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Petersilie schneller als Hühner sieden

Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 · Wien, vermutlich Augustiner-Chorherrenstift St. Dorothea (Besitzvermerke 15. Jh. auf Bl. 1r, 15r, 28v, 54v, 91v) · 1450

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeit15 Min.BuchWien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 (~1450)

Willst du, dass dir Petersilie wächst, ehe die Hühner gar sind, so nimm Petersilie, die nicht zu weit gewachsen sei. Der Samen muss halb diesjährig und halb vorjährig sein. Diesen Samen sollst du in einen roten Wein legen und ihn zwölf Tage darin stehen lassen.

Dann sollst du die Erde nehmen, aus der [Petersilie] gewachsen ist. Nimm Weinreben und verbrenne sie gründlich zu Asche. Nimm auch Bohnenstroh und verbrenne es gründlich zu Asche. Von dem Bohnenstroh und den Reben nimm gleich viel Asche, und zweimal so viel Erde dazu, wo die Petersilie darauf gewachsen sei.

Mische das alles durcheinander mit Regenwasser, das nicht gar zu kalt sei. Nimm einen Topfdeckel und lege die Erde darauf. Gib den Samen hinein, sodass es nicht zu viel sei. Streue die Erde darauf, dass der Samen bedeckt sei. Lass es so eine Weile stehen und lass die Hühner sieden - so wächst die Petersilie, ehe die Hühner gar sind.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
petersil Petersilie (Pflanze, für Samen) - - -
sam Petersiliensamen - Gartencenter, Online-Saatguthandel -
roten wein Rotwein - - -
erden Erde (aus der Petersilie gewachsen ist) - Gartenerde -
weinrebem Weinreben - Winzer, Gartenabfälle -
pon stro Bohnenstroh - Landwirtschaftlicher Betrieb, Tierhandel (als Einstreu) anderes Pflanzenstroh
regenwasser Regenwasser - - -
dy huner Hühner (als Zeitmesser) - - -

Welches Gericht ist das? Kein Gericht, sondern ein Garten-Trick zur beschleunigten Petersilienanzucht - die Kochzeit der Hühner dient nur als volkstümliches Zeitmaß. Am ehesten vergleichbar mit heutigen Aussaat-Tipps oder Bauernregeln: praktisches Haushaltswissen, kein Speiseeintrag. Textidentisch ist b4-249 (derselbe Zweig der Überlieferung); freiere Fassungen desselben Tricks finden sich in mha-050, mon-242 und rfk-076 - der Petersilie-Schnellwachstum-Topos war offenbar in mehreren Kochbüchern dieser Zeit verbreitet.

Der Samen soll je zur Hälfte aus der diesjährigen und der vorjährigen Ernte stammen (siehe Annotation zu "virdig") - ein Mischverhältnis aus frischem und älterem Saatgut.

Praxis. Die beschriebenen Schritte sind gärtnerisch nachvollziehbar: Samen vor der Aussaat mehrere Tage in Flüssigkeit einzuweichen, weicht die harte Petersilien-Samenschale auf und kann die Keimung begünstigen. Pflanzenasche aus Rebholz und Bohnenstroh, unter die Anzuchterde gemischt, ist ein realer, bis heute gebräuchlicher Dünger. Aussaat auf einem flachen Gefäß mit angefeuchteter, leicht bedeckter Erde entspricht auch heute üblicher Anzuchttechnik. Nicht real ist die zentrale Zeitbehauptung: Petersilie keimt in drei bis sechs Wochen, nicht binnen der Garzeit eines Huhns - das ist folkloristische Übertreibung, kein tatsächlicher Effekt der beschriebenen Schritte.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Dies ist kein Kochrezept, sondern eine Anleitung zur Beschleunigung des Petersilienwachstums. Es ist eher ein historischer Garten-Hack oder ein Kuriosum aus einem Haushaltsbuch.

Was bedeutet ‚virdig‘ im Rezept?

‚Virdig‘ heißt ‚vorjährig‘ - im Wortpaar mit ‚heurig‘ (diesjährig) meint es den Jahrgang des Samens, nicht eine Zahl. Der Samen soll je zur Hälfte aus der aktuellen und der letztjährigen Ernte stammen.

Wozu dient die Asche von Weinreben und Bohnenstroh?

Pflanzenasche unter die Anzuchterde zu mischen, ist eine reale, bis heute gebräuchliche Gartentechnik. Der Text selbst nennt keinen Wirkgrund; die moderne Erklärung über den Mineralstoffgehalt der Asche ist eine heutige Ergänzung, kein Beleg aus der Quelle.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 (Mitte 15. Jh. - Teil I). CoReMA-Handschrift W1 (Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897): dreiteilige Sammelhandschrift, Teil I (Kochrezepte, Bl. 1r-53v) aus der Mitte des 15. Jh., Teil III älter (Mitte 14. Jh.). Textlicher Zwilling von B4 (Berlin, Ms. germ. qu. 1187) - beide überliefern u.a. dasselbe "grün Met"-Rezeptpaar fast wortgleich.

WIlldu das dir petersil wachs ee das dy huner syeden nym petersil der nicht vorr gewachsen sey vnd der sam mus halber heurig sein vnd halber virdig den soltu in ein roten wein legen do lasz in xij tag in sten do soltu nemen der erden do er aus gewachsn sey vnd nym weinrebem vnd prenn dy schon vnd mach aschen dar aus vnd nym ein pon stro vnd prenn das schon zu aschen von dem pon stro vnd von dem reben gleich vnd zwir als vil erden dorczu do der petersil auf gewachsen sey vnd meng das durich einander mit regenwasser nicht gar zu kalt nym ein hafen dekch vnd leg dy erden dorauf vnd tu den sam darin das des nicht zu vil sey vnd strew dy erden darauf das der sam bedek sey vnd lasses also ein weil sten vnd laa dy huner sieden so weagst der petersil ee dann dy huner sieden
huner sieden

Das Sieden der Hühner dient hier als humorvoller Zeitmesser für die Geschwindigkeit, mit der die Petersilie wachsen soll.

vorr gewachsen

Vermutlich im Sinne von ‚nicht zu alt‘ oder ‚nicht überwachsen‘, um die besten Samen zu gewährleisten.

heurig

Diesjährig, also aus der aktuellen Ernte.

virdig

Vorjährig, im Gegensatz zu ‚heurig‘ (diesjährig) - der Samen soll je zur Hälfte aus der aktuellen und aus der letztjährigen Ernte stammen.

pon stro

Bohnenstroh, also die getrockneten Stängel und Blätter von Bohnenpflanzen nach der Ernte.

gleich

Gleich viel, also gleiche Mengenanteile.

als vil

Als viel, hier im Sinne von ‚zweimal so viel‘.

hafen dekch

Ein Topfdeckel, der hier als flache Schale oder Anzuchtgefäß verwendet wird.

bedek

Bedeckt, der Samen soll vollständig mit Erde bedeckt sein.

Handschrift
Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897
Folio
Fol. 028v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch)
Entstehung
Wien, vermutlich Augustiner-Chorherrenstift St. Dorothea (Besitzvermerke 15. Jh. auf Bl. 1r, 15r, 28v, 54v, 91v), 1450
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

petersilparsley Q25284
samparsley seed Q96756023
roten weinred wine Q1827
erdensoil Q36133
weinrebemgrapevine Q30046
pon strobean straw Q21043751
regenwasserrain water Q21555202
dy hunerchicken Q864693

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarthalber virdig

Gewählte Lesart: ‚Halb vorjährig‘ - der Samen soll zur Hälfte aus der diesjährigen (heurig) und zur Hälfte aus der vorjährigen Ernte (virdig) stammen. Belegt im DWB als direktes Kontrastwort zu ‚heurig‘ (diesjährig), etwa ‚ain vas vierdigs Frannckenweyns vnd ain vas Frannckenweyns‘ (ein Fass vorjährigen und ein Fass diesjährigen Frankenweins) - genau das Wortpaar heurig/virdig wie hier im Rezept.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Halb vierzig [Stück]‘ - eine Mengenangabe für die Samen. - Eine Idiotikon-Stelle belegt ‚virdig‘ auch im Sinn einer Portion (‚ein vierdig opfelstuckli‘); die Jahrgangs-Lesart ist aber die im DWB direkt zu ‚heurig‘ kontrastierte Bedeutung und passt exakt zum Wortpaar heurig/virdig hier im Text. Kein direkter Samen-spezifischer Beleg, daher als offene Alternative dokumentiert.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 028v, Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), W1 - CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/w1-251
LagerkücheLagerküche
Dies ist kein Kochrezept, sondern eine Anleitung zur Beschleunigung des Pflanzenwachstums. Es ist für die Lagerküche ungeeignet, da es sich um einen Garten-Hack handelt, nicht um eine Speisenzubereitung.
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Stand dieser Fassung: 26.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.