Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Wenn einer Frau die Milch in der Brust geronnen ist: Nimm ein Semmelmehl und süße Milch, drei Löffel voll Rosenöl und ebenso viel weißes Rosenwasser. Mache daraus ein Mus und lass es sieden. Lege es dann warm über die Brust, so vertreibt es die Knollen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain ſemelmel | Semmelmehl | - | - | - |
| ain ſieſſen millich | Süße Milch | - | - | - |
| drey leffel vol roſenol | 3 Esslöffel Rosenöl | 3 EL | Apotheke, Reformhaus | - |
| ſovil weiſs roſenwaſſer | 3 Esslöffel weißes Rosenwasser | 3 EL | Apotheke, gut sortierter Supermarkt | - |
Welches Gericht ist das?
Kein Speiserezept, sondern eine äußerliche Anwendung gegen Milchstau: ein warmer Breiumschlag aus Semmelmehl, Milch, Rosenöl und Rosenwasser, aufgelegt auf die Brust einer stillenden Frau. Die lebende Verwandtschaft ist der warme Wickel gegen verstopfte Milchgänge, wie ihn die moderne Stillberatung noch empfiehlt - heute meist ohne den Brotanteil, als reine Wärmeanwendung.
Süße Milch.
Mit „süßer Milch" ist hier nicht der Geschmack gemeint, sondern frische, ungesäuerte Milch im Gegensatz zu Sauermilch oder Buttermilch - eine im 16. Jahrhundert übliche Unterscheidung.
Praxis.
Geriebenes Weißbrot (Semmelmehl) in warmer Milch quellen lassen, Rosenöl und Rosenwasser unterrühren und kurz aufkochen, bis eine streichfähige, dickliche Masse entsteht. Warm - nicht heiß - auf die Brust auflegen; die Wärme des Umschlags trägt die Wirkung, Rosenöl und Rosenwasser dienen als mildernder, duftender Zusatz. Mengen für Semmelmehl und Milch nennt der Text nicht; sie richten sich nach der gewünschten Konsistenz des Mus.
Nein, dieses Rezept ist eine äußerliche Anwendung gegen Milchstau. Das Mus wird warm auf die Brust einer stillenden Frau gelegt und ist nicht zum Essen gedacht.
‚Knollenn‘ bezeichnet hier Verhärtungen oder Klumpen in der Brust, die durch Milchstau entstehen und mit dem warmen Mus aufgelöst werden sollen.
Semmelmehl ist fein geriebenes Weißbrot oder alte Semmeln. Es wurde im Mittelalter oft als Bindemittel oder als Basis für Breie und Mus verwendet, nicht wie modernes Weizenmehl zum Backen.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Von Flüssigkeiten: gerinnen, stocken - hier auf die Milch in der Brust bezogen, also Milchstau.
Fein geriebenes Weißbrot oder Semmel, das als Bindemittel oder Basis für Mus verwendet wurde. Nicht zu verwechseln mit modernem Weizenmehl.
Rosenöl wurde im Mittelalter und der frühen Neuzeit häufig in der Medizin und Kosmetik verwendet, oft wegen seiner vermeintlich kühlenden oder entzündungshemmenden Eigenschaften.
Rosenwasser, destilliert aus Rosenblüten, war ein gängiges Mittel in der historischen Heilkunde und Kosmetik, dem vermeintlich beruhigende und entzündungshemmende Effekte zugeschrieben wurden. Die Bezeichnung ‚weiß‘ kann sich auf die Reinheit oder die klare Farbe beziehen.
Bezeichnet hier Verhärtungen oder Klumpen in der Brust, die durch Milchstau entstehen und mit dem warmen Mus aufgelöst werden sollen.
Die Brust, als Körperteil, auf den das Mus aufgelegt werden soll.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ain ſemelmel | white breadcrumbs Q107262394 |
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Stand dieser Fassung: 16.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.