Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Gegen die Fallsucht.
Wenn ein Kind an der fallenden Sucht leidet, so nimm Rautenwasser und Maiglöckchenwasser, eines so viel wie das andere. Gieße es zusammen und gib dem Kind einen Löffel voll davon zu trinken.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| rautten waſſer | Rautenwasser | - | Apotheke, Online-Kräuterhandel | - |
| mayen pliemlen waſſer | Maiglöckchenwasser | - | Apotheke, Online-Kräuterhandel | - |
Welches Gericht ist das? Kein Kochrezept, sondern ein Hausmittel: zwei fertige Kräuterwässer werden im Verhältnis eins zu eins gemischt und dem Kind löffelweise verabreicht. Die lebendige Verwandtschaft sind heutige Beruhigungs- und Kräutertees für Kinder wie Fenchel oder Kamille - nicht die konkreten Zutaten selbst, denn Maiglöckchen gilt heute als giftig.
Praxis. Der Text beschreibt nur das Mischen und Dosieren, keine Herstellung der Wässer selbst: Rautenwasser und Maiglöckchenwasser zu gleichen Teilen zusammengießen ("ains als vil als des andern") und dem Kind einen Löffel voll zu trinken geben. Die Destillation der Kräuterwässer wird als bekannte Grundtechnik vorausgesetzt und im Rezept nicht beschrieben. Zum Nachmachen taugt dieses Rezept ohnehin nicht - es ist ein historisches Zeugnis, kein Arzneimittel für die Praxis.
Nein, nicht geeignet. Es handelt sich um ein medizinisches Hausmittel, nicht um ein Kochrezept.
'Vergicht' meinte bei Kindern im 16. Jahrhundert nicht die heutige Gicht, sondern die fallende Sucht, also Krampfanfälle. Das Rezept ist damit ein Mittel gegen kindliche Krämpfe, kein Gichtmittel im modernen Sinn.
Beide waren im 16. Jahrhundert destillierte Arzneiwässer aus der Apotheke, gewonnen aus Weinraute und Maiglöckchen. Maiglöckchen (Convallaria majalis) enthält herzwirksame Glykoside und gilt heute als giftig - das Rezept ist ein historisches Zeugnis, keine Anleitung zum Nachmachen.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Bei Kindern bezeichnete 'vergicht' im 16. Jahrhundert nicht die heutige Gicht (eine Stoffwechselerkrankung mit Gelenkentzündungen), sondern die fallende Sucht, das heißt Krampfanfälle. Birlinger belegt für den Augsburger Sprachraum wörtlich: 'Vergicht in Kindern ist der hinfallend Siechtumb'.
Wasser, das aus der Weinraute (Ruta graveolens) gewonnen wird. Die Weinraute wurde in der Volksmedizin unter anderem gegen Krämpfe und nervöse Leiden eingesetzt.
Wasser aus dem Maiglöckchen (Convallaria majalis), das zur Arzneiherstellung genutzt wurde - nicht aus dem Gänseblümchen, mit dem der Name 'Maienblümchen' heute oft verwechselt wird.
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Stand dieser Fassung: 17.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.