Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Nimm frische Butter, ungefähr die Größe eines Hühnereis, und lass sie heiß werden. Backe ein frisch gelegtes Ei darin, damit die Kraft gut herauskommt. Und wenn es ganz verbrannt ist, so schütte das Schmalz auf kaltes Wasser, bis es fest wird. Gib es dann in ein kleines Mörserchen.
Gib Bleiweiß dazu, ungefähr die Größe einer Walnuss. Stoße es gut untereinander und gieße immer ein wenig Minzenwasser dazu, bis es weiß wird. Schöpfe dann das Weiße wieder davon ab.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| friſchen putter vngefaͤrlich, wie ain hennen ayr | frische Butter, etwa die Größe eines Hühnereis | - | - | - |
| ain neu ge⸗ legtes ay | frisch gelegtes Ei | 1 | - | - |
| ain kaltz waſſer | kaltes Wasser | - | Leitung | - |
| pleyweyſs daran, ongefaͤrlich wie ain welſche nuſs | Bleiweiß, etwa die Größe einer Walnuss (hochgiftig!) | - | ⚠ Nicht im Handel erhältlich, hochgiftig. Nicht für den Verzehr oder Hautkontakt geeignet. | - |
| mingen waſſer | Minzenwasser | - | - | - |
Was wird hier hergestellt? Kein Gericht: Das Rezept beschreibt eine kosmetische Salbe zum Hautaufhellen, eine Vorstufe der frühneuzeitlichen "Ceruse"-Kosmetik, keine Speise. Dafür gibt es keine lebendige Nachkoch-Tradition - das Rezept ist heute nur als Kosmetik- und Handwerksgeschichte interessant, nicht zum Ausprobieren.
Das Ei im heißen Fett. Das Ei wird in der heißen Butter verbrannt, "damit die Kraft gut herauskommt". Der Text selbst begründet diesen Schritt mit der Vorstellung, die Wirkkraft des Eis gehe dabei in das Fett über. Das ist die Vorstellung der Quelle, kein nachvollziehbarer moderner Wirkmechanismus, wird hier aber wörtlich übernommen.
Abschöpfen oder Abseihen? Am Ende wird "das Weiße wieder davon" abgetrennt. Die Übersetzung liest hier "schöpfe ab"; ebenso möglich ist "seihe/ziehe ab" - ein Zwillingsrezept mit demselben Verb an vergleichbarer Stelle (Öl-Wasser-Trennung) lässt beide Lesarten offen, eine endgültige Entscheidung ist derzeit nicht möglich.
Praxis. Die verbrannte Ei-Butter wird auf kaltes Wasser gegossen, wodurch das Fett rasch bindet und fest wird und sich die verbrannten Ei-Reste absetzen. Im Mörser wird dann Bleiweiß untergemischt und unter ständigem Stoßen löffelweise Minzenwasser zugegeben, bis die Masse weiß wird - ein Emulgier- und Aufhellschritt bei der Pigmenteinarbeitung. Wegen des hochgiftigen Bleiweißes ist dieser Vorgang nicht nachzustellen, auch nicht als Vorführung.
Nein, dieses Rezept beschreibt die Herstellung einer Salbe oder eines Kosmetikums, das Bleiweiß enthält. Es ist nicht zum Verzehr gedacht.
Bleiweiß (Bleikarbonat) ist ein hochgiftiges Pigment, das historisch in Kosmetika und Farben verwendet wurde. Es ist absolut nicht für den Verzehr oder die Anwendung auf der Haut geeignet.
Nein, dieses Rezept ist nicht zum Verzehr geeignet und enthält giftige Substanzen. Es ist ein historisches Kuriosum, das die damaligen Praktiken der Kosmetikherstellung zeigt.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Ein Diminutiv von Salbe, bezeichnet eine kosmetische oder medizinische Zubereitung.
Bleiweiß (Bleikarbonat) ist ein hochgiftiges Pigment, das historisch in Kosmetika und Farben verwendet wurde. Es ist nicht zum Verzehr oder zur Anwendung auf der Haut geeignet.
Ein kleines Mörserchen, hier zur feinen Vermischung der Salbenbestandteile.
Eine Walnuss.
Minzenwasser, Wasser, das mit Minze aromatisiert wurde.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| friſchen putter vngefaͤrlich, wie ain hennen ayr | butter Q34172 |
| ain neu ge⸗ legtes ay | chicken egg Q15260613 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
ſechne
Gewählte Lesart: "Schöpfe ... davon ab" - fasst die Stelle als Abschöpfen des weiß gewordenen Anteils.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 16.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.