Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Eine frisch gebackene Semmel in guten Essig legen. Danach wieder herausnehmen und trocknen lassen, dann zu Pulver machen und den Essig damit ansetzen. Mit demselben Stoff ein kleines Teiglein und gutem Essig anrühren, in einen gut ausgepichten Krug geben und häufig etwas warmen Wein zugießen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain new bachne ſemel | Frisch gebackene Semmel | - | - | - |
| ain guͦtten eſſig | Guter Essig | - | - | - |
| zuͦ puluer gemacht | Semmelpulver | - | - | - |
| ain taigle | Kleines Teiglein | - | - | - |
| warmen wein | Warmer Wein | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Keine Speise, sondern eine Anleitung zum Essig-Ansetzen: getrocknetes, zu Pulver zerstoßenes Weißbrot dient zweifach als Starterkultur - einmal direkt dem Essig zugesetzt, einmal zu einem kleinen Teiglein mit Essig verknetet, das im abgedichteten Krug mit wiederholten Gaben warmen Weins weiter angesetzt wird. Das folgt demselben Grundprinzip wie die bis heute praktizierte Essigherstellung mit einer Starterkultur (der „Essigmutter“) - hier aus gepulvertem Weißbrot statt einem fertigen Essigmutter-Klumpen.
Im eigenen Korpus finden sich zwei Rezepte mit demselben Kern-Verfahren: so1-125 aus der Solothurner Küchenmeisterei knetet Essigmutter mit Mehl und Essig zu einem Teig, der getränkt und später in Wein gerührt rasch neuen Essig liefert; mha-161 trocknet die Essigmutter selbst zu Pulver und übergießt es bei Bedarf mit Wein. std-290 steht damit in einer eigenen kleinen Verfahrensfamilie: ein getrockneter, essigsäurehaltiger Ansatzstoff, der durch Wein reaktiviert wird.
Praxis. Die essiggetränkte Semmel vollständig durchtrocknen lassen, am besten über mehrere Tage - der Text nennt keine Zeitangabe, aber vollständige Trocknung beugt Schimmel vor. Der warme Wein wird am besten in kleinen, regelmäßigen Nachgüssen zugegeben, um den Ansatz aktiv zu halten, ohne die Säure zu stark zu verdünnen; im Text selbst bleibt „offt ain wenig“ bewusst offen. Für das Verhältnis von Pulver beziehungsweise Teiglein zu Essig gilt: wenig Ansatzstoff auf vergleichsweise viel Essig, um Kontamination und übermäßige Süße durch das Brot zu vermeiden - auch dazu macht der Text keine Mengenangabe.
Die Semmel wird als trockener Ansatzstoff verwendet. Nach dem Trocknen wird sie zu Pulver gemacht und mit Essig weiterverarbeitet.
Ein gut ausgepichter Krug ist innen mit einer dichten Pechschicht versehen. Sie verschließt die poröse Keramik und schützt den Essigansatz vor dem Eindringen in die Wandung.
Nein. Es ist eine Essigherstellung mit Ansatz, wiederholter Zugabe von warmem Wein und weiterer Reife, also Kellerarbeit statt eines sofort servierbaren Gerichts.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Die frisch gebackene Semmel wird zunächst in Essig gelegt, anschließend getrocknet und zerstoßen.
Gemeint ist das aus der getrockneten Semmel gewonnene Pulver, das hier als Ansatzstoff für neuen Essig dient - keine Gewürzmischung und keine Würzfunktion.
Der Krug soll gut ausgepicht sein: innen mit einer Pechschicht abgedichtet, damit die poröse Keramik den Essigansatz nicht durchlässt.
Bezeichnet denselben Stoff wie das zuvor genannte Pulver aus der Semmel - der Text verweist mit „ſelbigen“ ausdrücklich darauf zurück.
Kleines Teiglein: aus demselben Pulver mit Essig angerührt, bevor es zusammen mit weiterem Essig in den Krug kommt.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ain guͦtten eſſig | vinegar Q41354 |
| warmen wein | wine Q282 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Trocknungsdauer der essiggetränkten Semmel
Gewählte Lesart: Vollständig durchgetrocknet über mehrere Tage, um Schimmelbildung zu vermeiden.
Andere mögliche Lesart:
Häufigkeit und Menge des warmen Weins beim Nachgießen
Gewählte Lesart: Kleine, regelmäßige Nachgüsse in mehrtägigem Abstand, um den Ansatz aktiv zu halten, ohne die Säure zu stark zu verdünnen.
Andere mögliche Lesart:
Mengenverhältnis von Semmelpulver beziehungsweise Teiglein zu Essig
Gewählte Lesart: Kleine Pulver- oder Teigmenge auf vergleichsweise viel Essig, um Kontamination und übermäßige Süße durch das Brot zu vermeiden.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 12.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.