Wohlriechendes Wasser mit Gewürzen
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Um ein wohlriechendes Wasser zu machen, nimm Lavendel und Nardenblüten. Gib sie in ein Glas. Füge ungestoßene Nelken und Zimtstangen hinzu, dazu Muskatnuss und Muskatblüte, sowie Bisam, einer Erbse groß. Gieße frisches Wasser darauf und setze das Glas in die Sonne.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Laffendel | Lavendel | - | gut sortierter Supermarkt, Kräuterladen | - |
| ſpickenard plomen | Spiklavendel-Blüten | - | Online-Gewürzhandel, Ayurveda-Fachhandel | Lavendelblüten |
| negela | Nelken, ungestoßen | - | - | - |
| rerla | Zimtstangen, ungestoßen | - | - | - |
| muscat | Muskatnuss | - | - | - |
| muſcat plie | Muskatblüte | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| piſenn ainer Erbis groſs | Bisam (Moschus), erbsengroß | - | im Handel praktisch nicht erhältlich - der Moschushirsch steht unter Artenschutz | echter Moschus unterliegt dem Artenschutz des Moschushirschs (CITES) und ist im Handel nicht erhältlich - für eine Nachbildung bleibt nur Weglassen oder ein synthetischer Moschusersatzstoff aus der Parfümerie |
| friſch waſſer | Frisches Wasser | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Kein Koch- und kein Backrezept, sondern eine Anleitung für ein Duftwasser: Gewürze und Blüten ziehen kalt, ohne Feuer und ohne Destillation, allein durch Sonnenwärme in Wasser. Lebende Verwandtschaft liegt eher in der Parfümerie als in der Küche - ein Vorläufer hausgemachter Riechwässer, wie sie in einem Hausbuch neben den Kochrezepten ihren selbstverständlichen Platz hatten.
Bisam als Riechstoff. Der Ansatz enthält neben Lavendel, Spiklavendel, Nelken, Zimt, Muskatnuss und Muskatblüte auch eine erbsengroße Menge Bisam (Moschus) - ein tierischer Duftstoff aus der Duftdrüse des Moschushirschs, in der Parfümerie als Fixiermittel geschätzt. Bisam war vereinzelt auch als Luxus-Würze in Speisen belegt (std-055 im selben Korpus, dort aber nur 'ein wenig', fein gehackt in eine ganze Kräuter-Ei-Füllung) - ein Ausschlusskriterium für Speisen ist die Zutat allein also nicht. 'Einer Erbse groß' ist zwar mehr als das 'ein wenig' bei std-055, wie konzentriert das tatsächlich war, lässt sich aber nicht sagen: der Text nennt weder eine Glasgröße noch eine Wassermenge (nur 'thus jn ain glaſs ... geuſs ain friſch waſſer daran') - das Verdünnungsverhältnis bleibt offen, der Mengenvergleich ist also ein schwaches Indiz, kein tragendes. Tragfähiger für die Riechwasser-Lesart bleiben die fehlende Trink-/Verzehrangabe im Text sowie der Vergleich mit echten Getränke-Rezepten des Korpus (z.B. std-249 'Güldenes Wasser'), die Wein statt Wasser als Basis nehmen, die Gewürze in einem herausnehmbaren Leinensäckchen führen und ausdrücklich einen Einnahme-Zweck nennen.
Praxis. Lavendel, Nardenblüten, ganze (ungestoßene) Nelken und Zimtstangen sowie Muskatnuss und Muskatblüte in ein verschließbares Glas geben, mit frischem Wasser auffüllen und das Glas für mehrere Tage an einen sonnigen Platz stellen, gelegentlich leicht schwenken. Der Moschushirsch steht heute unter Artenschutz, Bisam ist entsprechend nicht mehr zu beschaffen - für eine Nachbildung lässt sich der Ansatz ohne ihn ziehen, das Ergebnis bleibt ein blumig-würziges Riechwasser, nur ohne den ursprünglichen animalischen Fixierton.
Ist dieses 'wohlriechende Wasser' zum Trinken gedacht?
Nein, dieses Rezept beschreibt die Herstellung eines aromatischen Wassers, das wahrscheinlich zur Parfümierung von Wäsche, Räumen oder als Bestandteil von Heilmitteln verwendet wurde. Es ist nicht für den Verzehr gedacht.
Was sind die „spickenard“-Blüten?
Gemeint ist sehr wahrscheinlich Spiklavendel (Lavandula latifolia), ein Mittelmeer-Lavendel mit kräftigerem, kampferigem Duft. Der Text nennt gewöhnlichen Lavendel gleich daneben, „spickenard“ muss also etwas anderes sein. Spiklavendel gibt es getrocknet im Kräuterhandel; ersatzweise nimmst du mehr gewöhnlichen Lavendel.
Was ist 'piſenn ainer Erbis groſs'?
Das ist Bisam (Moschus), einer Erbse groß. Bisam war ein kostbarer tierischer Duftstoff und wurde in der Parfümerie als Fixiermittel geschätzt - anders als die übrigen Zutaten des Rezepts ist er kein Gewürz, sondern gehört zur Kategorie der Riechstoffe.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
- wolſchmeckends waſſer
'wolſchmeckend' ist im Frühneuhochdeutschen kein eindeutiger Geschmacksbegriff: das Schweizerische Idiotikon führt es ausdrücklich 'von speisen, getränken, gerüchen' - das Wort selbst legt Geschmack oder Geruch nicht fest. Für DIESES Rezept entscheidet der Kontext für 'wohlriechend': kein Kochschritt, reine Sonnenmazeration in Wasser, kein Hinweis auf Verzehr oder Trinken, und Bisam (Moschus) als Zutat, die im gesamten Korpus sonst nur als Riechstoff belegt ist. 'Wohlriechend' ist deshalb die Übersetzung für dieses konkrete Rezept, nicht eine Aussage über das Wort im Allgemeinen.
- Laffendel
Frühneuhochdeutsche Schreibweise für Lavendel.
- spickenard plomen
Spiklavendel-Blüten. „Spicanardus“ war ein Sammelname für die echte Narde (Himalaya-Wurzel), den alpinen Echten Speik und Lavendelarten. Weil der Text gewöhnlichen Lavendel eigens daneben nennt, ist hier der Spiklavendel (Lavandula latifolia) gemeint, der kräftiger und kampferiger riecht. Narde und Speik liefern keine verwendbaren Blüten.
- negela
Kurzform für Nägelein, die Bezeichnung für Gewürznelken, abgeleitet von ihrer nagelähnlichen Form.
- rerla
Bezeichnung für Zimtstangen, die in dieser Zeit auch als 'Zimtröhrlein' bekannt waren.
- muscat plie
Muskatblüte, auch Macis genannt, ist der Samenmantel der Muskatnuss und hat ein feineres, blumigeres Aroma.
- piſenn ainer Erbis groſs
Bisam, also Moschus - ein tierischer Duftstoff, kein Gewürz. 'Einer Erbse groß' ist die für Moschus übliche Dosierungsformel, weil er als teures Einzelstück gehandelt wurde. Dasselbe Rezept schreibt durchgängig p für b ('plomen' statt blomen, 'plie' statt blüe) - 'piſenn' reiht sich in dieselbe Schreibweise für 'bisem' ein.
- ungeſtoſſen
Bedeutet, dass die Gewürze (Nelken und Zimtstangen) ganz und nicht gemahlen verwendet werden sollen, um ihr Aroma langsam an das Wasser abzugeben.
- ſetz es an die ſonnen
Eine Methode der Solarinfusion, bei der die Zutaten in Flüssigkeit in die Sonne gestellt werden, um die Aromen und Wirkstoffe schonend zu extrahieren. Dies war eine gängige Praxis für aromatische Wässer und Heilmittel.
Normdaten der Zutaten
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| negela | clove Q15622897 |
| muscat | nutmeg Q83165 |
| muſcat plie | mace Q1882876 |
| friſch waſſer | water Q283 |
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
piſenn
Gewählte Lesart: Die Lesart 'Bisam' (Moschus) wird gewählt: 'piſenn' ist eine Schreibvariante von 'bisem/pisem', wie sie in fnhd. Wörterbüchern (Diefenbach, Wülcker) für denselben Begriff geführt wird - beide belegen direkt die Schreibungen 'pisem/pyszeiu/pyszim/pyszm/pism/besum', und Grimm zitiert dieselbe Wurzel im Sinnzusammenhang 'riecht wie Bisam' (mecenberg). Dasselbe Rezept schreibt durchgängig p für b ('plomen' statt blomen, 'plie' statt blüe) - dieselbe Verschiebung erklärt 'piſenn' für 'bisem'. Die Dosierung 'einer Erbse groß' ist die zeittypische Formel zur Zumessung von Moschus als teurem Einzelstück, und ein tierischer Duftstoff passt inhaltlich besser zu einem Duftwasser als eine Speisezutat. Cross-Book-Beleg: std-055 (Staindl, gleiche Zeit und Region) schreibt 'Biſem' im selben Wortsinn (dort ebenfalls in einer Kräuter-/Duft-Zubereitung). Vier unabhängige Belegstränge (Wörterbuch-Schreibvarianten, Binnenreim-Konsistenz p/b, Cross-Book-Beleg, inhaltliche Plausibilität) stützen dieselbe Lesart - keiner davon widerspricht.
Andere mögliche Lesart:
- Frühere Lesart 'Pistazien'. - Wird verworfen: belegte fnhd. Formen für Pistazie sind 'pistache/pistazia', keine liefert eine 'pisen'-Schreibung; zudem kommen Pistazien in vergleichbaren Duftwasser-Rezepten des Korpus sonst nicht vor.
spickenard plomen
Gewählte Lesart: Spiklavendel (Speik-Lavendel, Lavandula latifolia): Der Text nennt Lavendel und daneben eigens „spickenard“-Blüten, gemeint ist also eine zweite, andere Pflanze. „Spik“ war der Handelsname des großen, kampferigen Mittelmeer-Lavendels; als Spica oder Spicanardus liefen außerdem die echte Narde und der Echte Speik, beide liefern aber keine verwendbaren Blüten.
Andere mögliche Lesart:
- Nardenblüten (echte Narde) - Bis 2026-10-20 die Hauptlesart „Nardenblüten“. Die echte Narde (Nardostachys) ist eine Wurzeldroge, ihre Blüten wurden nicht gehandelt; die Lesart ließ außerdem offen, warum der Text Lavendel und Narde getrennt nennt.
negela rerla
Gewählte Lesart: Die Lesart 'Nelken und Zimtstangen' wurde gewählt. 'Negela' ist eine bekannte Kurzform für Nägelein (Nelken), und 'rerla' ist in der Stenglerin-Quelle als Zimtstangen belegt. Die Anweisung 'ungestoßen' gilt für beide.
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 20.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
