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Destilliertes Zimtwasser

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionenca. 1 Glas DestillatBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm ein Viertel Pfund Zimtstangen und stoße sie fein. Gib sie in ein Glasgefäß, in dem du destillieren möchtest. Gieße ein Seidlein frisches Wasser dazu und dichte das Gefäß oben gut ab, damit nichts entweicht. Wenn es siedet, gib gut Acht darauf. Wenn es zum ersten Mal weiß wird, ist es am richtigsten. Du hast auch eine andere Platte dafür, ich habe viel gesehen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain vierdung rerla Zimtstangen 125 g gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
ain ſeudlin friſch waſſer Frisches Wasser - Leitung -

Welches Gericht ist das? Ein gebranntes Zimtwasser - ein Aromawasser, das durch Destillation von Zimtstangen mit Wasser in einem verschlossenen Glasgefäß gewonnen wird. Kein alkoholischer Ansatz und kein Likör, sondern ein Aroma- und Heilwasser. Die heutige Entsprechung ist ein Zimt-Hydrolat, funktional vergleichbar mit Rosenwasser als Back- und Aromazutat.

Wie dicht muss das Gefäß sein? Der Text verlangt, das Gefäß oben abzudichten, damit nichts entweicht ('verklaibs oben wol'). Historische Brennpraxis dieser Zeit dichtete dafür die Fuge zwischen dem unteren Gefäß und einem aufgesetzten Kühlkopf oder Helm ab, meist mit einem Teig- oder Lehmstrang - nicht das gesamte Gefäß als geschlossenes System. Welche Apparatur hier genau verwendet wurde, benennt der Text nicht.

Und die Hitze? Auch dazu schweigt der Text - er nennt nur das Sieden selbst als Ereignis, auf das aktiv zu achten ist ('gute Sorg darauf haben'), erkennbar ohne Thermometer nur am Siedebeginn und am ersten Austreten von Dampf beziehungsweise trübem Destillat.

Und der Schlusssatz? Der letzte Satz ('du hast auch eine andere Platte dafür, ich habe viel gesehen') bleibt unklar. Möglich ist eine weitere Schale oder Platte als Teil der Brennapparatur, ebenso möglich eine Verweisform auf eine andere Stelle im Buch ('ein anderes Blatt'). Beide Lesarten sind belegbar, keine ist hier entscheidbar - für die Praxis liefert der Satz keine zusätzliche Anweisung.

Praxis. Zimtstangen fein zerstoßen, mit dem Wasser (‚ein Seidlein‘ ist die Verkleinerungsform zu Seidel, der halben Augsburger Maß von rund 0,52 Liter, und meint hier eine kleine, ungenaue Menge) in ein Glasgefäß geben. Nur die Fuge zum Aufsatz beziehungsweise Kühlkopf abdichten, etwa mit einem Teigstrang - das Gefäß braucht einen Auslass, sonst besteht Berstgefahr. Sanft und indirekt erhitzen, am besten im Wasserbad, nicht mit offener Flamme direkt am Glas. Sobald der erste Dampf beziehungsweise das erste trübe Destillat austritt, ist der Prozess angelaufen; das Destillat auffangen.

Was sind ‚Rerlen‘?

‚Rerlen‘ sind Zimtstangen, die getrocknete Rinde des Zimtbaumes. Der Name leitet sich von ihrer gerollten, röhrenförmigen Gestalt ab.

Was bedeutet ‚prennen‘ in diesem Rezept?

‚Prennen‘ bedeutet hier destillieren. Es geht darum, die aromatischen Essenzen des Zimts durch Erhitzen und anschließendes Kondensieren des Dampfes zu gewinnen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Die Destillation von Zimtwasser erfordert eine spezielle Apparatur und eine kontrollierte Hitzezufuhr, die im Rahmen einer Lagerküche nicht praktikabel ist.

Was ist ein ‚Seidlein‘?

‚Seidlein‘ ist die Verkleinerungsform zu ‚Seidel‘. Ein ‚Seidel‘ ist die halbe Maß. Nach dem Augsburger Schenkmaß - rund 1,05 Liter je Maß, 1538 normiert und bis 1810 unverändert in Kraft - sind das rund 0,52 Liter (Stadtlexikon Augsburg). Die Diminutivform meint hier keine abgezählte Menge, sondern eine kleine Menge Wasser.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Rerlen wasser zu prennen. Item nimb ain vierdung rerla, ſtoſs in klain thus in ain glaſs, darinn mans auſsprenne will, geuſs ain ſeudlin friſch waſſer darann, vnnd verklaibs oben wol, das es nit auſsriech vnnd wans ſeudt, ſo hab qutte ſorg darauff, wann es zum erſten weyſsgat, das iſt da rechteſt du haſts andern plat daruor auch, ich hab vil ſeche.
Rerlen

Bezeichnet Zimtstangen, die getrocknete Rinde des Zimtbaumes, die in gerollter Form gehandelt wurde. Der Begriff leitet sich von 'Röhrlein' ab.

prennen / auſsprenne

Bedeutet hier destillieren oder 'abbrennen' im Sinne der Gewinnung von Essenzen durch Erhitzen und Kondensieren.

verklaibs

Von 'verkleiben', also abdichten oder verschließen, oft mit Lehm oder Teig.

auſsriech

Bedeutet hier ausdampfen oder entweichen, im Sinne, dass der Dampf nicht aus dem Gefäß entweichen soll, bevor er kondensiert.

weyſsgat

Wörtlich 'weiß gibt' oder 'weiß geht' - das Signal, dass der Brennvorgang beginnt. Ob damit aufsteigender weißer Dampf oder das erste, trüb-weiße Austreten des Destillats selbst gemeint ist, lässt der Wortlaut offen.

plat

Nicht abschließend geklärt: entweder eine Platte oder Schale als Teil der Brennapparatur, oder - nach einer im Referenzkorpus belegten Nebenform - 'Blatt' im Sinne eines Verweises auf eine andere Stelle im Buch. Beide Lesarten sind möglich.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain vierdung rerlacinnamon Q28165
ain ſeudlin friſch waſſerwater Q283

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartplat

Gewählte Lesart: Am plausibelsten bleibt eine Platte oder Schale als Teil der Brennapparatur, auch wenn der Text ihre genaue Funktion nicht beschreibt.

Andere mögliche Lesart:

  • Nach einer im Referenzkorpus belegten Schreibvariante könnte 'plat' auch 'Blatt' meinen - ein Verweis auf eine andere Stelle im Buch ('du hast auch ein anderes Blatt dafür'). - Beide Lesarten sind sprachlich möglich; keine ist anhand dieser einen Stelle oder eines Zwillingsrezepts entscheidbar.

Lesartverklaibs oben

Gewählte Lesart: Für die Praxis gilt: nur die Fuge zwischen Gefäß und einem aufgesetzten Kühlkopf oder Helm wird abgedichtet - nicht das gesamte Gefäß als geschlossenes System.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text benennt keine gesonderte Aufsatz- oder Kühlkopf-Komponente ausdrücklich; welche Apparatur genau gemeint ist, bleibt aus dem Fragment selbst nicht beweisbar. - 'verklaibs oben' passt zur historischen Brennpraxis, bei der genau diese obere Fuge gedichtet wurde - das Rezept selbst beschreibt die Apparatur aber nicht.

Lesartwans ſeudt

Gewählte Lesart: Für die Nachkoch-Praxis empfiehlt sich sanfte, indirekte Hitze, etwa im Wasserbad, um das Glasgefäß nicht zu gefährden.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text nennt keine Hitzequelle oder -intensität, nur das Sieden als Ereignis. Offenes Feuer direkt am Gefäß war in der Zeit ebenfalls üblich, mit einem Glasgefäß aber riskanter. - Ohne Angabe im Text lässt sich die historisch tatsächlich verwendete Hitzequelle nicht rekonstruieren.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 034, Rezept läuft bis seite-035, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Dieses Rezept beschreibt die Destillation von Zimtwasser, was eine spezielle Apparatur und kontrollierte Hitze erfordert, die im Lager nicht praktikabel ist.
Alle Rezepte aus Das Kochbuch der Maria Stenglerin Alle Kochbücher

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Stand dieser Fassung: 17.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.