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Weiße Butter-Salbe herstellen

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

RezeptSonstigesEinfachKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen1 Portion SalbeBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm frische Butter, ungefähr die Größe eines Hühnereis, und lass sie heiß werden. Backe ein frisch gelegtes Ei darin, damit die Kraft gut herauskommt. Und wenn es ganz verbrannt ist, so schütte das Schmalz auf kaltes Wasser, bis es fest wird. Gib es dann in ein kleines Mörserchen.

Gib Bleiweiß dazu, ungefähr die Größe einer Walnuss. Stoße es gut untereinander und gieße immer ein wenig Minzenwasser dazu, bis es weiß wird. Schöpfe dann das Weiße wieder davon ab.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
friſchen putter vngefaͤrlich, wie ain hennen ayr frische Butter, etwa die Größe eines Hühnereis - - -
ain neu ge⸗ legtes ay frisch gelegtes Ei 1 - -
ain kaltz waſſer kaltes Wasser - Leitung -
pleyweyſs daran, ongefaͤrlich wie ain welſche nuſs Bleiweiß, etwa die Größe einer Walnuss (hochgiftig!) - ⚠ Nicht im Handel erhältlich, hochgiftig. Nicht für den Verzehr oder Hautkontakt geeignet. -
mingen waſſer Minzenwasser - - -

Was wird hier hergestellt? Kein Gericht: Das Rezept beschreibt eine kosmetische Salbe zum Hautaufhellen, eine Vorstufe der frühneuzeitlichen "Ceruse"-Kosmetik, keine Speise. Dafür gibt es keine lebendige Nachkoch-Tradition - das Rezept ist heute nur als Kosmetik- und Handwerksgeschichte interessant, nicht zum Ausprobieren.

Das Ei im heißen Fett. Das Ei wird in der heißen Butter verbrannt, "damit die Kraft gut herauskommt". Der Text selbst begründet diesen Schritt mit der Vorstellung, die Wirkkraft des Eis gehe dabei in das Fett über. Das ist die Vorstellung der Quelle, kein nachvollziehbarer moderner Wirkmechanismus, wird hier aber wörtlich übernommen.

Abschöpfen oder Abseihen? Am Ende wird "das Weiße wieder davon" abgetrennt. Die Übersetzung liest hier "schöpfe ab"; ebenso möglich ist "seihe/ziehe ab" - ein Zwillingsrezept mit demselben Verb an vergleichbarer Stelle (Öl-Wasser-Trennung) lässt beide Lesarten offen, eine endgültige Entscheidung ist derzeit nicht möglich.

Praxis. Die verbrannte Ei-Butter wird auf kaltes Wasser gegossen, wodurch das Fett rasch bindet und fest wird und sich die verbrannten Ei-Reste absetzen. Im Mörser wird dann Bleiweiß untergemischt und unter ständigem Stoßen löffelweise Minzenwasser zugegeben, bis die Masse weiß wird - ein Emulgier- und Aufhellschritt bei der Pigmenteinarbeitung. Wegen des hochgiftigen Bleiweißes ist dieser Vorgang nicht nachzustellen, auch nicht als Vorführung.

Ist dieses Rezept ein Lebensmittel?

Nein, dieses Rezept beschreibt die Herstellung einer Salbe oder eines Kosmetikums, das Bleiweiß enthält. Es ist nicht zum Verzehr gedacht.

Was ist Bleiweiß und ist es sicher?

Bleiweiß (Bleikarbonat) ist ein hochgiftiges Pigment, das historisch in Kosmetika und Farben verwendet wurde. Es ist absolut nicht für den Verzehr oder die Anwendung auf der Haut geeignet.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist nicht zum Verzehr geeignet und enthält giftige Substanzen. Es ist ein historisches Kuriosum, das die damaligen Praktiken der Kosmetikherstellung zeigt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Ain weiss selblin zu machen. Item nimb ain friſchen putter vngefaͤrlich, wie ain hennen ayr, vnnd laſs haiſs werden, vnnd pach ain neu ge⸗ legtes ay darin, das die krafft gar wol herauſs khom, vnnd wann es gar verprunnen iſt, ſo ſchits ſchmaltz auf ain kaltz waſſer, bis es geſtat, thu es dann in ain klaines morſerlin, thu pleyweyſs daran, ongefaͤrlich wie ain welſche nuſs, ſtoſs wol vnnder ainand, vnd geuſs jmer zu ain wenig mingen waſſer daran, bis es weis wuͤrt, vund ſechne dann das weyſs wider daruon.
selblin

Ein Diminutiv von Salbe, bezeichnet eine kosmetische oder medizinische Zubereitung.

pleyweyſs

Bleiweiß (Bleikarbonat) ist ein hochgiftiges Pigment, das historisch in Kosmetika und Farben verwendet wurde. Es ist nicht zum Verzehr oder zur Anwendung auf der Haut geeignet.

morſerlin

Ein kleines Mörserchen, hier zur feinen Vermischung der Salbenbestandteile.

welſche nuſs

Eine Walnuss.

mingen waſſer

Minzenwasser, Wasser, das mit Minze aromatisiert wurde.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

friſchen putter vngefaͤrlich, wie ain hennen ayrbutter Q34172
ain neu ge⸗ legtes aychicken egg Q15260613

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartſechne

Gewählte Lesart: "Schöpfe ... davon ab" - fasst die Stelle als Abschöpfen des weiß gewordenen Anteils.

Andere mögliche Lesart:

  • "Seihe ... davon ab" bzw. "ziehe ... ab" (abseihen/durchseihen). - Wörterbuchbelege stützen für dieses Verb auch die Lesart 'ab...seihen'; derselbe Verbtyp ist im Zwillingsrezept mst-099 an vergleichbarer Stelle (Öl-Wasser-Trennung) noch als offene Frage zwischen 'schöpfen' und 'seihen/abziehen' vermerkt.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 031, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Dieses Rezept ist nicht zum Verzehr geeignet und enthält giftige Substanzen. Es ist ein historisches Kuriosum, das die damaligen Praktiken der Kosmetikherstellung zeigt.
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Stand dieser Fassung: 16.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.