräunt) rückgerechnet.

LesartMischungsverhältnis Mehl zu Honig

Gewählte Lesart: Der Text nennt kein Zahlenverhältnis, sondern nur ein Konsistenzmaß: Der Teig soll so fest sein wie ein Brotteig, den man auswirkt.

Andere mögliche Lesart:

  • Richtwert ca. 2:1 bis 3:1 Mehl zu Honig (Gewicht), bis eine feste, brotteigähnlich formbare Masse entsteht. - Reine Orientierungsgröße aus heutiger Backpraxis, kein Beleg aus dem Text.

Lesartnach aim bꝛot

Gewählte Lesart: Die Wendung bleibt uneindeutig: Sie kann zeitlich gemeint sein (backen, nachdem das Brot gebacken ist, in dessen Restwärme) oder vergleichend (in der Art und Weise backen, wie man Brot backt).

Andere mögliche Lesart:

  • Restwärme-Nutzung nach dem Brotbacken als gesicherte, zeitliche Lesart. - Historisch eine plausible und gut belegte Bäckerpraxis, aber grammatisch nicht die einzig mögliche Lesart von „nach“ im Frühneuhochdeutschen - deshalb als Möglichkeit, nicht als Tatsache formuliert.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 045r (gedruckte Blattzählung XLV recto), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (german_print.mlmodel, 112 Scans) - das BSB-Bibliotheks-OCR war zu fehlerhaft. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Der Teig muss drei bis vier Wochen ruhen, was eine Vorbereitung zu Hause erfordert. Das Backen im Ofen nach dem Brot ist eine gute Vorführung für ein Lager.
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Stand dieser Fassung: 11.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.