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Süßer Pomeranzen-Dicksaft

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen1 kleines GlasBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm süße Pomeranzen. Entferne die gelben und weißen Schalen sowie die Kerne sauber davon. Treibe das Fruchtfleisch durch ein Tuch und siede es dann abermals mit Zucker.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ſies bomerantzen Süße Pomeranzen - gut sortierter Supermarkt, türkischer/orientalischer Supermarkt (saisonal) Süße Orangen (statt Bitterorangen)
zucker Zucker - - -

Welches Gericht ist das? Eine gesiebte, mit Zucker eingekochte Pomeranzenmasse: Das Fruchtfleisch wird nach dem Entfernen von Zeste, Albedo und Kernen durch ein Tuch passiert und noch einmal mit Zucker aufgekocht. Der Originaltitel nennt das Ergebnis „Bomerantzen safft“ - im Frühneuhochdeutschen ein weiter gefasstes Wort für Fruchtflüssigkeit, das hier eher unserem heutigen "Dicksaft" entspricht als einem trinkfertigen Saft. Lebende Verwandte sind das glatte Fruchtcoulis oder ein früher Fruchtsirup, wie er auch als Grundlage für Fruchtaufstriche dient.

Was sind "süße Pomeranzen"? Pomeranzen (Citrus × aurantium) gelten sonst als bitter. Der Text meint hier vermutlich die neu aus Portugal importierte süße Apfelsine (Citrus × sinensis), die seit rund 1500 über Lissabon nach Europa gelangte und sich im 16. Jahrhundert unter wohlhabenden Haushalten verbreitete - für die eigens benannte "süße" Frucht gab es 1554 noch kein eigenes deutsches Wort. Augsburgs Fugger und Welser handelten direkt mit Portugal, ein früher Zugang eines Patrizierhaushalts ist daher plausibel, wenn auch am Rezepttext allein nicht sicher zu belegen.

Wie lange einkochen? Der Text sagt nicht, wie lange und wie stark das zweite Sieden mit Zucker dauert. Ein kürzeres Aufkochen ergibt einen dünnflüssigeren Dicksaft, ein längeres eine dickere, sirupartige Masse - beides ist mit dem Wortlaut vereinbar.

Praxis. Pomeranzen (ersatzweise süße Orangen) von gelber Zeste, weißer Schale und Kernen befreien, das Fruchtfleisch durch ein feines Tuch oder Sieb streichen. Den Saft mit Zucker aufkochen und einige Minuten köcheln lassen, bis er leicht sämig wird - für eine dickere, streichfähige Konsistenz entsprechend länger einkochen. Gekühlt hält sich der Dicksaft einige Tage.

Was sind hier 'süße Pomeranzen' - Pomeranzen gelten doch als bitter?

Vermutlich die neu eingeführte süße Apfelsine (Citrus × sinensis), nicht die gewöhnliche Bitterorange (Citrus × aurantium). Portugiesische Handelsschiffe brachten die süße Frucht ab etwa 1500 aus Südchina nach Lissabon, von wo sie sich im 16. Jahrhundert unter wohlhabenden Haushalten verbreitete - ein eigenes deutsches Wort dafür ("Apfelsine", "Orange") gab es 1554 noch nicht, weshalb der Text die neue Frucht als "süße" Variante der bekannten Pomeranze bezeichnet. Augsburgs Fugger und Welser handelten direkt mit Portugal (u.a. eine gemeinsam finanzierte Indien-Expedition 1505/06), sodass ein Patrizierhaushalt wie das der Maria Stenglerin plausibel frühen Zugang zu dieser Importware hatte. Sicher belegen lässt sich das aus dem Rezepttext allein nicht - eine gewöhnliche, ungewöhnlich milde Einzelfrucht der Bitterorange ist als Lesart nicht auszuschließen.

Wo bekomme ich Pomeranzen?

Pomeranzen sind Bitterorangen und nicht immer im Standardsupermarkt erhältlich. Du findest sie saisonal (oft im Winter) in gut sortierten Supermärkten, auf Wochenmärkten oder in türkischen/orientalischen Lebensmittelgeschäften. Für dieses Rezept eignen sich ersatzweise normale (süße) Orangen besonders gut - sie treffen die im Originaltext ausdrücklich genannte Süße vermutlich näher als die bittere Pomeranze.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Sehr gut geeignet. Es braucht nur einen Topf und ein Tuch zum Passieren, keinen Ofen und birgt keine Fleisch- oder Fischrisiken. Das nochmalige Sieden mit Zucker macht den fertigen Dicksaft zudem robuster und haltbarer als eine ungezuckerte Fruchtzubereitung.

Warum heißt das Rezept heute 'Dicksaft' und nicht 'Saft'?

Der Originaltitel nennt das Ergebnis „Bomerantzen safft“ - im Frühneuhochdeutschen ein weiter gefasstes Wort für jede aus einer Frucht gepresste oder gestrichene Flüssigkeit. Heute versteht man unter "Saft" dagegen meist ein dünnflüssiges Getränk. Da hier das durchs Tuch gestrichene Fruchtfleisch ein zweites Mal mit Zucker eingekocht wird, trifft die moderne Bezeichnung "Dicksaft" das Ergebnis genauer - wie sämig es am Ende wird, sagt der Text nicht, weshalb sich je nach Einkochgrad auch eine sirupartige Konsistenz ergeben kann.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Ain Bomerantzen safft zu machen. Item nimb ſies bomerantzen, thu die gelben vnd weyſſen ſchelffen daruon vnd die keren auch ſauber daruon, vnd treibs durch ain thuch vnd ſeuds mit zucker aber.
bomerantzen

Pomeranzen sind Bitterorangen (Citrus × aurantium), die im Mittelalter als Gewürz- und Heilpflanze geschätzt wurden. 'Süße Pomeranzen' meint hier vermutlich nicht die gewöhnliche Bitterorange, sondern die damals neu aus Portugal importierte süße Apfelsine - siehe die FAQ 'Was sind hier süße Pomeranzen' für die Einordnung.

safft

Safft heißt im Frühneuhochdeutschen breiter 'ausgepresste oder ausgestrichene Fruchtflüssigkeit', nicht zwingend ein trinkfertiges Getränk wie im heutigen Sinn. Da das Fruchtfleisch hier zusätzlich mit Zucker eingekocht wird, heißt das Ergebnis auf fyndling.de 'Dicksaft' statt 'Saft' - erst das zweite Sieden mit Zucker verdickt die Flüssigkeit etwas.

sies

Frühneuhochdeutsch für 'süß'.

gelben vnd weyſſen ſchelffen

Die 'gelben Schalen' sind die äußere, aromatische Zeste, während die 'weißen Schalen' das darunterliegende, oft bittere Albedo (Mesokarp) bezeichnen. Beide werden hier entfernt, um einen feinen, weniger bitteren Saft zu erhalten.

keren

Frühneuhochdeutsch für 'Kerne'.

treibs durch ain thuch

Das Passieren durch ein Tuch dient dazu, eine sehr feine, glatte Konsistenz ohne Fruchtfasern oder kleine Kernreste zu erzielen.

seuds

Frühneuhochdeutsch für 'siede es' oder 'koche es'.

aber

In diesem Kontext bedeutet 'aber' 'abermals' oder 'noch einmal', nicht 'jedoch'.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ſies bomerantzenorange Q13191
zuckerunrefined cane sugar Q57656231

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsies bomerantzen (süße Pomeranzen)

Gewählte Lesart: Vermutlich die neu aus Portugal importierte süße Apfelsine (Citrus × sinensis), hier mangels eigenen deutschen Wortes noch als 'süße' Variante der bekannten Pomeranze bezeichnet - plausibel für einen Augsburger Patrizierhaushalt 1554 angesichts der direkten Portugalhandelsbeziehungen der Fugger und Welser.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine ungewöhnlich milde Einzelfrucht oder ein weniger bitterer Bitterorangen-Bestand, keine eigene Art. - Citrus-Sorten mischen sich seit der Antike und einzelne mildere Früchte sind nicht ausgeschlossen. Der Grimm-Beleg 'du süße Pomeranze' als Kosewort zeigt aber, dass 'süße Pomeranze' im Frühneuhochdeutschen als feste, positiv besetzte Wendung galt - ein Hinweis auf eine erkennbar eigene, geschätzte Sorte statt einer zufälligen Einzelfrucht. Eine sichere Entscheidung erlaubt der Rezepttext allein nicht.

LesartKochdauer beim zweiten Sieden mit Zucker

Gewählte Lesart: Kurzes, erneutes Aufkochen mit Zucker bis zu einer leicht sämigen, saftartigen Konsistenz.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein stärkeres Einkochen zu einer festeren, latwergeartigen Masse. - Der Text nennt weder Kochzeit noch Zielkonsistenz für 'ſeuds mit zucker aber'. Ein längeres Einkochen wäre technisch ebenso möglich und stünde einer besseren Haltbarkeit näher, lässt sich aber am Wortlaut nicht festmachen.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 038, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Nur Topf und Tuch nötig, kein Ofen, keine offene Fleisch- oder Fischgefahr. Die Zubereitung ist schnell (rund 20 Minuten) und durch das Sieden mit Zucker robuster und länger haltbar als eine ungezuckerte Fruchtzubereitung. Einzige Einschränkung ist die Beschaffung: Pomeranzen sind saisonal und nicht überall erhältlich.
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Stand dieser Fassung: 17.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.