Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Wenn dir ein Wein zäh geworden ist, so beschaffe feuchte Rinde von einer jungen Tanne. Man soll sie im Mai nehmen und die oberen Rinden davon schälen.
Weiche sie dann sechs Tage lang in Wasser ein. Gib zwei frische Wasser daran und wasche die Rinden aus. Trockne sie anschließend an der Luft und nicht in der Sonne.
Wenn der Wein zäh geworden ist, gib vier oder fünf Rindenstücke hinein, wobei ein langes Stück an einem Faden befestigt sein soll.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| feuͤcht ruͤnden | Rinde einer jungen Tanne | - | Wald | - |
| waſſer | Wasser | - | Leitung | - |
| fade | Faden | - | Supermarkt | - |
Welches Gericht ist das?
Kein Gericht, sondern eine Kellertechnik: junge Tannenrinde wird im Frühjahr geschält, gewässert und luftgetrocknet, um später einem zäh gewordenen Wein zugesetzt zu werden. Der Twin std-294 (Zähen Wein mit Fichtenrinde klären) beschreibt für denselben Weinfehler dasselbe Grundprinzip - Nadelholzrinde an einem Faden im Fass -, nur mit Fichte statt Tanne. Das Wirkprinzip lebt in der heutigen Tannin-Schönung von Wein fort.
Zäh statt fehlerhaft.
Der Urtext spricht von einem Wein, der zech bzw. zechwurt geworden ist - sprachlich zu zäh(e) gehörig, nicht zu einem allgemeinen Verderb. Gemeint ist ein dickflüssig, schleimig gewordener Wein, eine im Mittelalter bekannte Weinkrankheit, für die auch andernorts im Korpus dieselbe Nadelholz-Behandlung belegt ist.
Warum entharzen und trocknen.
Frisch geschälte Tannenrinde führt Harz. Das sechstägige Einweichen mit zwei Wasserwechseln und das anschließende Auswaschen dürfte die harzig-bitteren Stoffe entfernen, bevor die Rinde dem Wein zugesetzt wird; die Lufttrocknung statt Sonne trocknet schonend, ohne die Rinde spröde zu machen oder Harzreste einzubrennen. Die eigentliche Wirkung im Wein liefern die Gerbstoffe der getrockneten Rinde.
Hat das önologisch wirklich einen Effekt?
Ja, real, aber nicht identisch mit der heutigen Behandlung des Fehlers. „Zäher“ Wein ist eine seit Pasteur (1866) dokumentierte, tatsächlich existierende Weinkrankheit („ropiness“): Milchsäurebakterien (v. a. Pediococcus parvulus) bilden ein schleimiges Exopolysaccharid (β-Glucan). Moderne önologische Forschung zeigt, dass Tannine mit Wein-Polysacchariden - auch mit β-Glucan - wechselwirken und sie ausfällen können, wenn auch schwächer als die bekanntere Tannin-Eiweiß-Bindung (die klassische Schönung mit Gelatine/Eiklar). Die Rindenbehandlung hat damit eine reale chemische Grundlage; sie dürfte den Schleim teilweise ausfällen, statt aber die verursachenden Bakterien zu bekämpfen, wie es moderne Behandlung (Schwefelung, Lysozym, Filtration) heute zusätzlich tut.
Praxis.
Rinde im Frühjahr (Mai) schälen, sechs Tage in zweimal gewechseltem Wasser einweichen, auswaschen und an der Luft trocknen. Von der getrockneten Rinde vier oder fünf Stücke in den betroffenen Wein geben, ein langes Stück an einem Faden befestigt, um es später leicht wieder herausziehen zu können - dafür eignet sich unbehandelter Baumwoll- oder Leinenfaden. Nach wenigen Tagen probieren und die Rinde dann entfernen; der Text nennt weder Wassermenge noch Weinmenge pro Rindenstück, hier hilft nur Augenmaß.
Ein Wein, der 'zech' bzw. 'zechwurt' geworden ist, ist zäh geworden - dickflüssig und schleimig, eine im Mittelalter bekannte Weinkrankheit. Die Tannenrinde soll diese Zähigkeit durch ihre Gerbstoffe wieder binden.
Nein, dieses Rezept ist eine Anleitung zur Weinbehandlung im Keller. Es erfordert die Sammlung der Tannenrinde zu einer bestimmten Jahreszeit (Frühjahr/Mai) und eine mehrtägige Vorbereitung (Einweichen, Trocknen), was nicht in den Rahmen einer Lagerküche passt.
„Zäher“ Wein ist eine reale, gut dokumentierte Weinkrankheit (in der modernen Önologie „ropiness“/„Fettwerden“ genannt): Bestimmte Milchsäurebakterien bilden ein schleimiges Exopolysaccharid (β-Glucan), das den Wein dickflüssig macht. Moderne önologische Forschung zeigt, dass Tannine mit genau solchen Wein-Polysacchariden wechselwirken und sie ausfällen können - schwächer als die bekanntere Tannin-Eiweiß-Bindung, aber nachweisbar. Die historische Rindenbehandlung hat damit eine reale chemische Grundlage, auch wenn die heutige Behandlung des Fehlers eher auf die verursachenden Bakterien zielt (Schwefelung, Lysozym, Filtration) statt allein auf das Ausfällen des Schleims. Das Einweichen und Waschen der Rinde dürfte zusätzlich dazu dienen, harzig-bittere Stoffe zu entfernen, bevor sie dem Wein zugesetzt wird.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Sprachlich zu „zäh(e)“ gehörig: ein Wein, der zech bzw. zechwurt geworden ist, ist dickflüssig und schleimig geworden - eine im Mittelalter bekannte Weinkrankheit. Dieselbe Behandlung mit Nadelholzrinde an einem Faden findet sich im Korpus für denselben Weinfehler mehrfach, etwa in std-294 („Zähen Wein mit Fichtenrinde klären“).
Mundartlich für Maien (Mai) - der Saftfluss im Frühjahr macht diese Zeit am günstigsten, um Rinde vom Holz zu lösen. Beleg: Schweizerisches Idiotikon, wo dieselbe Zeitangabe für dieselbe Tätigkeit genannt wird.
Rinden, hier die äußere Baumrinde.
Tanne, ein Nadelbaum. Die Rinde enthält Gerbstoffe (Tannine), die in moderner önologischer Forschung nachweislich mit Wein-Polysacchariden (darunter dem für „zähen“ Wein verantwortlichen bakteriellen β-Glucan) wechselwirken und diese ausfällen können - schwächer als die bekanntere Tannin-Eiweiß-Bindung, aber real.
Ein Faden, an dem die Rindenstücke befestigt werden, um sie später leichter aus dem Wein entfernen zu können.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| waſſer | water Q283 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Material des Fadens
Gewählte Lesart: Der Text nennt kein Material; für die Praxis eignet sich unbehandelter Baumwoll- oder Leinenfaden, der im Wein weder Farbe noch Fremdgeschmack abgibt.
Andere mögliche Lesart:
Verweildauer der Rindenstücke im Wein
Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Dauer; für die Praxis empfiehlt sich, nach wenigen Tagen zu probieren und die Rinde dann zu entfernen.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 17.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.