Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Nimm weiße Steinwurz, ein Glied lang, und gib sie in ein Gefäß, aus dem du trinkst. Gieße einen ziemlichen Trunk Wein daran und lass es ungefähr eine halbe Stunde beieinander stehen. Gieße zweimal Wein daran, und nicht mehr; danach treibe es gut aus. Man kann drei oder vier Tage davon trinken.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| weyſs ſtain wurtz ains glidslang | Weiße Steinwurz, ein Glied lang | - | Apotheke, Kräuterhandel | - |
| ain zimlichen trunck weins | Wein | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Kein Kochrezept, sondern eine Hausmittel-Zubereitung: eine Heilwurzel wird im eigenen Trinkgefäß mit Wein übergossen, zieht kurz und wird über mehrere Tage als Sud getrunken, um Nierengries auszutreiben. Die lebende Verwandtschaft ist der hausgemachte Kräuterwein bzw. die Wein-Tinktur, wie sie in der Naturheilkunde bis heute für Harnwegs- und Verdauungsbeschwerden angesetzt wird.
Wie oft wird nachgegossen? Der Text setzt die Wurzel einmal mit einem ordentlichen Schluck Wein an und gießt danach zweimal weiteren Wein nach, nicht öfter - insgesamt also höchstens drei Aufgüsse auf dieselbe Wurzel. Die Wurzel wird dabei nicht abgegossen, sondern bleibt im Gefäß.
Was bedeutet der Schlusssatz? 'Danach treibe es gut aus' lässt offen, ob sich das 'es' auf die Wurzel oder auf das Gries selbst bezieht - für die Praxis ändert das nichts, in beiden Lesarten endet die Zubereitung mit dem zweiten Nachguss.
Praxis. Ein fingerlanges Stück einer geeigneten Wurzel (im Kräuterhandel ersatzweise Steinbrech- oder Bibernellwurzel, da die genaue historische Art nicht sicher bestimmbar ist) in ein Trinkgefäß geben, mit einem ordentlichen Schluck Wein übergießen und knapp eine halbe Stunde ziehen lassen. Über die folgenden Tage bis zu zweimal mit frischem Wein nachgießen. Der Text nennt keine feste Tagesmenge - in kleinen Schlucken über den Tag verteilt trinken ist die naheliegende Praxis. Bei tatsächlichen Nierenbeschwerden ersetzt dieses historische Hausmittel keinen ärztlichen Rat.
Nein. Dies ist kein Kochrezept, sondern ein privates Hausmittel gegen Nierengries - dafür ist die Lagerküche nicht der richtige Rahmen.
'Gries' bezeichnet hier kleine Steinchen oder Ablagerungen, insbesondere Nierengries oder Harnsteine, die im Mittelalter mit pflanzlichen Mitteln behandelt wurden.
Die botanische Identität ist nicht eindeutig geklärt: Gemeint ist vermutlich eine mit dem Steinbrech (Saxifraga) verwandte Pflanze, im Frühneuhochdeutschen aber nur als 'Steinwurz' gegen Blasen- und Nierenstein überliefert - der Name verweist auf die Anwendung, nicht auf eine gesicherte Art. Das Rezept dokumentiert eine historische Textquelle aus dem 16. Jahrhundert; bei tatsächlichen Nierenbeschwerden ersetzt das keinen ärztlichen Rat.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Im Mittelalter bezeichnete 'Gries' kleine Steinchen oder Ablagerungen, insbesondere Nierengries oder Harnsteine.
Die botanische Identität bleibt unsicher: Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch führt 'Steinwurz' als Pflanze nicht bestimmbarer Art, vermutlich verwandt mit dem Steinbrech (Saxifraga); auch Tüpfelfarn (Polypodium vulgare) und Bibernelle (Pimpinella saxifraga) trugen im Frühneuhochdeutschen denselben, vom Verwendungszweck abgeleiteten Namen. 'Stein-' verweist also auf die Anwendung gegen Blasen- und Nierenstein, nicht auf eine gesicherte Art.
Eine Längenangabe, die sich auf die Länge eines Fingerglieds bezieht, also etwa 2-3 cm.
Eine ungenaue Mengenangabe, die einen 'angemessenen' oder 'ordentlichen' Schluck Wein meint.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ain zimlichen trunck weins | wine Q282 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
glidslang
Gewählte Lesart: Die Lesart 'ein Glied lang' bezieht sich auf die Länge eines Fingerglieds, also etwa 2-3 cm. Dies ist eine übliche mittelalterliche Längenangabe für kleine Objekte.
vngefaͤrlich
Gewählte Lesart: Die Lesart 'ungefähr' ist die direkte Übersetzung des frühneuhochdeutschen Wortes und bedeutet 'annähernd' oder 'circa'.
ertreibs woll
Gewählte Lesart: 'ertreib' (treiben/austreiben, vgl. 'ertreiben' = expellere, vertreiben) + Klitikon '-s' (=es): 'treibe es gut aus'. Der Referent von 'es' bleibt offen - grammatisch naheliegend ist das sächliche 'gries' aus dem Rezepttitel, denkbar ist aber auch die Wurzel.
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Stand dieser Fassung: 17.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.