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Kreuzbutter (geklärte Butter) herstellen

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit70 Min.PortionenMenge nach BedarfBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm einen frischen Butter und gib ihn in ein Glas. Setze ihn am ersten Tag des Frauendreißigers in die Sonne. Wenn er geschmolzen ist, schöpfe ihn in ein anderes Glas ab. Tue dies dreißig Tage lang, bis er klar und lauter wird.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain friſchen putter Frische Butter - Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Kreuzbutter ist geklärte Butter - verwandt mit dem, was heute Butterschmalz heißt. Vom indischen Ghee unterscheidet sie sich dadurch, dass die Milchfeststoffe hier nicht geröstet werden: Die Butter wird nur geschmolzen und das klare Fett abgeschöpft.

Sonne statt Herd. Ungewöhnlich an diesem Rezept ist nicht das Ziel, sondern der Weg dorthin: Statt am Feuer wird die Butter passiv in der Sommersonne geschmolzen, in vielen kleinen Zyklen über dreißig Tage statt in einem einzigen Kochvorgang. Der Prozess beginnt am ersten Tag des Frauendreißigers, also Mitte August.

Praxis. Frische Butter kommt in ein Glas an einen sehr sonnigen, warmen Platz - ein Fensterbrett in praller Sonne funktioniert auch außerhalb des historischen Zeitfensters. Sobald sie geschmolzen ist, wird das klare Fett in ein neues Glas abgeschöpft, das alte Glas mit den Rückständen bleibt zurück. Das wiederholt sich dreißig Tage lang, bis das Fett klar und lauter ist: Beim Schmelzen und Stehenlassen setzen sich Fett und wässrige Milchbestandteile nach Dichte ab, und jeder Abschöpfschritt holt den bereits klareren Anteil heraus. Warum genau dreißig Wiederholungen nötig sind, sagt der Text nicht - eine einzelne, längere Standzeit würde vermutlich einen Großteil der Trennung schon leisten. Zur Hygiene schweigt das Rezept ebenfalls; wer es nachkocht, sollte die Gläser täglich frisch nehmen und den Versuch bei Fehlgeruch abbrechen.

Was ist Kreitz putter?

Kreitz putter heißt Kreuzbutter. Sie entsteht, indem frische Butter wiederholt in der Sonne geschmolzen und in ein neues Glas abgeschöpft wird, bis sie klar und lauter ist - vergleichbar mit dem, was heute Butterschmalz genannt wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Der Prozess dauert dreißig Tage und lässt sich nicht in der kurzen Zeit eines Marktstands zeigen oder abschließen.

Was bedeutet ‚im dreiſſigſten‘ im Rezept?

Die Wendung bezeichnet den Frauendreißiger, den volkstümlichen Kräutersammelzeitraum zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und Mariä Geburt (8. September). Am ersten Tag dieser Zeit beginnt der Klärungsprozess, der dann dreißig Tage lang fortgesetzt wird.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Ain Kreitz putter zu machen. Item nimb ain friſchen putter thu in inn ain glaſs, vnd ſetz in den Erſten tag im dreiſſigſten an die ſonne, vnnd wann er zergangen iſt, ſo ſechne in ab, in ain ander glaſs, thu das alles dreiſſig tag, buͤs er klar vnnd lautter wuͤrt.
Kreitz putter

Kreuzbutter. „Kreitz“ steht in diesem Buch wiederholt für „Kreuz“/„kreuzweise“ - etwa beim kreuzweisen Durchstechen der eingemachten Nüsse oder beim Einschneiden der Zwiebeln für den böhmischen Fischtopf. Warum diese Butter den Namen trägt, bleibt offen.

im dreiſſigſten

Der Frauendreißiger - der volkstümliche Kräutersammelzeitraum zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und Mariä Geburt (8. September). Das Buch nennt dieselbe Zeit auch beim Sankt-Johannes-Öl als Erntezeitpunkt der Kräuter.

ſechne in ab

Wörtlich ‚ziehe ihn ab‘ oder ‚schöpfe ihn ab‘. Gemeint ist das vorsichtige Abgießen oder Abschöpfen des klaren Butterfetts von den abgesetzten Milchbestandteilen.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 039, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nein: Dieses Rezept beschreibt die Herstellung von geklärter Butter über einen Zeitraum von dreißig Tagen und ist somit nicht für die Zubereitung im Lager geeignet.
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Stand dieser Fassung: 18.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.