Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a · Entstehungsort unbekannt (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a) · 1389
Willst du Petersilie vor den Leuten in einer Stunde wachsen sehen?
Nimm Petersiliensamen und lege sie in gebrannten Wein und lass sie eine gute Weile darin liegen. Danach nimm die Samen und streue sie auf feuchte, fette und fein geriebene Erde. So wachsen sie sehr schnell sichtbar.
Oder eine andere Methode: Nimm Petersiliensamen und gib sie in guten, starken Essig und lass sie einen Tag und eine ganze Nacht darin liegen. Wenn das geschehen ist, nimm dann Kalk und Asche und mische das untereinander, sodass es nicht zu dick noch zu dünn wird. Und nimm dann die Samen und streue oder ziehe sie auf die Mischung aus Kalk und Asche. Und nimm dann andere warme Asche und streue sie darüber, und du wirst sehen.
Oder noch eine Methode: Nimm Bohnenstängel und brenne sie zu Asche. Und nimm dann Petersiliensamen und lege sie in guten, starken Wein und lass sie vier Tage und vier Nächte darin liegen, oder länger, ist der Wein nicht stark genug. Und nimm dann die Samen aus dem Wein und lass sie trocknen. Und nimm dann trockene Erde, die ganz fein ist und durch ein Tuch gerieben wurde. Und nimm dann zwei Teile derselben Erde und einen Teil der vorgenannten Asche und gib es miteinander so gemischt in eine Schüssel. Und streue dann die Petersiliensamen darauf und besprenge es dann mit lauwarmem Regenwasser. Und decke dann einen Mantel eine kleine Weile darüber. Und hebe ihn dann ab, so siehst du schöne Petersilie vor dir gewachsen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| petersilien somen | Petersiliensamen | - | Gartencenter, Supermarkt | - |
| gebranten weyn | Branntwein | - | Supermarkt | - |
| fuechte erde | Feuchte Erde | - | Gartencenter | - |
| chaw | Kalk | - | Baumarkt | - |
| asche | Asche | - | - | - |
| guten starken essik | Starker Essig | - | Supermarkt | - |
| bonstengel | Bohnenstängel | - | - | getrocknete Pflanzenstängel |
| guten starken weyn | Starker Wein | - | Supermarkt | - |
| trucken erde | Trockene Erde | - | Gartencenter | - |
| regen wasser | Regenwasser | - | - | destilliertes Wasser |
Was wird hier gemacht? Petersiliensamen wird vor der Aussaat vorbehandelt - je nach Variante in Branntwein, in starkem Essig oder mehrere Tage in starkem Wein eingelegt - und dann auf ein präpariertes Substrat gestreut: feuchte, fette Erde, oder eine Mischung aus Kalk und Asche, oder Erde mit Bohnenstroh-Asche. Eine Weile deckt ein Tuch die Stelle ab; hebt man es ab, soll dem Publikum binnen einer Stunde sichtbar gewachsene Petersilie gezeigt werden.
Funktioniert das? Teilweise. Das Einweichen der Samen beschleunigt die Keimung tatsächlich, aber keine Petersilie keimt sichtbar innerhalb einer Stunde - auch nicht die Variante, die vier Tage Vorbereitung verlangt. Die Vorführung setzt einen im Text nicht beschriebenen Kniff voraus, vermutlich bereits vorgezogene, unter dem Tuch verborgene Pflänzchen.
Nein. Es handelt sich um einen historischen Vorführtrick, der schnelles Pflanzenwachstum vor Publikum vortäuscht - keine Speise, kein Verzehr.
Nein. Dies ist ein reiner Zuschauertrick ohne Speise, kein Marktstand-Programm. Die behauptete Wirkung - sichtbares Wachstum binnen einer Stunde - ist botanisch nicht möglich und setzt einen im Text nicht beschriebenen Kniff voraus.
Gebrannter Wein ist ein historischer Begriff für destillierten Wein, also Weinbrand oder Branntwein. Er wurde oft als Lösungsmittel oder für medizinische Zwecke verwendet.
Die Lesung 'Kalk' ist plausibel, aber sprachlich nicht restlos gesichert - der Lautübergang von 'chaw' zu 'kalc' ist nicht selbsterklärend. Eine düngende Wirkung ist zudem nicht belegt: Ungelöschter Kalk ist ätzend, nicht wachstumsfördernd, und der im Text behauptete Effekt binnen einer Stunde lässt sich ohnehin nicht mit Bodenchemie erklären.
Dieses Rezept stammt aus dem Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a. CoReMA-Handschrift N2 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a), datiert um 1389: die berühmte Sammelhandschrift mit der ältesten erhaltenen Auslegung von Johannes Liechtenauers Fechtlehre (früher, inzwischen korrigiert, "Döbringer Fechtbuch" genannt) - hier nicht wegen des Fechttraktats, sondern wegen der darin enthaltenen Kochrezepte interessant, darunter ein Met-Rezept im Verhältnis drei Teile Wasser zu einem Teil Honig, mit Hopfengabe und einer separaten roten Farbzugabe.
Historischer Begriff für destillierten Wein, also Weinbrand oder Branntwein.
Bedeutet hier 'eine ganze Nacht', im Sinne einer vollständigen Zeitspanne.
Lateinisch für 'und du wirst sehen'. Eine häufige Formel in historischen Rezepten und Anleitungen, um einen erwarteten Effekt zu betonen.
Lateinisch für 'ein anderes'. Randbezeichnung in der Handschrift für eine alternative Verfahrensvariante.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| petersilien somen | parsley seed Q96756023 |
| gebranten weyn | brandy Q146470 |
| regen wasser | rain water Q21555202 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
ryne nacht
Gewählte Lesart: Die Lesart 'ganze Nacht' wurde gewählt, da 'ryne' hier als Variante von 'rein' im Sinne von 'vollständig' oder 'komplett' interpretiert wird, was eine volle Zeitspanne für das Einlegen der Samen nahelegt.
geyl (fuechte erde dy geyl sey)
Gewählte Lesart: Übersetzt als 'fette' Erde, nicht als 'fruchtbare'. Das Mittelniederdeutsche Wörterbuch belegt für mhd. 'geile' die Bedeutung 'Düngung' (Mittelniederdeutsches Wörterbuch); gemeint ist die konkrete Nuance gedüngte, fette Erde, nicht Fruchtbarkeit im Allgemeinen.
Andere mögliche Lesart:
chaw
Gewählte Lesart: Der Begriff 'chaw' wurde als 'Kalk' übersetzt, gestützt auf Lexer/Benecke ('kalc' = Kalk) und den Kontext der Mischung mit Asche als Substrat.
Andere mögliche Lesart:
lawerm regen wasser (Methode 3)
Gewählte Lesart: Übersetzt als 'lauwarmes Regenwasser' - das Transkript nennt ausdrücklich die Temperatur, nicht die Klarheit des Wassers.
Andere mögliche Lesart:
et videbis
Gewählte Lesart: Die lateinische Phrase 'et videbis' wurde als 'und du wirst sehen' übersetzt, da dies eine gängige Formel in historischen Anleitungen ist, um den Erfolg des beschriebenen Vorgangs zu betonen.
Marginale Ergänzung 'aliud' bei 'gar schire czu sehende' (Blatt 113v)
Gewählte Lesart: Die Randmarke 'aliud' (lateinisch 'ein anderes') markiert den Übergang von Methode 1 zu Methode 2 und wurde im Fließtext als 'Oder eine andere Methode:' umgesetzt.
Marginale Ergänzung 'aliud' bei 'sy dorof et videbis' (Blatt 113v)
Gewählte Lesart: Die Randmarke 'aliud' markiert den Übergang von Methode 2 zu Methode 3 und wurde im Fließtext als 'Oder noch eine Methode:' umgesetzt.
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Stand dieser Fassung: 27.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.