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Latwerge aus Weinbeeren

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeit180 Min.Portionen1 Glas ~500 mlBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Breche die Weinbeeren von den Kämmen ab. Gib sie in einen Topf oder Kessel und stelle ein mäßiges Feuer oder Glütlein darunter, ohne etwas hinzuzufügen.

Wenn es gekocht hat, lass es kalt werden. Drücke es durch ein Tuch. Stelle es, sobald es durchgetrieben ist, auf einen Dreifuß und lass es erneut sieden, bis es dick wird.

Wenn du es gut haben willst, gib Zucker und Gewürze hinzu. Du kannst es in einem Krüglein aufbewahren oder es ausgießen, um daraus eine Latwerge zu machen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Weinber Weinbeeren - Supermarkt, Wochenmarkt -
Zucker Zucker - - -
gewirtz Gewürze - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Zimt, Ingwer, Nelken, Muskatblüte

Welches Gericht ist das? Eine eingekochte, durch ein Tuch passierte und mit Zucker und Gewürzen versetzte Traubenmasse aus frischen Weinbeeren, die entweder im Krüglein aufbewahrt oder ausgegossen und zu einer schnittfesten Latwerge getrocknet wird. Lebendig verwandt mit eingedicktem Traubenmost oder Traubenkraut, vergleichbar dem italienischen Vincotto/Saba oder der Fruchtkäse-Tradition wie Quittenkäse - eine gegossene, feste Fruchtpaste aus zweifach reduziertem Fruchtmus, keine Marmelade im heutigen Sinn.

Frische Trauben, nicht Rosinen. Der Text betont ausdrücklich, dass beim Kochen „nichts daran gegossen“ wird und die Masse trotzdem siedet - ein Beleg dafür, dass hier saftige, frische Weinbeeren gemeint sind und keine bereits getrockneten Rosinen. Dieselbe Beweisstelle trägt dieselbe Lesart in den engsten Zwillingsrezepten mon-035 und ri15632-043.

Zwei getrennte Siedephasen. Die Weinbeeren ziehen zunächst ohne Wasserzusatz bei mäßigem Feuer an - sie geben selbst genug Saft ab. Nach vollständigem Abkühlen wird die Masse durch ein Tuch gedrückt, was Schalen und Kerne zurückhält, und erst danach ohne diese Feststoffe ein zweites Mal auf dem Dreifuß eingekocht, bis sie dick wird. Diese Trennung verhindert, dass die Feststoffe beim zweiten, stärkeren Einkochen anbrennen.

Abkühlgrad vor dem Passieren. Der Text sagt nur „lass kalt werden“, ohne einen Grad zu nennen. In der Praxis reicht es, die Masse handwarm abkühlen zu lassen und dann zügig durchs Tuch zu drücken; wörtlich gelesen könnte der Drucktext auch vollständiges Auskühlen auf Raumtemperatur meinen (siehe Anmerkung).

Ausgießen ohne genanntes Gefäß. Der letzte Schritt lautet nur, die Masse „auszugießen zu einer Latwerge“, ohne ein Trägerobjekt zu nennen. Der Zwilling mon-035 (Mondseer Kochbuch), eine fast wortgleiche Parallelüberlieferung, nennt an derselben Stelle ausdrücklich ein Brett - ein Brett oder eine flache Schale ist damit eine plausible, korpusgestützte Wahl, auch wenn std-234 selbst kein Gefäß benennt.

Praxis. Rechne mit deutlich mehr als anderthalb Stunden: das vollständige Auskühlen vor dem Passieren, das zweite Einkochen bis zur gewünschten Dicke und das Fest-/Abkühlenwerden vor dem Portionieren nehmen zusammen eher mehrere Stunden in Anspruch. Für die Aufbewahrung empfiehlt es sich, die heiße Latwerge in ein sauberes, ausgekochtes Glas zu füllen und gut zu verschließen; der Drucktext selbst nennt dazu nichts und ging von einfachem Einfüllen ohne weitere Behandlung aus.

Was ist eine Latwerge?

Eine Latwerge ist eine süße, dickflüssige Fruchtpaste, die im Mittelalter sowohl als Süßspeise als auch als Heilmittel (Elektuarium) diente. Sie wurde durch langes Kochen von Früchten mit Zucker oder Honig hergestellt und oft mit Gewürzen verfeinert, um sie haltbar zu machen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja: Das ganze Rezept braucht nur Topf oder Kessel, Feuer und einen Dreifuß - kein Ofen, keine Kühlung. Die fertige Latwerge ist durch das Einkochen mit Zucker gut haltbar, ein klassischer Vorbereiten-und-mitbringen-Fall fürs Lager. Plane allerdings mehr Zeit ein als bei einem schnellen Rezept: Zwischen den beiden Siedephasen muss die Masse vollständig auskühlen, bevor sie durchs Tuch gedrückt wird, und auch danach braucht die fertige Latwerge Zeit zum Fest- und Kaltwerden.

Welche Gewürze soll ich verwenden?

Das Rezept nennt keine spezifischen Gewürze. Typisch für süße Zubereitungen dieser Zeit wären wärmende Gewürze wie Zimt, Ingwer, Nelken oder Muskatblüte. Wähle eine Mischung nach deinem Geschmack.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Latwergen von Weinberen ccvpviiij. & So brich die Weinber ab von den kempte thuͤͦs inn ain hafen oder keſſel / vnd ein zimlichs fewr oder gluͤtlin darunder / nichts daran goſſen / ſo es geſotten hat, laß kalt werden / trucks durch ain tuͦch / ſetz / ſo es durch tri⸗ ben iſt / auff ain driſuß / laß aber ſieden / das dick wirt / wilt dus guͦt haben / thuͦ Zucker vnd gewirtz darein / magſte in aim krieglin behalten / oder geüß auff zuͦ Latwergen.
Latwergen

Eine Latwerge ist eine süße, dickflüssige Fruchtpaste, die durch Kochen von Früchten mit Zucker und Gewürzen hergestellt wurde. Die Gattung diente teils auch als Heilmittel (Elektuarium) - dieses konkrete Rezept nennt aber keine Heilanwendung, sondern beschreibt eine reine Süßspeise.

kempte

Die Kämme (bairisch auch „Rappen“) sind das holzige Stielgerüst der Traube, von dem die Beeren abgebrochen werden - kein loser Einzelstiel. Belegt im Glossar (Ehlert 1999, Lemma „kamm“) und durch die Parallelstelle „chempten“ im Zwillingsrezept mon-035 (Mondseer Kochbuch), das denselben Vorgang beschreibt.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das siebte Buch: Vorratshaltung
Folio
Fol. 042v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Weinbergrape Q10978
Zuckerunrefined cane sugar Q57656231
gewirtzspice Q42527

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartlaß kalt werden (Abkühlgrad vor dem Passieren)

Gewählte Lesart: Modern empfohlen: die Masse nur bis handwarm/sicher anfassbar abkühlen lassen, dann zügig durchs Tuch drücken - praktikabler und ebenso sicher.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich vollständiges Auskühlen auf Raumtemperatur, wie es der Drucktext mit „lass kalt werden“ nahelegt. - Der Text nennt keinen Grad; „kalt“ deutet historisch eher auf vollständiges Auskühlen als auf handwarm hin.

LesartAufbewahrung im Krüglein

Gewählte Lesart: Modern empfohlen: die fertige Latwerge heiß in ein sauberes, ausgekochtes Glas füllen und gut verschließen.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text nennt keine Sterilisation oder besonderen Verschluss - im 16. Jahrhundert wurde die Latwerge vermutlich einfach eingefüllt und ohne weitere Behandlung gelagert. - Historische Normalpraxis vor modernen Konservierungsverfahren; Zuckergehalt und Einkochen wirkten selbst schon konservierend.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 042v (gedruckte Blattzählung XLII verso), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (german_print.mlmodel, 112 Scans) - das BSB-Bibliotheks-OCR war zu fehlerhaft. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Volles Feuerrezept ohne Ofen oder Kühlung: Topf/Kessel, Feuer, ein Tuch zum Passieren und ein Dreifuß sind reine Marktstand-Ausrüstung. Das fertige Produkt ist durch die Zuckerkochung gut haltbar - ein klassischer Vorbereiten-und-mitbringen-Fall. Einzige Einschränkung ist der Zeitaufwand: zwei getrennte Siedephasen mit vollständigem Auskühlen dazwischen brauchen deutlich mehr Zeit als ein einfaches Rezept.
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Stand dieser Fassung: 10.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.