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Veilchenzucker, Konserve aus Märzveilchen

Walther Hermann Ryff, Der Erste Theyl der kleynen Teütschen Apoteck, Confect oder Latwergen büchlins (Straßburg: Samuel Emmel 1562), Auswahl aus Teil I–III und V samt Konfekt-Anhang, Bl. 4r–90r · Straßburg · 1562

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
BuchRyff: Confect oder Latwergen büchlin (~1562)

Von Veilchenzucker oder Konserve: Es gibt zweierlei Arten der lieblichen, wohlriechenden dunklen Märzveilchen, zahme und wilde. Die edelsten und zahmen tragen ganz schwarzbraune Blümlein, etliche ganz schneeweiße. Solche findet man bei uns sehr selten, im Churer Gebirge aber in großer Fülle, viel mehr als bei uns die blauen und schwarzbraunen. Diese zwei riechen beide gut, aber die weißen sind meines Erachtens etwas lieblicher im Geruch. Die dritten, die wilden Veilchen, tragen blaufarbene Blümlein ohne Geruch. Diese Veilchen, zahm und wild, haben alle dasselbe Kraut: runde Blätter, die sich am Boden ausbreiten.

Die Veilchen wachsen an kleinen, nackten Stielen wie Netzfäden, fingerlang, jedes Veilchen für sich auf einem Stiel. Jedes Blümlein hat gewöhnlich fünf Blättlein; das mittelste unter ihnen hat ein hohles Hütlein, innen mit einem gelben Tröpflein bemalt.

Die edelsten Blümlein, die im März als erste kommen und das neue Jahr mit sich bringen, nennt man in allen Landen auf Deutsch Violen, auf Latein Viola. Sie sind sehr verbreitet und werden von jedermann zu vielen Dingen gebraucht, denn man bereitet daraus etwas mit Essig, mit Öl und mit Zucker: Konserven, von denen wir hier sprechen, und Sirupe, wie später gemeldet wird.

Die Zubereitung: Die Konserve oder der Veilchenzucker wird genau auf dieselbe Weise und Art bereitet, wie es von den Rosen gesagt ist. Man nehme also Märzveilchen in der besten Blüte, solange sie noch gut riechen, zupfe sie von den Stielen und von den grünen Ansätzchen ab und hacke sie auf einem eigens dazu bereiteten Hackbrett klein, wie oft gemeldet ist. Auf ein Pfund Veilchen nehme man zwei Pfund Zucker und hänge es in einem Glas an die Sonne.

Die Wirkung nach Ryff: Diese Konserve oder dieser Veilchenzucker soll bei hitzigen Fiebern und bei allen hitzigen Gebrechen gebraucht werden, besonders bei jungen Kindern, die etwa mit der Fallsucht und hitzigen Fiebern beladen sind. Denn er lösche die Hitze der schnellen Fieber kräftig, halte den Bauch offen, kräftige das Herz, stille das Seitenstechen und sei, kurz gesagt, nütze und gut bei allen hitzigen Krankheiten.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ein pfundt der Violen ein Pfund Märzveilchen, in der besten Blüte, solange sie noch gut riechen 1 Garten, Wiese oder Waldrand, nur zur Blütezeit im Frühjahr -
zwey pfundt Zuckers zwei Pfund Zucker 2 - -

Was ist das? Eine Conserva: frische Blüten, klein gehackt und mit der doppelten Menge Zucker vermengt, im Glas an der Sonne gehalten. Ryff nennt sie gleichbedeutend Violzucker. Es ist kein Sirup (den kündigt er für später an) und kein gekochtes Zuckerwerk: Feuer kommt im Kapitel nicht vor.

Der Verweis auf die Rosen. Ryff sagt, der Veilchenzucker werde genau so bereitet wie der Rosenzucker im Kapitel davor. Dort steht, was hier fehlt: Die Blüten werden auf einem sauberen Hackbrett mit einem eigens dazu bereiteten Messer gehackt, bis sie ganz zu Mus werden, und der Zucker ist „rein geſtoßen“ und wird darunter gemischt. Im Veilchenkapitel selbst steht nur „klein zerhackt“; wer Ryffs Weg folgen will, hackt die Blüten wie beim Rosenzucker bis zum Mus.

Die grünen Ansätzchen. Abgezupft wird von den Stielen und von den „grünen bützlin“, dem grünen Kelch am Grund der Blüte. Beim Rosenzucker schneidet Ryff entsprechend das weiße Ansätzchen unten am Blütenblatt weg. In den Zucker kommen also nur die farbigen Blütenblätter.

Die Sonne. Das Glas wird „an die Sonnen gehenckt“. Wie lange, sagt Ryff weder hier noch beim Rosenzucker.

Praxis. Nur duftende Märzveilchen nehmen; die geruchlosen wilden Veilchen schließt Ryff selbst aus. Das Verhältnis bleibt ein Teil Blüten zu zwei Teilen Zucker nach Gewicht, auch bei kleinen Mengen. Heute nimmt man dafür ein sauberes, verschließbares Glas und stellt es an ein sonniges Fenster, bis Blüten und Zucker zu einer gleichmäßigen Masse zusammengezogen sind (heutige Lösung, Ryff nennt nur das Glas und die Sonne). Frisch gehackte Blüten bringen Feuchtigkeit mit; das Verhältnis deshalb nicht zugunsten der Blüten verschieben. Zeigt sich Schimmel, ist die Konserve verdorben.

Wo bekomme ich Märzveilchen für die Konserve?

Nur im Frühjahr, frisch gepflückt in Garten, Wiese oder am Waldrand. Ryff verlangt die duftenden Märzveilchen in der besten Blüte; die wilden Veilchen beschreibt er ausdrücklich als geruchlos. Pflücke heute nur an Stellen, die nicht gespritzt werden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja. Die Konserve braucht kein Feuer: Blüten abzupfen, klein hacken, mit dem Zucker ins Glas und an die Sonne. Engpass ist die kurze Blütezeit der Märzveilchen im Frühjahr.

Wie viel Zucker kommt auf wie viel Veilchen?

Ryff nennt auf ein Pfund Veilchen zwei Pfund Zucker, also ein Verhältnis von 1 : 2 nach Gewicht. Wer weniger machen will, behält dieses Verhältnis bei.

Wie lange bleibt das Glas in der Sonne?

Das sagt Ryff nicht, weder hier noch beim Rosenzucker, auf den er verweist. Er nennt nur das Glas und die Sonne.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Ryff: Confect oder Latwergen büchlin (1562, Straßburg). Aus Ryffs Apothekenbuch die Stücke für Küche und Keller: Latwergen aus Quitten, Kirschen, Pflaumen, Johannisbeeren, Berberitzen, Maulbeeren, Holunder und Hagebutten, eingemachter Ingwer, grüne Walnüsse, Quitten, Weichseln, Birnen, Pfirsiche und Pomeranzen, süßsauer eingemachte rote Rüben und Mangold, Obst gedörrt und frisch über den Winter gebracht, Rosen-, Veilchen- und Rosmarinzucker, Ypocras, Claret und Lautertrank, Kräuter- und Beerenweine, zwei Marzipane und der Met nach dem Brauch in Riga, Reval und Polen.

Von Viol zucker oder Conſerue. ZWeyerley geſchlecht ſeind der lieblichen wolriechenden ſchwartzen Mertzen violen, zam vnnd wild, die edleſten vnd zamen tragen gantz ſchwartzbꝛaune blůmlin, etliche gantz ſchneeweiß, deren findet man gar ſelten bey vns, aber in dem Churer gebürg gantz vberflüſſig, vil mehꝛ dann bey vns der blauwen vnnd ſchwartzbrannen. Diſe zwo riechen beyde wol, aber die weiſſen ſeind meines bedunckens, etwas lieblicher am geruch. Die dꝛitten wilden Violen tragen blawfarbe blůmlin, ohn geruch. Diſe Violen zam vnd wild, haben alle einerley kraut, runde bletter, die fladꝛen auff den grund. Die Violen wachſen an kleinen nackenden ſtilen wie nätzfäden, fingers lang, ein jede Viol ſonderlich auff einem ſtil, ein jedes blůmlin hat gewonlich fünff bletlin, das mittelſt vnder diſen hat ein holes hůtlin, jnnwendig mit einem gälen tröpfflin gemalet. Die edleſte blůmlin ſo in dem Mertzen erſtmals kommen, vnd das neüw jar mit ſich bꝛingen, nennet man in allen landen zůteütſch Violen, zů latein Viola, ſeind faſt gemein, vñ werden zů vilen dingen gebꝛaucht von jederman, dann darauß bereyt man mit Eſſig, öl, Zucker, Conſernen, von welchen wir hie ſagen, vnd Syropen, als hernaher gemeldet würt. Die Conſerua oder Viol zucker würt eben auff die weiß vnd art bereit, wie von den Roſen geſagt iſt, alſo, das man nem̃ Mertzen violen in der beſten blůet, ſo ſie noch wol riechen, vñ die ſelbigen von den ſtilen abpflict von den grünen bützlin, auff eim hackbꝛet darzů bereit, wie offtmals gemeldet iſt, klein zerhackt, vnnd auff ein pfundt der Violen zwey pfundt Zuckers genommen werde, in einem glaß an die Sonnen gehenckt. Diſe Conſerua oder Violzucker ſoll zů den hitzigen Febern gebꝛaucht werden, vnd zů allen hitzigen gepꝛe- ſten, ſonderlich den jungen Kindern, ſo etwann mit der fallenden ſucht vnd hitzigen Febern beladen weren, dañ er löſchet die hitz der ſchnellen Febern krefftiglich, behelt den bauch offen, krefftigt das hertz, ſtillet das ſeyten ſtechen, vnnd iſt in Summa nutz vnd gůt zů allen hitzigen kranckheyten.
Conſerua

Bei Ryff eine Zubereitung aus frischen Blüten, die mit Zucker zu Mus gehackt oder gestoßen und im Glas aufbewahrt wird. „Viol zucker“ ist sein zweiter Name für dieselbe Sache.

Churer gebürg

Das Gebirge um Chur im heutigen Graubünden.

hitzigen Febern

Nach der Lehre der Zeit Krankheiten mit übermäßiger Hitze im Körper, gegen die man kühlende Mittel wie Veilchen gab.

fallenden ſucht

Fallsucht, alter Name für die Epilepsie.

Druck
Walther Hermann Ryff, Der Erste Theyl der kleynen Teütschen Apoteck, Confect oder Latwergen büchlins (Straßburg: Samuel Emmel 1562), Auswahl aus Teil I–III und V samt Konfekt-Anhang, Bl. 4r–90r
Teil
Teil III: Blütenzucker
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Straßburg 1562, alemannisch geprägter Druck)
Entstehung
Straßburg, 1562

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

zwey pfundt Zuckersunrefined cane sugar Q57656231

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartbützlin

Gewählte Lesart: „von den grünen bützlin“ = vom grünen Kelch oder Blütenansatz am Ende des Stiels. Butzen bezeichnet im Elsässischen das Kerngehäuse und den Blütenrest am Obst (Wörterbuch der elsässischen Mundarten); Ryff selbst lässt bei den Rosen das „weiß bützlin vnden am bletlin“ abschneiden, also den Ansatz am Grund des Blütenblatts.

Andere mögliche Lesart:

  • Knospen oder kleine Blätter am Stiel - Wird gelegentlich als Nebenbedeutung von Butzen erwogen (DWB2: Zusammenhang mit 'Knospe' unsicher), passt aber nicht zu Ryffs Gebrauch im Rosenkapitel.

Lesartnätzfäden

Gewählte Lesart: Netzfäden, Fäden zum Netzknüpfen: das Grimmsche Wörterbuch führt den Satz „die violen wachsen an kleinen nacketen stielen, die seind wie nätzfäden“ aus Bocks Kräuterbuch unter „netzfaden“.

Andere mögliche Lesart:

  • Nähfäden - Klingt naheliegend, ist aber durch kein Wörterbuch für diese Form belegt; der Vergleich mit dünnem Faden bleibt in beiden Fällen gleich.

Originalwerk (~1562) gemeinfrei.

Bildquelle
Scan 088, Getty Research Institute via archive.org (gri_33125014522268) Quelle öffnen
Transkription
Eigene Transkription am Digitalisat (archive.org, Getty Research Institute) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/ryf-034
LagerkücheLagerküche
Ohne Feuer: Blüten abzupfen, klein hacken, mit dem doppelten Gewicht Zucker ins Glas, dann an die Sonne. Das lässt sich gut vorführen. Engpass ist die Blütezeit: frische, duftende Märzveilchen gibt es nur im Frühjahr.
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Stand dieser Fassung: 07.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.