Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Ein anderer Rosenhonig, mit weniger Mühe zu machen: Nimm sehr schöne rote Rosen und siede sie in einem schönen, klaren Honig, nicht zu lange. Lass es abkühlen. Gieße es dann in ein Glas und setze es in die Sonne, so destilliert es sich. Es soll als Arznei sehr nützlich sein: bei Halsschmerzen, bei Mundschmerzen, für kleine Kinder. Ich, die Mutter, habe es oft selbst erprobt.
Latwerge von roten Rosen, mache so: Nimm rote Rosen und siede sie in rotem Wein. Nimm gewürzten Lebkuchen und ein wenig schön gesottenen, geschäumten Honig dazu. Siede es gut durcheinander. Schlage es durch ein enges, haariges Sieb. Tue es in ein Glas oder Krüglein, so ist es gesund und gut.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| gar ſchoͤn rott roſen | Rote Rosenblätter | - | Wochenmarkt, Bio-Laden | - |
| aine ſchoͤne lautere honig | Klarer Honig | - | - | Milder Waldhonig oder Wildblütenhonig |
| rott Roſen | Rote Rosenblätter | - | Wochenmarkt, Bio-Laden | - |
| rottem wein | Rotwein | - | - | - |
| lezelten der gewirtzt ſey | Gewürz-Lebkuchen | - | Supermarkt, Bäckerei | Gewürzspekulatius oder selbstgemachter Lebkuchen |
| ein wenig ſchoͤn geſottenn / gefaimbt honig | Geschäumter Honig | - | - | Klarer Honig, selbst geschäumt |
Welches Gericht ist das?
Zwei getrennte Vorratszubereitungen aus roten Rosenblättern: ein Rosenhonig, bei dem die Rosen kurz in klarem Honig gesotten und die abgekühlte Mischung anschließend in der Sonne nachreift, und eine Rosen-Latwerge, bei der Rosen in Rotwein gesotten und mit gewürztem Lebkuchen zu einer streichfähigen Paste gebunden werden. Rosenhonig als Hals- und Mundpflege existiert bis heute fast unverändert; die Latwerge entspricht dem historischen Electuarium e rosis der frühneuzeitlichen Apothekenpharmazie, ihr nächster heutiger Verwandter ist ein Rosenmus - allerdings ohne den damaligen Arznei-Anspruch.
Die Kochdauer des Honigs ist im Text nur mit „nicht zu lang" angegeben, ohne Zeitmaß. Ein kurzes Aufkochen von wenigen Minuten ist die naheliegende Lesart, damit der Honig nicht karamellisiert oder bitter wird; ein längeres, ruhiges Sieden nach Augenmaß ist textlich ebenso vertretbar.
Auch die Sonnenreifung bleibt offen: weder Dauer noch Abdeckung werden genannt. Ein abgedecktes Glas, das einige Tage in der Sonne steht und danach kühl und dunkel gelagert wird, ist die hygienisch nähere Lesart; ein offen über Tage oder Wochen stehendes Glas wäre die wörtlichere, aber bedenklichere.
Auch die Honigmenge in der Latwerge - „ein wenig ... honig darzu" - bleibt unbeziffert; eine kleine, dosierte Menge neben dem bereits süßen Lebkuchen ist die naheliegende Lesart.
Praxis.
Für den Rosenhonig: rote Rosenblätter kurz in klarem Honig aufkochen, sofort vom Herd nehmen und abkühlen lassen, dann in ein Glas füllen und abgedeckt einige Tage an einem sonnigen Fensterplatz nachreifen lassen. Für die Latwerge: Rosenblätter in Rotwein weich kochen, gewürzten Lebkuchen und etwas geschäumten Honig dazugeben, gemeinsam durchkochen, bis eine gebundene Masse entsteht, und die Masse durch ein feines Sieb streichen, um Blatt- und Krumenreste zu entfernen.
Eine Latwerge ist eine dickflüssige bis pastöse Zubereitung aus Früchten, Kräutern und Süßungsmitteln, die im Mittelalter oft auch medizinisch verwendet wurde. Sie ähnelt einem Mus oder Aufstrich.
Hier ist keine moderne Destillation im chemischen Sinne gemeint. Vielmehr handelt es sich um eine solare Mazeration oder Infusion. Die Wärme der Sonne hilft dabei, die Aromen und Wirkstoffe der Rosen in den Honig zu überführen und zu konzentrieren.
Nein. Der Rosenhonig braucht mehrere Tage Sonnenreifung, was im Lager kaum praktikabel ist. Zudem sind beide Zubereitungen im Text ausdrücklich als Arznei bei Kindern beschrieben - das gehört nicht in eine Nachkoch-Vorführung.
Die Quelle empfiehlt ihn ausdrücklich für kleine Kinder bei Hals- und Mundbeschwerden. Nach heutigem Kenntnisstand sollte Honig generell nicht an Säuglinge unter einem Jahr gegeben werden, wegen des Risikos von Säuglingsbotulismus - für ältere Kinder gilt diese Einschränkung nicht.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Hier ist keine moderne Destillation gemeint, sondern eine Form der solaren Mazeration oder Infusion. Durch die Wärme der Sonne sollen die Essenzen der Rosen in den Honig übergehen und sich konzentrieren.
Eine Latwerge (von mittellateinisch electuarium) ist eine dickflüssige bis pastöse Zubereitung aus Früchten, Kräutern und Süßungsmitteln, oft mit medizinischer Wirkung. Sie wurde als Aufstrich oder Mus verwendet.
Bezeichnet hier Lebkuchen oder ein ähnliches gewürztes Gebäck, das als Bindemittel und Geschmacksträger dient.
Geschäumter Honig. Honig wurde oft erhitzt und dabei der aufsteigende Schaum (Verunreinigungen) abgeschöpft, um ihn zu klären und zu reinigen.
Ein Sieb, dessen Maschenwerk aus Rosshaar oder ähnlichem grobem Material gefertigt ist. Es diente zum Passieren von Mus oder Brei, um grobe Bestandteile zu entfernen.
Die Vorlage ist an dieser Stelle schwer lesbar; richtig ist „rotten" (= roten, gebeugtes Adjektiv vor „Roſen"). Belegt durch den Korpusvergleich: „rotten" ist in anderen Staindl-Rezepten (u. a. std-007, std-026, std-097) die Standardschreibung für „roten", während die im Druck erscheinende Form sonst im gesamten Korpus nicht vorkommt. Im selben Rezept steht zudem dreimal die unbeschädigte Form „rott"/„rottem" für „rot"/„rotem".
Die Vorlage ist an dieser Stelle schwer lesbar; richtig ist „Roſen" (Rosen). Zwei Zeilen zuvor steht „Roſen" im selben Rezept korrekt lesbar, und „Kosen" ergibt im Zusammenhang „nimb rott [Rosen]" keinen Sinn.
Die Vorlage ist an dieser Stelle schwer lesbar; richtig ist „Nimb" (Nimm). Der Satz steht parallel zum vorherigen Imperativ „nimb lezelten der gewirtzt sey" und ergibt erst mit „Nimm ein wenig ... Honig dazu" den erwarteten zweiten Zutaten-Befehl.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
diſtilliert es ſich
Gewählte Lesart: ‚destilliert es sich‘ - im Sinne einer solaren Mazeration oder Infusion, bei der die Sonne die Essenzen extrahiert und konzentriert.
Andere mögliche Lesart:
nicht zuͦlang (Kochdauer des Honigs)
Gewählte Lesart: Ein kurzes Aufkochen von wenigen Minuten, danach sofort vom Feuer, damit der Honig nicht karamellisiert oder bitter wird.
Andere mögliche Lesart:
ſetz an die Soñen (Dauer/Abdeckung der Sonnenreifung)
Gewählte Lesart: Ein abgedecktes Glas, das einige Tage in der Sonne steht und danach kühl und dunkel gelagert wird.
Andere mögliche Lesart:
ein wenig ... honig darzuͦ (Honigmenge in der Latwerge)
Gewählte Lesart: Eine kleine, dosierte Menge, gerade ausreichend zum Binden und Süßen neben dem bereits süßen Lebkuchen.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 11.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.