Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Nimm drei Lot Gewürznelken, drei Lot Zimtstangen, zwei Lot Muskatnuss, zehn Handvoll Kohlrosen, zehn Handvoll weiße Rosen, zwei Handvoll Ysop, sieben Handvoll Lavendelblüten und ein Maß Malvasierwein. Lass alles neun Tage lang zusammen stehen. Am zehnten Tag sollst du es destillieren.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| drey lot negele | Gewürznelken | 45 g | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| drey lot rerla | Zimtstangen | 45 g | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| zway lot muſcatnus | Muskatnuss | 30 g | gut sortierter Supermarkt | - |
| zechen hand vol kollroſen | 10 Handvoll Kohlrosen | 10 Bund | Gärtnerei, Wochenmarkt | Dunkelrote Gartenrosen |
| zehen hand vol weyſs roſen | 10 Handvoll weiße Rosen | 10 Bund | Gärtnerei, Wochenmarkt | - |
| zwuo hend vol juſeplen | 2 Handvoll Ysop | 2 Bund | Gärtnerei, Kräuterhandel | - |
| ſiben hend vol laffendel plomen | 7 Handvoll Lavendelblüten | 7 Bund | Gärtnerei, Kräuterhandel | - |
| ain maſs malfaſier | Malvasierwein | 1,05 l | gut sortierter Weinhandel | Aromatischer Süßwein |
Welches Gericht ist das? Ein destilliertes Kräuter-Blüten-Wasser: Gewürze (Gewürznelken, Zimtstangen, Muskatnuss) und Blüten (Kohlrosen, weiße Rosen, Lavendel, Ysop) ziehen neun Tage in Malvasierwein, danach wird destilliert. Kein Gericht im Küchensinn, sondern ein Riech- und Heilwasser für Apotheker- wie Haushaltsgebrauch - näher an einem Hydrolat wie Rosen- oder Lavendelwasser als an einem Trinkgetränk.
Wie lange das Gefäß während der Standzeit stehen soll, sagt der Text nicht - offen oder geschlossen bleibt seinem Wortlaut nach beides denkbar. Praktisch empfiehlt sich ein geschlossenes Gefäß an einem kühlen, dunklen Ort, das schützt die ziehenden Aromen vor Verdunstung und Verunreinigung.
Praxis. Gewürze und Blüten kommen ganz - nicht zerstoßen - in den Malvasierwein und ziehen neun Tage. Anders als bei anderen Rezepten des Buches bleiben die Zimtstangen hier unzerkleinert: Bei einer Destillation bleibt das Pflanzenmaterial ohnehin im Kessel zurück, und ganze Stücke lassen sich leichter absieben als Pulver, das anbrennen oder das Destillat trüben könnte. Am zehnten Tag wird destilliert. Wer keine Destillieranlage besitzt, kommt an diesem Rezept praktisch nicht vorbei; ein bloßer Kräuterauszug in Wein ergibt kein Kraftwasser im Sinn des Textes. Die tatsächliche Ausbeute liegt deutlich unter der eingesetzten Weinmenge, da nur der früh übergehende, aromatische Anteil aufgefangen wird - der Text selbst nennt dazu keine Zahl.
Dieses Kraftwasser war kein Lebensmittel im modernen Sinne, sondern ein aromatisches Destillat. Es wurde für medizinische Zwecke, als Parfüm, zur Erfrischung oder zur Aromatisierung von Speisen und Getränken verwendet. Es war ein Luxusprodukt, das in wohlhabenden Haushalten geschätzt wurde.
Nein, nicht geeignet. Die Herstellung erfordert eine Destillationsanlage (Brennblase und Kühler) sowie präzise Temperaturkontrolle, was im Rahmen einer Lagerküche nicht praktikabel ist.
Ein ‚Lot‘ war ein Gewichtsmaß, das in Augsburg etwa 15 Gramm entsprach. Ein ‚Maß‘ war ein Flüssigkeitsmaß: Das Augsburger Schenkmaß - das Ausschankmaß des Alltags - fasste rund 1,05 Liter; es wurde 1538 normiert und galt bis 1810, deckt das Druckjahr 1554 also ab (Stadtlexikon Augsburg). Der verbreitete Wert von 1,069 Litern ist die spätere bayerische Norm nach 1806 und gilt für Augsburg 1554 nicht.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Gattungsbegriff für ein durch Destillation gewonnenes, konzentriertes Wasser aus Kräutern, Blüten und Gewürzen - belegt als „stärkender, heilender Trank“. Kein Getränk im heutigen Sinn, sondern ein Stärkungs- und Heilmittel für Apotheker- wie Haushaltsgebrauch.
Ein historisches Gewichtsmaß, das je nach Region variierte, aber in Augsburg etwa 15 Gramm entsprach.
Bezeichnet Zimtstangen, die in dieser Zeit oft als „Röhrlein“ bezeichnet wurden.
Ein historisches Flüssigkeitsmaß. Für Augsburg ist es genauer bestimmbar als für die meisten Städte: Das dortige Schenkmaß - das Ausschankmaß des Alltags - fasste rund 1,05 Liter, wurde 1538 normiert und galt unverändert bis 1810, deckt das Druckjahr 1554 also direkt ab. Daneben lief ein Visiermaß (Handels- und Steuermaß, ca. 1,17 Liter) für Fässer im Großhandel, nicht für die Küche. Der oft zitierte Wert von 1,069 Litern ist die bayerische Norm nach 1806 und passt hier nicht - Augsburg war 1554 Freie Reichsstadt mit eigenem Maßsystem (Stadtlexikon Augsburg).
Im Kontext dieses Rezepts bedeutet „brennen“ destillieren, also die flüchtigen Aromen durch Erhitzen und Kondensieren zu gewinnen.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| drey lot negele | clove Q15622897 |
| drey lot rerla | cinnamon Q28165 |
| zway lot muſcatnus | nutmeg Q83165 |
| zwuo hend vol juſeplen | hyssop Q137931 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
kollroſen
Gewählte Lesart: „Kollrosen“ wurde als Kohlrosen (Rosa centifolia) interpretiert, eine Rosensorte, die für ihre Fülle und ihren Duft bekannt ist und oft in Destillaten verwendet wurde.
Andere mögliche Lesart:
juſeplen
Gewählte Lesart: „Juſeplen“ wurde als Ysop (Hyssopus officinalis) interpretiert, eine aromatische Pflanze, die häufig in Kräuterwässern und Destillaten verwendet wurde.
Andere mögliche Lesart:
vnd laſs neun tag an ainander ſteen
Gewählte Lesart: Für die neuntägige Standzeit empfiehlt sich ein geschlossenes Gefäß an einem kühlen, dunklen Ort - das schützt vor Oxidation, Verdunstung und Verunreinigung.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 16.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.