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Petersilie schneller als Hühner sieden

Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz –, Handschriftenabteilung; Ms. germ. qu. 1187 · Bairischer Sprachraum, Entstehungsort unbekannt (Datierung 1438/39-Mitte 15. Jh. über Hartliebs "Namenmantik", nach Honold); später im Besitz der Grafen Starhemberg von Riedegg (Oberösterreich) · 1450

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeitca. 15 Min. KüchenzeitBuchBerlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz –, Handschriftenabteilung; Ms. germ. qu. 1187 (~1450)

Über allerlei Dinge und über Saucen etwas Gutes.

Willst du, dass dir Petersilie wächst, ehe die Hühner gar sind, so nimm Petersilie, die nicht zu weit gewachsen sei. Der Samen muss halb diesjährig und halb vorjährig sein. Diesen Samen sollst du in einen roten Wein legen und ihn zwölf Tage darin stehen lassen.

Dann sollst du die Erde nehmen, aus der [Petersilie] gewachsen ist. Nimm Weinreben und verbrenne sie gründlich zu Asche. Nimm auch Bohnenstroh und verbrenne es gründlich zu Asche. Von dem Bohnenstroh und den Reben nimm gleich viel Asche, und zweimal so viel Erde dazu, wo die Petersilie darauf gewachsen sei.

Mische das alles durcheinander mit Regenwasser, das nicht gar zu kalt sei. Nimm einen Topfdeckel und lege die Erde darauf. Gib den Samen hinein, sodass es nicht zu viel sei. Streue die Erde darauf, dass der Samen bedeckt sei. Lass es so eine Weile stehen und lass die Hühner sieden - so wächst die Petersilie, ehe die Hühner gar sind.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
pettersill Petersilie (Pflanze, für Samen) - - -
sam Petersiliensamen - Gartencenter, Online-Saatguthandel -
rotten wein Rotwein - - -
erden Erde (aus der Petersilie gewachsen ist) - Gartenerde -
wein Reben Weinreben - Winzer, Gartenabfälle -
pon stra Bohnenstroh - Landwirtschaftlicher Betrieb, Tierhandel (als Einstreu) anderes Pflanzenstroh
Regen wasser Regenwasser - - -
die huener Hühner (als Zeitmesser) - - -

Welches Gericht ist das? Kein Gericht, sondern ein Garten-Trick zur beschleunigten Petersilienanzucht - die Kochzeit der Hühner dient nur als volkstümliches Zeitmaß. Am ehesten vergleichbar mit heutigen Aussaat-Tipps oder Bauernregeln: praktisches Haushaltswissen, kein Speiseeintrag. Textidentisch ist w1-251 (derselbe Zweig der Überlieferung); freiere Fassungen desselben Tricks finden sich in mha-050, mon-242 und rfk-076 - der Petersilie-Schnellwachstum-Topos war offenbar in mehreren Kochbüchern dieser Zeit verbreitet.

Der Samen soll je zur Hälfte aus der diesjährigen und der vorjährigen Ernte stammen (siehe Annotation zu "vierdig") - ein Mischverhältnis aus frischem und älterem Saatgut.

Praxis. Die beschriebenen Schritte sind gärtnerisch nachvollziehbar: Samen vor der Aussaat mehrere Tage in Flüssigkeit einzuweichen, weicht die harte Petersilien-Samenschale auf und kann die Keimung begünstigen. Pflanzenasche aus Rebholz und Bohnenstroh, unter die Anzuchterde gemischt, ist ein realer, bis heute gebräuchlicher Dünger. Aussaat auf einem flachen Gefäß mit angefeuchteter, leicht bedeckter Erde entspricht auch heute üblicher Anzuchttechnik. Nicht real ist die zentrale Zeitbehauptung: Petersilie keimt in drei bis sechs Wochen, nicht binnen der Garzeit eines Huhns - das ist folkloristische Übertreibung, kein tatsächlicher Effekt der beschriebenen Schritte.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Dies ist kein Kochrezept, sondern eine Anleitung zur Beschleunigung des Petersilienwachstums. Es ist eher ein historischer Garten-Hack oder ein Kuriosum aus einem Haushaltsbuch.

Was bedeutet ‚vierdig‘ im Rezept?

‚Vierdig‘ heißt ‚vorjährig‘ - im Wortpaar mit ‚hewrige‘ (diesjährig) meint es den Jahrgang des Samens, nicht eine Zahl. Der Samen soll je zur Hälfte aus der aktuellen und der letztjährigen Ernte stammen.

Wozu dient die Asche von Weinreben und Bohnenstroh?

Pflanzenasche unter die Anzuchterde zu mischen, ist eine reale, bis heute gebräuchliche Gartentechnik. Der Text selbst nennt keinen Wirkgrund; die moderne Erklärung über den Mineralstoffgehalt der Asche ist eine heutige Ergänzung, kein Beleg aus der Quelle.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz –, Handschriftenabteilung; Ms. germ. qu. 1187 (Mitte 15. Jh.). CoReMA-Handschrift B4 (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. germ. qu. 1187): bairisches Kochbuch der Mitte des 15. Jahrhunderts, 112 Blatt Papier. Enthält u.a. ein Paar-Rezept für "grünen Met" und ein Grundrezept "Wie du mett solt machen" (Honig-Wasser-Ansatz mit Hopfen und Hefe-Nachgärung) - textlich eng verwandt mit W1 (Wien, Cod. 2897), das dieselben zwei Met-Rezepte fast wortgleich überliefert.

Von manigerlay dingen vnd von Salsen ettwas guts WIldu das dir petersil wachs ee das die huener sieden So nym pettersill der nicht Verr gewachsen sey vnd der sam mues halber hewrige sein vnd halber vierdig den soltu legen In einen rotten wein da lass In zwelff tag Innen sten So solt du nemen der erden daer aus ge= wachsen sey vnd nym wein Reben vnd prenn die schon vnd mach aschen daraus vnd Nym ein pon stra vnd prenn das schonzu aschen von dem pon stra vnd von den reben geleich vnd zwir alsuil erden darczu da der pettersil auff gewachsen sey vnd meng das durch einander mit Regen wasser nicht gar zu kalt nym ein haffendekch vnd leg die erden darauff vnd tue den sam darIn das es nicht zuuil sey Vnd strew die erden darauff das der sam pe= dekcht sey Vnd lazz es also ein weil sten vnd lass die huner sieden So wechst der pettersill ee die huner gesieden
manigerlay dingen vnd von Salsen ettwas guts

Dies ist eine Kapitelüberschrift, die den folgenden Text einleitet und nicht direkt Teil der Rezeptanweisung ist.

huener sieden

Das Sieden der Hühner dient hier als humorvoller Zeitmesser für die Geschwindigkeit, mit der die Petersilie wachsen soll.

Verr gewachsen

Vermutlich im Sinne von ‚nicht zu alt‘ oder ‚nicht überwachsen‘, um die besten Samen zu gewährleisten.

hewrige

Diesjährig, also aus der aktuellen Ernte.

vierdig

Vorjährig, im Gegensatz zu ‚hewrige‘ (diesjährig) - der Samen soll je zur Hälfte aus der aktuellen und aus der letztjährigen Ernte stammen.

pon stra

Bohnenstroh, also die getrockneten Stängel und Blätter von Bohnenpflanzen nach der Ernte.

geleich

Gleich viel, also gleiche Mengenanteile.

alsuil

Als viel, hier im Sinne von ‚zweimal so viel‘.

haffendekch

Ein Topfdeckel, der hier als flache Schale oder Anzuchtgefäß verwendet wird.

pedekcht

Bedeckt, der Samen soll vollständig mit Erde bedeckt sein.

Handschrift
Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz –, Handschriftenabteilung; Ms. germ. qu. 1187
Folio
Fol. 110r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch)
Entstehung
Bairischer Sprachraum, Entstehungsort unbekannt (Datierung 1438/39-Mitte 15. Jh. über Hartliebs "Namenmantik", nach Honold); später im Besitz der Grafen Starhemberg von Riedegg (Oberösterreich), 1450
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

pettersillparsley Q25284
samparsley seed Q96756023
rotten weinred wine Q1827
erdensoil Q36133
wein Rebengrapevine Q30046
pon strabean straw Q21043751
Regen wasserrain water Q21555202
die huenerchicken Q864693

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarthalber vierdig

Gewählte Lesart: ‚Halb vorjährig‘ - der Samen soll zur Hälfte aus der diesjährigen (hewrige) und zur Hälfte aus der vorjährigen Ernte (vierdig) stammen. Belegt im DWB als direktes Kontrastwort zu ‚heurig‘ (diesjährig), etwa ‚ain vas vierdigs Frannckenweyns vnd ain vas Frannckenweyns‘ (ein Fass vorjährigen und ein Fass diesjährigen Frankenweins) - genau das Wortpaar heurig/vierdig wie hier im Rezept.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Halb vierzig [Stück]‘ - eine Mengenangabe für die Samen. - Eine Idiotikon-Stelle belegt ‚vierdig‘ auch im Sinn einer Portion (‚ein vierdig opfelstuckli‘); die Jahrgangs-Lesart ist aber die im DWB direkt zu ‚heurig‘ kontrastierte Bedeutung und passt exakt zum Wortpaar heurig/vierdig hier im Text. Kein direkter Samen-spezifischer Beleg, daher als offene Alternative dokumentiert.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 110r, Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz -, Handschriftenabteilung; Ms. germ. qu. 1187; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), B4 (Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz -, Handschriftenabteilung; Ms. germ. qu. 1187), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/b4-249
LagerkücheLagerküche
Dies ist kein Kochrezept, sondern eine Anleitung zur Beschleunigung des Pflanzenwachstums. Es ist für die Lagerküche ungeeignet, da es sich um einen Garten-Hack handelt, nicht um eine Speisenzubereitung.
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Stand dieser Fassung: 24.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.