Wein aus englischen Trauben: Lese, Auslese und Auffüllen
Vinetum Britannicum, or a Treatise of Cider, and other Wines and Drinks extracted from Fruits growing in this Kingdom (London 1676) · England · 1676
Obwohl das Anlegen von Weinbergen auf dieser Insel nicht so gebräuchlich ist wie in den südlicheren Ländern und unsere Jahreszeiten für die Reifung der Frucht des Weinstocks nicht so beständig sind wie auf den Festländern gleicher Breite, können wir diese Pflanze doch mit gutem Erfolg in manchen warmen Lagen ziehen, besonders an den Seiten von Gebäuden, an Mauern und dergleichen. Wo es eine Menge davon gibt, lässt sich aus der großen Fülle ihres Saftes sehr guter Wein machen, und zwar viel besser als jeder der französischen Weine, die gewöhnlich hier eingeführt werden, sofern man bei der Bereitung mit Vorsicht und Geschick vorgeht.
Wenn du siehst, dass deine Trauben prall und durchscheinend sind, die Kerne schwarz und rein herauskommen und nicht klebrig sind und die Stiele zu welken beginnen, dann lies sie, denn überreif können sie nicht werden. Auch Regen oder Frost schaden ihnen nicht, sofern das Wetter einige Zeit vor der Lese trocken ist.
Schneide sie von den Zweigen ab, statt sie abzureißen, und zwar bei abnehmendem Mond, und bewahre sie, so gut du kannst, vor Druckstellen.
Hier in diesem kalten Land sind sie selten alle gleich reif, und die Stiele haben etwas Rohes an sich. Darum wäre es keine verlorene Mühe, die reiferen von den weniger reifen und von den Stielen auszulesen oder zu trennen, bevor du deinen Wein auspresst. Auf diese Weise haben manche einen Wein bekommen, der sich mit den besten französischen Weinen messen kann, die ohne Unterschied aus den Trauben gepresst werden. Und dieser so aus ausgelesenen Trauben gemachte Wein hält sich mehrere Jahre, wie die Erfahrung gezeigt hat.
Wenn dein Wein ins Fass gefüllt ist, lass einen Teil des Fasses leer und verschließe es sofort dicht, und zwar sehr gut, damit er seine Geister nicht verliert. Diesen leeren Raum kannst du nach zehn oder zwölf Tagen wieder mit anderem Wein auffüllen, der ebenfalls vergoren ist. Dieses Auffüllen muss so oft wiederholt werden, wie es nötig ist.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Grapes | Weintrauben, reif gelesen, nach Reife ausgelesen und von den Stielen getrennt | - | Keltertrauben vom Winzer | - |
| other Wine that hath been alſo fermented | anderer Wein, ebenfalls vergoren, zum Auffüllen des Fasses | - | - | - |
Was ist das? Worlidges Anleitung für Wein aus Trauben, die in England an warmen Lagen reifen, vor allem an Hauswänden und Mauern: Reifezeichen, Lese, Auslese nach Reife, Trennen von den Stielen, Pressen und ein Fass, das voll gehalten wird. Das Keltern selbst beschreibt er nicht, er setzt es voraus.
Die Lese. Die Reifezeichen sind sichtbar und fühlbar: pralle, durchscheinende Beeren, Kerne, die schwarz und sauber aus dem Fruchtfleisch kommen statt klebrig, welkende Stiele. Überreif können die Trauben nach Worlidge nicht werden, und Regen oder Frost schaden ihnen nicht, wenn es vor der Lese einige Zeit trocken war. Abgeschnitten statt abgerissen und vor Druckstellen geschützt, bleiben die Beeren bis zur Presse heil. Die Lese bei abnehmendem Mond ist seine Regel, eine Begründung gibt er dafür nicht.
Auslese und Stiele. Im kühlen Land reifen die Trauben ungleich, und die Stiele haben für Worlidge „etwas Rohes“. Er trennt deshalb die reiferen von den weniger reifen Beeren und alle von den Stielen, bevor gepresst wird. Heute erklärt man den Nutzen so: Die Traubenkämme geben beim Pressen herbe Gerbstoffe ab.
Leerraum und Auffüllen. Eine Hefe nennt der Text nicht. Der Traubenmost ist ungekocht, die Gärung kommt von der Frucht und aus dem immer wieder benutzten Fass. Worlidge lässt einen Teil des Fasses leer, weil die Gärung aufschäumt und Platz braucht. Nach zehn oder zwölf Tagen füllt er den Raum mit Wein, der selbst schon vergoren ist, und wiederholt das, so oft der Pegel sinkt; frischer Most würde von neuem angären. So bleibt das Fass voll. Seine eigene Begründung ist, dass der Wein seine Geister nicht verlieren soll.
Sofort fest verschließen? Worlidge verlangt, das Fass gleich nach dem Füllen dicht zu verspunden. Beim Cider rät er an späterer Stelle ausdrücklich davon ab, frisch Gepresstes sofort fest zu verschließen, weil der wilde Geist sich einen Ausgang sucht. Ob der Wein hier schon angegoren ins Fass kommt, sagt der Text nicht. Ein fest verschlossenes Fass mit gärendem Most baut Druck auf: Der Spund kann herausschießen, das Fass undicht werden.
Praxis. Heutiger Hinweis: Wer das nachmachen will, setzt während der stürmischen Gärung einen Gärspund auf statt eines festen Spunds und füllt danach spundvoll auf. Ohne eingefahrenes Fass gibt man eine Weinhefe zu. Wie viele Trauben, welche Sorte und wie lange der Wein gärt, sagt Worlidge nicht.
Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?
Nein. Es ist ein Gärgetränk: Der Wein gärt im Fass, wird wiederholt aufgefüllt und soll mehrere Jahre halten. Dazu braucht es reife Keltertrauben, eine Presse und ein Fass.
Warum lässt Worlidge das Fass zuerst nicht ganz voll?
Der Most gärt im Fass und schäumt dabei auf; der leere Teil gibt ihm Platz. Nach zehn oder zwölf Tagen füllt Worlidge den Raum mit Wein, der ebenfalls schon vergoren ist, und wiederholt das, so oft es nötig ist.
Was meint Worlidge mit den Geistern des Weins?
Im Original heißen sie Spirits: die flüchtige Kraft des Getränks. Nach seiner Lehre entweichen sie aus einem offenen Fass, und der Wein wird schwach. Deshalb verlangt er, das Fass gleich nach dem Füllen dicht zu verschließen.
Warum sollen die Trauben ausgelesen und von den Stielen getrennt werden?
Nach Worlidge reifen die Trauben im kalten England selten gleichmäßig, und die Stiele haben etwas Rohes an sich. Wer die reiferen von den weniger reifen Beeren und von den Stielen trennt, bekommt nach seiner Aussage einen Wein, der sich mit den besten französischen Weinen messen kann und mehrere Jahre hält.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Worlidge: Britischer Weingarten (Getränke) (1676, England). Aus John Worlidges Buch über Cider und Obstweine die Getränke und die Kellerarbeit: wie man Cider mahlt, presst, vergärt, mit Hausenblase klärt, auf Fässer und Flaschen zieht, lagert, verdorbenen Cider kuriert und Fässer ausschwefelt; dazu Wasser-Cider, Ciderkin, gekochter und gewürzter Cider, Perry, Wein aus englischen Trauben und Claret, Kirsch-, Pflaumen-, Johannisbeer-, Stachelbeer-, Himbeer- und Aprikosenwein, Himbeer-Met der Schweden und Russen, Worlidges eigenes Metheglin und Birkenwein, auch mit Honig.
- Stalks
Die Stiele samt Traubenkamm (Ludwig 1706: „der kamm einer trauben“). Worlidge trennt die Beeren vor dem Pressen davon.
- Spirits
Im Original Spirits, bei Ludwig 1706 „ein geiſt“, auch „munterkeit, lebhafftigkeit“. Für Worlidge die flüchtige Kraft des Getränks, die aus einem offenen Fass entweicht. Das Wort gehört zu seiner Erklärung, nicht zur heutigen Chemie.
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
When your Wine is tunned … ſtop it up cloſe immediately
Gewählte Lesart: Der frisch gepresste Most kommt ins Fass und gärt dort; der leere Teil nimmt das Aufschäumen auf, und der Nachfüllwein muss deshalb selbst schon vergoren sein („that hath been alſo fermented“). Das sofortige dichte Verschließen gibt die Übersetzung so wieder, wie Worlidge es schreibt.
Andere mögliche Lesart:
- Der Wein hat vorher schon im Bottich gegoren und kommt erst danach ins Fass; dann wäre das sofortige Verspunden unbedenklich. - Der Text nennt keine Gärung vor dem Fass, und „alſo fermented“ setzt eher voraus, dass der Fasswein selbst gärt. Weil Worlidge beim Cider vor dem sofortigen Verschließen warnt, ist die Lesart aber nicht ganz auszuschließen.
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Stand dieser Fassung: 04.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
