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Gutes Augenpulver

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit30 Min.PortionenVorratsmengeBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm ein Lot Kampfer und zwei Lot Galmei, vermische beides miteinander und gib Schöllkrautwasser dazu. Zerstoße es gut, wie ein Mus. Reibe es dann gut auf einem Stein, so wie man Farben in ein Glas tut. Decke es gut zu, damit nichts hineinstiebt. Und wenn es hart wird, so reibe es wiederum aufs Allerkleinste.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain lot gaffer Kampfer 15 g Apotheke, Drogerie (als Kampferpulver/-öl) -
zway lot galmey Galmei 30 g Apotheke, Online-Chemikalienhandel (Vorsicht: nicht für den Verzehr) -
ſchelkrautwaſſer Schöllkrautwasser - Apotheke, Online-Kräuterhandel (Vorsicht: giftig) -

Was ist das? Kein Kochrezept, sondern ein Augenpulver aus Kampfer, Galmei (Zinkcarbonat) und Schöllkrautwasser - ein historischer Vorläufer der bis ins 20. Jahrhundert gebräuchlichen zink- und kampferhaltigen Augenmittel, die heute in dieser Form nicht mehr verwendet werden.

Technik. Kampfer und Galmei werden zunächst trocken vermischt, dann mit Schöllkrautwasser zu einem musartigen Brei verarbeitet. Anschließend wird die Masse auf einem Reibstein sehr fein verrieben - der Text vergleicht das ausdrücklich mit der Farbreiberei der Maler, die ihre Pigmente auf dieselbe Weise für feinste, staubfreie Farben bearbeiteten. Die feuchte Verreibung vor dem Trocknen verhindert, dass beim ersten Vermengen Staub aufgewirbelt wird, und ergibt eine gleichmäßigere Mischung als reines Trockenmahlen.

Praxis. Nach dem Trocknen wird der hart gewordene Kuchen ein zweites Mal, jetzt trocken, aufs Feinste zerrieben - erst dieser zweite Durchgang macht das Pulver augenverträglich frei von groben Partikeln. Ob die Masse dabei tatsächlich in ein Glasgefäß gefüllt wird oder der Vergleich mit der Farbreiberei nur bildlich gemeint ist, lässt der Text offen - zur Aufbewahrung empfiehlt sich ohnehin ein dicht schließendes Glas. Zum Nachkochen ungeeignet: Kampfer und Galmei sind keine Lebensmittel, Schöllkraut ist in höherer Dosierung giftig; das Rezept dokumentiert historische Handwerkstechnik, keine Anwendung für heute.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, kein Kochrezept. Dies ist ein historisches Heilmittel, das nicht zum Verzehr bestimmt ist und spezielle Zutaten sowie feine Reibearbeit erfordert.

Was sind 'Gaffer' und 'Galmei'?

'Gaffer' ist die frühneuhochdeutsche Form für Kampfer (Camphora), ein in der frühneuzeitlichen Augenheilkunde gängiges Mittel. 'Galmei' ist Zinkcarbonat, das im Mittelalter und der frühen Neuzeit ebenfalls für Augenmittel verwendet wurde. Beide sind keine Lebensmittel und sollten nicht ohne fachkundige Anleitung verwendet werden.

Was bedeutet 'Schöllkrautwasser' und ist es sicher?

Schöllkrautwasser wird aus der Pflanze Schöllkraut (Chelidonium majus) gewonnen. Es wurde historisch bei Augenleiden eingesetzt, ist aber in größeren Mengen giftig. Dieses Rezept ist ein historisches Zeugnis und nicht zur modernen Selbstmedikation gedacht.

Was ist ein 'Lot' im Rezept?

Ein Lot war eine historische Gewichtseinheit, die regional variierte. In diesem Kontext entspricht ein Lot etwa 15 Gramm.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Ain guts Augen pulffer. Item nim ain lot gaffer zway lot galmey thus durch ainander vnd thu ſchelkrautwaſſer daran vnd erzwurſs wol, wie ain muſs, reibs dann wol auff einem ſtain, wie man die farben thus in ain glas, decks wol zu, das nichts darein ſtieb, vnd wann es hart wirt, ſo reib es widerumb auffs aller⸗ klaineſt.
pulffer

Ein ‚Pulver‘ oder ‚Pülverchen‘, hier im Sinne eines feinen Heilmittels.

gaffer

Kampfer (lateinisch Camphora): eine frühneuhochdeutsche Wortform, die u. a. bei Lexer, im Frühneuhochdeutschen Wörterbuch und im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm als ‚Kampfer‘ geführt wird. Kampfer gehörte zu den Standardbestandteilen frühneuzeitlicher Augenmittel.

galmey

Galmei (Zinkcarbonat) wurde historisch in der Medizin, insbesondere für Augenmittel, aufgrund seiner adstringierenden und antiseptischen Eigenschaften verwendet.

ſchelkrautwaſſer

Schöllkraut (Chelidonium majus) wurde traditionell bei Augenleiden eingesetzt, ist jedoch in größeren Mengen giftig und sollte nicht ohne fachkundige Anleitung verwendet werden.

lot

Ein Lot war eine historische Gewichtseinheit, die regional variierte, aber typischerweise etwa 15 bis 17 Gramm entsprach. Hier mit 15 g angesetzt.

erzwurſs

Eine frühneuhochdeutsche Form von ‚zerstoßen‘ oder ‚zerreiben‘, was das Zerkleinern der Zutaten zu einer feinen Paste oder einem Mus beschreibt.

wie man die farben thus

Dieser Vergleich beschreibt das feine Verreiben der Zutaten auf einem Stein, ähnlich wie Maler ihre Pigmente für Farben zubereiteten, um eine sehr feine Konsistenz zu erzielen.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwie man die farben thus in ain glas, decks wol zu

Gewählte Lesart: Der Satz vergleicht das Verreiben nur bildlich mit der Farbreiberei der Maler; ein eigenes Einfüllen in ein Glasgefäß ist nicht ausdrücklich beschrieben.

Andere mögliche Lesart:

  • Das fertig geriebene Pulver wird tatsächlich in ein Glasgefäß gefüllt und dieses zugedeckt - der Vergleich mit den Malerfarben bezieht sich dann nur auf die Reibetechnik, nicht auf das Einfüllen. - Grammatisch bleibt sonst offen, welches Gefäß mit ‚decks wol zu‘ gemeint ist; ein Korpus-Twin, der die Stelle absichern könnte, liegt nicht vor.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 035, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nein, kein Kochrezept. Dies ist ein historisches Heilmittel, das nicht zum Verzehr bestimmt ist und spezielle Zutaten sowie feine Reibearbeit erfordert.
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Stand dieser Fassung: 17.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.