Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Ein weißes Mus: Stoße Mandeln. Nimm einen guten süßen Rahm und ziehe die Mandeln damit aus. Gib die weiße Masse ohne die Eier hinein.
Wenn du Eier hinzufügen möchtest, nimm zu einer Maß Rahm sechs Eier, gib sie darüber und füge Zucker und Rosenwasser hinzu.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| mandel | Mandeln, gemahlen | 250 g | Supermarkt (Backregal) | Ganze Mandeln im Blender kurz zermahlen |
| ain gutten ſieſſen Ram | süßer Rahm | 500 ml | - | - |
| ſechs ayr | Eier (optional, für eine Maß Rahm) | 6 | - | - |
| zucker | Zucker | 50 g | - | - |
| Roſenwaſſer | Rosenwasser | 1 EL | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
Welches Gericht ist das? Ein mit Rosenwasser gesüßtes Mandel-Rahm-Mus, wahlweise mit Eiern angereichert - eine helle, cremige Süßspeise aus zwei Grundzutaten (gestoßene Mandeln, süßer Rahm) plus Zucker und Rosenwasser. Es gehört in die weiter verbreitete Familie der Mandelcremes/-flammeris und ist entfernt mit der Blancmanger-Tradition verwandt, die im Original meist mit Reis oder Kapaun arbeitet - hier bewusst schlicht, nur Mandel und Rahm. Die Masse wird angerührt, nicht gebacken.
Wird die Masse erhitzt? Das Transkript nennt keinen Hitzeschritt - kein „sieden“, „kochen“ oder „wallen“, nur Stoßen, Ausziehen und Untermischen. Wörtlich gelesen bleibt die (optional mit rohem Ei versetzte) Masse kalt angerührt, näher an einem Trunk oder einer ungekochten Creme als an einem festen Mus.
Wird die Mandelmasse gesiebt? Auch das lässt der Text offen. „Zeuch den mandel darmit auß“ kann heißen, dass die gestoßenen Mandeln ungesiebt in der Rahm-Creme bleiben, oder die klassische Mandelmilch-Technik meinen, bei der die Masse durch ein Tuch gepresst und der Trester verworfen wird.
Ei-Rahm-Verhältnis. Der Text nennt sechs Eier je Maß Rahm (rund 1,05 Liter). Bei den hier angesetzten 500 ml Rahm wäre das anteilig etwa drei statt sechs Eier.
Praxis. Mandeln fein stoßen bzw. mahlen und mit dem süßen Rahm verrühren, bis eine gleichmäßige weiße Masse entsteht (ungesiebt lassen, das ergibt mehr Konsistenz). Wer die Eier zugeben möchte: bei 500 ml Rahm etwa drei Eier verquirlen (statt sechs, um das im Text genannte Verhältnis zu wahren), mit Zucker und Rosenwasser einrühren und die Masse sanft im Topf erwärmen, bis sie leicht bindet - nicht kochen lassen. Wer beim Text bleiben will, rührt kalt an und verzichtet auf den Erwärmungsschritt.
Ein ‚Mus‘ ist eine breiige oder pastenartige Zubereitung, die im Mittelalter aus verschiedensten Zutaten wie Früchten, Nüssen, Gemüse oder sogar Fleisch hergestellt wurde. Es diente oft als Beilage oder eigenständiges Gericht.
Eingeschränkt geeignet. Im Transkript ist kein Kochschritt belegt - die Grundmasse ist ein kalt angerührter Mandel-Rahm-Auszug, bei dem rohe Eier optional zugemischt werden. Genau das macht das Lager schwieriger: die fertige, eihaltige Masse braucht eine durchgehende Kühlung, die ein Marktlager nicht immer bietet. Gemahlene Mandeln können immerhin fertig mitgebracht werden, was den Aufwand reduziert.
Eine ‚Maß‘ war eine historische Volumeneinheit. Das Augsburger Schenkmaß - das Ausschankmaß des Alltags - fasste rund 1,05 Liter; es wurde 1538 normiert und galt bis 1810, deckt das Druckjahr 1554 also ab (Stadtlexikon Augsburg). Der verbreitete Wert von 1,069 Litern ist die spätere bayerische Norm nach 1806 und gilt für Augsburg 1554 nicht. Im Rezept dient die Maß als Referenzmenge für die optionale Zugabe der Eier: sechs Eier je Maß Rahm, also je rund 1,05 Liter.
Ja, die Eier sind ausdrücklich als Option beschrieben (‚darnach du sie haben wilt‘). Ob sie die Masse eindicken, sagt der Text nicht: rohe Eier binden ohne Erhitzen nicht von selbst. In der Praxis empfiehlt sich sanftes Erwärmen nach der Ei-Zugabe für eine festere, musartige Konsistenz - im Rezept selbst steht davon aber nichts, kalt bleibt die Masse ebenso denkbar.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Ein ‚Mus‘ ist eine breiige oder pastenartige Zubereitung, oft aus zerstoßenen Früchten, Nüssen oder Gemüse. ‚Weißes Mus‘ war im 16. Jahrhundert eine eigene, anerkannte Kategorie heller, meist gesüßter Cremespeisen, keine beliebige Beschreibung.
‚Rahm‘ bezeichnet hier Sahne oder Creme.
Ein historisches Flüssigkeitsmaß. Für Augsburg ist es genauer bestimmbar als für die meisten Städte: Das dortige Schenkmaß - das Ausschankmaß des Alltags - fasste rund 1,05 Liter, wurde 1538 normiert und galt unverändert bis 1810, deckt das Druckjahr 1554 also direkt ab. Daneben lief ein Visiermaß (Handels- und Steuermaß, ca. 1,17 Liter) für Fässer im Großhandel, nicht für die Küche. Der oft zitierte Wert von 1,069 Litern ist die bayerische Norm nach 1806 und passt hier nicht - Augsburg war 1554 Freie Reichsstadt mit eigenem Maßsystem (Stadtlexikon Augsburg).
‚Ohne die Eier‘ - die weiße Grundmasse aus Mandeln und Rahm wird zunächst ohne Eier angesetzt; die Eier sind eine optionale Zugabe im nächsten Satz.
‚Zu einer Maß Rahm‘ - Verhältnisangabe: sechs Eier je Maß Rahm, falls man sie zugeben möchte.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| mandel | almond Q184357 |
| ain gutten ſieſſen Ram | cream Q13228 |
| ſechs ayr | chicken egg Q15260613 |
| zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| Roſenwaſſer | rose water Q900450 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Erhitzen der Rahm-Mandel-(Ei-)Masse
Gewählte Lesart: Das Transkript nennt keinen Hitzeschritt - kein ‚sieden‘, ‚kochen‘ oder ‚wallen‘; die drei belegten Schritte sind Stoßen, Ausziehen und Untermischen. Wörtlich gelesen bleibt die Masse kalt angerührt.
Andere mögliche Lesart:
den mandel darmit auß zeuch
Gewählte Lesart: Die gestoßenen Mandeln werden mit dem Rahm angerührt und ungesiebt in der Creme belassen - einfacher in der Umsetzung und näher an der im Titel genannten Konsistenz.
Andere mögliche Lesart:
sechs ayr under ain maſs Ram
Gewählte Lesart: Der Text nennt sechs Eier je Maß Rahm (rund 1,05 Liter). Bei der hier angesetzten halben Menge Rahm (500 ml) wäre das anteilig etwa drei Eier.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 13.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.