Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Ein Wasser gegen den Schweiß.
Nimm ein Lot weißen Vitriol und eine halbe Maß Wasser. Lasse es so lange sieden, wie man Eier hart kocht. Danach wasche dich damit.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain lot weyſſen vitriol | weißer Vitriol | 15 g | Apotheke (chemische Reagenzien), Online-Chemikalienhandel | - |
| ain halbe maſs waſſer | 0,5 l Wasser | ½ l | Leitung | - |
Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern ein frühneuzeitliches Antitranspirant: eine äußerlich angewendete Zinksulfatlösung (weißer Vitriol in Wasser aufgekocht), die nach demselben Prinzip wirkt wie heutige Aluminiumsalz-Antitranspirantien - das Metallsalz koaguliert Hautproteine in den Schweißdrüsenkanälen und verstopft sie mechanisch, sodass weniger Schweiß austritt, statt ihn nur zu überdecken. Die nächste lebende Verwandtschaft sind heutige adstringierende Körper- oder Fußwasser mit Zinksulfat, wie sie teils noch gegen übermäßiges Schwitzen eingesetzt werden.
Wohin damit? Der Text nennt keine Körperregion für "wasch dich damit". Als Praxis empfiehlt sich eine punktuelle Anwendung, etwa an Achseln, Füßen oder Händen - nicht als Ganzkörperwaschung und nicht in Augennähe, da die entstehende Lösung mit rund drei Prozent Zinksulfat für wiederholten großflächigen Hautkontakt reizend ist.
Praxis. 15 g weißen Vitriol in 0,5 Liter Wasser unter Rühren aufkochen, bis sich der Feststoff vollständig gelöst hat - die Kochzeit dient allein dem Auflösen, nicht einer Garung. Als Zeitmaß nennt der Text die Dauer für hart gekochte Eier, also etwa zehn bis zwölf Minuten Siedezeit. Danach abkühlen lassen und die betroffenen Stellen damit waschen.
Nein. Dies ist kein Kochrezept, sondern eine Anleitung zur Herstellung eines kosmetischen oder medizinischen Waschwassers. Die Zutaten sind nicht zum Verzehr geeignet.
Ein echtes Antitranspirant, kein Deo. Moderne Antitranspirantien mit Aluminiumsalzen wirken, indem das Metallsalz Hautproteine in den Schweißdrüsenkanälen ausflockt und die Kanäle mechanisch verstopft - der Schweiß tritt gar nicht erst aus. Weißer Vitriol (Zinksulfat) ist chemisch dieselbe Wirkstoffklasse und wurde noch im 20. Jahrhundert in frühen Antitranspirant-Rezepturen neben Aluminiumsalzen verwendet. Der Titel „für den schways“ zielt entsprechend auf die Schweißmenge selbst, nicht nur auf den Geruch.
Weißer Vitriol ist historisch meist Zinksulfat, ein Metallsalz, das als Adstringens und Antiseptikum verwendet wurde. Es ist kein Lebensmittel und sollte nicht eingenommen werden. Bezugsquellen sind Apotheken für chemische Reagenzien oder spezialisierte Online-Chemikalienhändler. Für kosmetische Anwendungen ist Vorsicht geboten und moderne, sichere Alternativen sind vorzuziehen.
Ein Lot entsprach in Augsburg im 16. Jahrhundert etwa 15 Gramm. Das Augsburger Schenkmaß - das Ausschankmaß des Alltags - fasste rund 1,05 Liter; es wurde 1538 normiert und galt bis 1810, deckt das Druckjahr 1554 also ab (Stadtlexikon Augsburg). Der verbreitete Wert von 1,069 Litern ist die spätere bayerische Norm nach 1806 und gilt für Augsburg 1554 nicht. Eine halbe Maß sind demnach rund 0,52 Liter.
Bei dieser Konzentration eher nicht: Ein Lot auf eine halbe Maß Wasser ergibt rund 3 Prozent Zinksulfat in Wasser - näher an einer heute verkauften 2,5-prozentigen Zinksulfat-Hautcreme (als beruhigend beworben, etwa bei wunder Haut) als an tatsächlich ätzenden Konzentrationen (die liegen eher bei 25 Prozent, etwa in der Warzenbehandlung). Für die Augen ist auch die verdünnte Lösung stark reizend - direkten Kontakt vermeiden.
Möglicherweise, sicher ist das nicht: Wir haben gezielt nachgesucht - in Plinius' antiker Chalcanthum-Liste, in neun historischen Wörterbüchern und in rund 60 mittelalterlichen Rezeptsammlungen -, ohne einen früheren Beleg für Vitriol speziell gegen Schweiß zu finden. Vitriol als Adstringens gegen andere Leiden (Wunden, Kopfschmerzen, Nasenbluten) ist dagegen seit der Antike gut belegt. Eine begründete Vermutung also, keine bewiesene Erstnennung.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Fnhd. Schreibung von "Schweiß". Belegt u. a. bei Schmeller ("treibet den schways") sowie im Frühneuhochdeutschen Wörterbuch (Lemma schweisz, u. a. als "ſchwayß") und im mittelhochdeutschen Lemma sweiʒ. Das Rezept ist entsprechend ein Wasser gegen (übermäßigen) Schweiß, nicht zur "schnellen Anwendung". Dasselbe Wort trägt im Corpus oft eine ganz andere Bedeutung: in Wildbret-Rezepten (z. B. b4-009) heißt "Schweiß"/"sweiʒ" Blut - laut Grimm (DWB) keine zufällige Doppeldeutung, sondern eine alte poetische Erweiterung derselben Wurzel ("Blut, das bei der Kampfesarbeit ausbricht wie Schweiß"), aus der die spätere Waidmannssprache ihren Fachbegriff für Wildblut nahm. Hier im Titel "für den schways" ist der Sinn durch den Waschungs-Kontext eindeutig Körperschweiß.
Historisch ein Sammelbegriff für verschiedene Metallsulfate, oft Zinksulfat (weißer Vitriol), Eisensulfat (grüner Vitriol) oder Kupfersulfat (blauer Vitriol). Wurde in der Medizin als Adstringens und Antiseptikum verwendet, ist aber heute nicht mehr für kosmetische Anwendungen empfohlen.
Ein Lot war eine historische Maßeinheit, die regional variierte, aber in Augsburg im 16. Jahrhundert etwa 15 bis 16 Gramm entsprach.
Ein historisches Flüssigkeitsmaß. Für Augsburg ist es genauer bestimmbar als für die meisten Städte: Das dortige Schenkmaß - das Ausschankmaß des Alltags - fasste rund 1,05 Liter, wurde 1538 normiert und galt unverändert bis 1810, deckt das Druckjahr 1554 also direkt ab. Daneben lief ein Visiermaß (Handels- und Steuermaß, ca. 1,17 Liter) für Fässer im Großhandel, nicht für die Küche. Der oft zitierte Wert von 1,069 Litern ist die bayerische Norm nach 1806 und passt hier nicht - Augsburg war 1554 Freie Reichsstadt mit eigenem Maßsystem (Stadtlexikon Augsburg). Eine halbe Maß entspricht somit rund 0,52 Litern.
Hart gekochte Eier. Die Kochzeit dient hier als Zeitmaß für die Dauer des Siedens.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ain halbe maſs waſſer | water Q283 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Körperregion; die Anwendung bleibt offen.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 17.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.