Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Nimm zwei Maß Honig, gib ihn in eine Pfanne und läutere ihn wie sonst üblich. Lasse den Honig erkalten.
Nimm dreihundert Damastpflaumen und gib sie in ein Gefäß. Füge den geläuterten Honig hinzu. Rüttele es jeden Tag durcheinander, sodass die Flüssigkeit die Früchte gut bedeckt.
Setze es dann in einen Keller. Desgleichen verfahre auch mit Weichselkirschen. So ist es richtig.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| zwuo maſs hunig | zwei Maß Honig | 2 | - | - |
| drey hundert da⸗maſten | dreihundert Damastpflaumen | 300 Stück | Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt (saisonal) | andere feste Pflaumensorten |
| den weixlen | Weichselkirschen | - | Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt (saisonal) | andere Sauerkirschen |
Welches Gericht ist das? Kalt eingelegtes Steinobst in geklärtem Honig, das ohne Kochen der Früchte über Wochen im Keller reift. Das Prinzip entspricht heutigem Honig-Kompott bzw. dem Rumtopf-Verfahren: Früchte ziehen über längere Zeit in einem konservierenden Medium, hier geläutertem Honig statt Zucker oder Alkohol.
Die »prie«. Das im Buch mehrfach verwendete Wort prie (auch prüe, Brie, pruͤe geschrieben) bezeichnet durchgehend die Brühe beziehungsweise den Sud einer Speise - hier also den Honig-Fruchtsaft-Sud, der beim Einlegen entsteht. Die Anweisung, dass die prie wol darubert gang, verlangt, die Früchte gut mit diesem Sud zu bedecken; das tägliche Durchrütteln hält sie unter der Flüssigkeit und beugt Schimmelbildung an der Oberfläche vor.
Praxis. Honig läutern - erhitzen und den aufsteigenden Schaum abschöpfen - und vollständig abkühlen lassen, bevor die Früchte hineinkommen: heißer Honig würde sie garen und aufplatzen lassen. Die Früchte vor dem Einlegen waschen; die Steine können bei unbeschädigten Früchten drinbleiben, der Text erwähnt weder Waschen noch Entsteinen. Fest verschlossen an einem kühlen, dunklen Ort lagern und täglich durchschütteln, damit die Früchte stets vom Sud bedeckt bleiben. Für denselben Markttag ist das nichts - die Reifezeit zieht sich über Wochen. Wer es am Stand zeigen will, setzt es vorher an und bringt das fertig eingelegte Glas mit.
‚Maß‘ ist ein historisches Hohlmaß. Das Augsburger Schenkmaß - das Ausschankmaß des Alltags - fasste rund 1,05 Liter; es wurde 1538 normiert und galt bis 1810, deckt das Druckjahr 1554 also ab (Stadtlexikon Augsburg). Der verbreitete Wert von 1,069 Litern ist die spätere bayerische Norm nach 1806 und gilt für Augsburg 1554 nicht. Das gilt auch für zähflüssige Ware wie Honig, die nach Volumen abgemessen wurde.
Nein, nicht ideal. Obwohl die aktive Zubereitung einfach ist, handelt es sich um eine Konservierungsmethode, die eine längere Reifezeit und eine durchgehend kühle Kellerlagerung erfordert. Es ist kein Gericht für den sofortigen Verzehr im Lager.
‚Damasten‘ sind Damastpflaumen, eine alte, feste und oft säuerliche Pflaumensorte, die sich gut zum Einmachen eignet. ‚Weixlen‘ sind Weichselkirschen, also Sauerkirschen.
‚Prie‘ (auch ‚prüe‘, ‚Brie‘, ‚pruͤe‘ geschrieben) ist ein im Buch mehrfach verwendetes Wort für die Brühe beziehungsweise den Sud einer Speise. Hier bezeichnet es den Honig-Fruchtsaft-Sud, der beim Einlegen entsteht und die Früchte vollständig bedecken soll.
Ja, das ist ein reales Risiko. Über die Wochen der Reifezeit tritt Fruchtsaft aus den Früchten aus und verdünnt den Honig - dessen konservierende Wirkung beruht gerade auf seinem geringen Wasseranteil. Wird die Mischung zu warm gelagert, können die auf der Fruchthaut natürlich vorkommenden Wildhefen eine alkoholische Gärung auslösen. Deshalb verlangt der Text einen echten Keller und kein beliebiges Lager: Ein gemauerter oder in die Erde eingelassener Keller bleibt durch die umgebende Erdmasse ganzjährig kühl - unabhängig von der Jahreszeit, nicht nur im Herbst/Winter. Der textnahe Zwilling wo10-029 begegnet demselben Risiko anders: Dort werden die Damaszenerpflaumen vor dem Einlegen erst gedörrt und der Honig mit Wein gemischt - beides senkt den Wassergehalt beziehungsweise bringt zusätzlichen Alkohol als Konservierungsmittel ins Spiel. mst-120 verzichtet auf beides und verlässt sich allein auf Kühle und tägliches Durchschütteln. Wer unsicher ist, beobachtet den Ansatz auf Blasenbildung, Schaum oder einen alkoholischen Geruch.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Ein historisches Flüssigkeitsmaß. Für Augsburg ist es genauer bestimmbar als für die meisten Städte: Das dortige Schenkmaß - das Ausschankmaß des Alltags - fasste rund 1,05 Liter, wurde 1538 normiert und galt unverändert bis 1810, deckt das Druckjahr 1554 also direkt ab. Daneben lief ein Visiermaß (Handels- und Steuermaß, ca. 1,17 Liter) für Fässer im Großhandel, nicht für die Küche. Der oft zitierte Wert von 1,069 Litern ist die bayerische Norm nach 1806 und passt hier nicht - Augsburg war 1554 Freie Reichsstadt mit eigenem Maßsystem (Stadtlexikon Augsburg).
Das Läutern von Honig bedeutet, ihn vorsichtig zu erhitzen und den aufsteigenden Schaum und Verunreinigungen abzuschöpfen, um ihn klarer und haltbarer zu machen.
Ein Gefäß oder Behältnis, hier für die Einmachfrüchte.
Ein kühler, dunkler Lagerraum, ideal für die Konservierung von Lebensmitteln. Ein gemauerter oder in die Erde eingelassener Keller hält durch die umgebende Erdmasse eine weitgehend ganzjährig stabile, kühle Temperatur (grob 8-15°C) - unabhängig von der Jahreszeit an der Oberfläche. Das ist hier entscheidend: Der über Wochen austretende Fruchtsaft verdünnt den Honig, was seine konservierende Wirkung schwächt und bei zu warmer Lagerung eine Gärung begünstigen kann.
Damastpflaumen, benannt nach dem Handelsweg über Damaskus. Der Begriff findet sich buchübergreifend, unter anderem in Rezept 61 desselben Kochbuchs, für dieselbe Steinfrucht.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| zwuo maſs hunig | honey Q10987 |
| drey hundert da⸗maſten | damson Q106691054 |
| den weixlen | sour cherry Q68438267 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
prie
Gewählte Lesart: Brühe/Sud - hier der beim Einlegen entstehende Honig-Fruchtsaft-Sud. Buchintern gesichert: dasselbe Wort erscheint in mehreren anderen Rezepten desselben Kochbuchs (u.a. Rezept 45, Rezept 62: "waichs in die prie vom wildbret" = "weiche es in der Brühe vom Wildbret ein") dort bereits mit Wörterbuchstützung als Brühe geglosst.
Vorbereitung der Früchte (Waschen/Entsteinen)
Gewählte Lesart: Der Text erwähnt weder Waschen noch Entsteinen - die Früchte wurden vermutlich unbehandelt, wie vom Baum beziehungsweise Markt, mit Stein eingelegt.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 17.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.