Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Ein Haarwasser für die Fräulein

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit5 Min.Portionen1 GlasBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm ein Seidel frisches Wasser und ein achtel Lot Weinsteinöl sowie ein halbes Lot Kampfer. Gib alles in ein Glas und bestreiche das Haar oft damit, damit es hilft.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain ſeidlin friſch waſſer Wasser ½ l Leitung -
ain achtel weinſton Öl Weinsteinöl (nach Achtel-Lot-Lesart) 1,875 g Apotheke (Sonderanfertigung; als Fertigpräparat kaum im Handel) -
halb lot gaffra 7,5 g Kampfer 7½ g Apotheke -

Welches Gericht ist das?

Kein Speiserezept, sondern ein kosmetisches Haarwasser zum Einreiben der Kopfhaut - eine reine Kaltmischung ohne Kochschritt. Mit der Lesart Kampfer statt Safran reiht es sich neben kampferhaltige Kopfhaut-Tonika, wie sie bis weit ins 20. Jahrhundert gegen Schuppen und schlaffes Haar verkauft wurden.

Die Menge Weinsteinöl.

Ob sich ‚achtel‘ auf ein Achtel-Lot (Gewicht) oder ein Achtel-Seidel (Volumen) bezieht, lässt der Text offen. Für die Praxis unten wird die Gewichtslesart (ca. 1,875 g) zugrunde gelegt.

Praxis.

Wasser, Weinsteinöl und Kampfer kalt in einem Glas vermischen, ohne Erhitzen oder Ziehenlassen. Kampfer wirkt unverdünnt stark reizend - deshalb nur äußerlich und sparsam auf die Kopfhaut auftragen. Einmal täglich reicht für eine originalgetreue Nachempfindung; bei Hautreizung die Anwendung reduzieren oder abbrechen.

Wofür ist dieses Rezept gedacht?

Dies ist kein Kochrezept, sondern eine historische Anleitung zur Herstellung eines Haarwassers, das zur Stärkung und Pflege der Haare verwendet wurde.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Es handelt sich um ein kosmetisches Produkt und ist nicht zum Verzehr gedacht. Daher ist es für die Lagerküche ungeeignet.

Was ist 'Weinsteinöl' und wo bekomme ich es?

Weinsteinöl (Oleum Tartari) ist eine historische, aus Weinstein gewonnene flüssige Zubereitung, die unter anderem als Haarwasser verwendet wurde. Als fertiges Präparat ist es im heutigen Handel kaum zu finden; am ehesten hilft eine Apotheke weiter, die es auf Anfrage herstellen kann.

Was bedeutet 'gaffra' im Rezept?

'Gaffra' ist eine Schreibvariante von 'Kampfer', wie sie auch an anderer Stelle im selben Buch sowie in zeitgenössischen Wörterbüchern belegt ist. Kampfer wurde als hautreizendes Mittel zur Anregung der Kopfhaut eingesetzt; unverdünnt wirkt er stark reizend und ist in größeren Mengen giftig, weshalb von einem unbedacht dosierten Nachbrauen abzuraten ist.

Was ist ein 'Seidel'?

Ein ‚Seidel‘ ist die halbe Maß. Nach dem Augsburger Schenkmaß - rund 1,05 Liter je Maß, 1538 normiert und bis 1810 unverändert in Kraft - sind das rund 0,52 Liter (Stadtlexikon Augsburg). In diesem Rezept ist es auf 0,5 Liter gerundet.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Für die freulen jre Har. Item nimb ain ſeidlin friſch waſſer, vnd ain achtel weinſton Öl, vnd halb lot gaffra, vnd thu rs in ain glaſs, vnd beſtreich das har offt darmit es hilft.
seidlin

‚Seidlin‘ ist die Verkleinerungsform zu ‚Seidel‘. Ein ‚Seidel‘ ist die halbe Maß. Nach dem Augsburger Schenkmaß - rund 1,05 Liter je Maß, 1538 normiert und bis 1810 unverändert in Kraft - sind das rund 0,52 Liter (Stadtlexikon Augsburg). Hier auf 0,5 Liter gerundet.

weinſton Öl

Weinsteinöl (auch Oleum Tartari) war eine aus Weinstein gewonnene flüssige Zubereitung, die unter anderem als Haarwasser diente - das Schweizerische Idiotikon belegt sie ausdrücklich für diesen Zweck ("das weinsteinohl machet die haare wachsen").

gaffra

Die Schreibung entspricht der auch andernorts im Buch belegten Form ‚gaffer‘ für Kampfer; zeitgenössische Wörterbücher führen ‚gaffer‘/‚gaffran‘ ebenfalls als Kampfer.

freulen

= Fräulein, junge unverheiratete Frau. Die Titelzeile richtet sich damit ausdrücklich an ein weibliches, unverheiratetes Publikum - passend zum Besitzvermerk der Handschrift (Junckfraw Maria Stenglerin).

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain ſeidlin friſch waſſerwater Q283

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartseidlin

Gewählte Lesart: ‚Seidel‘ wird als historisches Volumenmaß interpretiert, das als halbe Augsburger Maß rund 0,52 Liter fasst und hier auf 0,5 Liter gerundet wird.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Seidel‘ könnte auch einen kleinen Krug oder Becher ohne festes, standardisiertes Volumen bezeichnen. - Die genaue Größe eines ‚Seidels‘ variierte regional und zeitlich, was eine präzise Umrechnung erschwert.

Lesartachtel weinſton Öl

Gewählte Lesart: ‚Achtel‘ wird, in Analogie zur benachbarten Mengenangabe ‚halb lot gaffra‘, als Achtel-Lot verstanden (Gewichtsmaß, ca. 1,875 g).

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Achtel‘ könnte sich stattdessen auf ein Achtel-Seidel beziehen (Volumenmaß von ca. 62,5 ml). - Weinsteinöl ist anders als festes Weinstein-Salz eine Flüssigkeit; das Rezept misst die vorangehende Zutat (‚seidlin friſch waſſer‘) bereits in Seidel, sodass ein Volumenmaß ebenso plausibel wäre wie ein Gewichtsmaß. Der Text legt sich nicht eindeutig fest.

Lesartofft

Gewählte Lesart: ‚Offt‘ (oft) wird als wiederholte, mehrfache Anwendung über einen längeren Zeitraum verstanden, ohne dass der Text eine genaue Häufigkeit oder Dauer festlegt.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Offt‘ könnte auch mehrmals täglich über Wochen oder Monate bedeuten. - Der Text lässt offen, ob eine tägliche oder eine seltenere, aber über sehr lange Zeit fortgesetzte Anwendung gemeint ist.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 031, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern ein historisches Haarwasser. Die Zubereitung ist einfach, aber das Ergebnis ist nicht zum Verzehr gedacht und daher nicht für die Lagerküche geeignet.
Alle Rezepte aus Das Kochbuch der Maria Stenglerin Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 16.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.