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Süßes Sülzenmus mit Eiklarhaube

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit75 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm zehn Eier. Trenne das Eiweiß beiseite und schlage das Eigelb gut. Gib etwas Zucker dazu. Danach gib etwas Milch in eine Pfanne und lass sie sieden. Wenn die Milch anfängt zu sieden, schütte das Eigelb von den Eiern hinein und ein wenig kaltes Wasser, damit es stockt.

Danach gib ein Tuch in ein Sieb, schütte die obige Masse hinein und drücke sie ein wenig aus, damit das Wasser davon kommt. Schneide danach feine viereckige Schnitze daraus und lege sie in eine Schüssel.

Nimm danach das Eiklar, das du von den zehn Eiern getrennt hast, schlage es gut und gib etwas Zucker dazu. Nimm dann etwas Milchrahm und lass ihn sieden. Wenn er anfängt zu sieden, schütte den Eiklar hinein und lass ihn sieden, ungefähr so lange, wie man zwei Eier siedet. Richte es danach über die Schnitze an und lass es kalt werden.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
zechen ayr Eier 10 - -
zucker Zucker - - -
millich Milch - - -
kalts waſſer Kaltes Wasser - - -
millich Ram Milchrahm - Supermarkt Sahne

Welches Gericht ist das?

Ein zweiteiliges, gestocktes Ei-Milch-Dessert: Eigelb wird in siedender Milch zu einer festen Masse gestockt, in einem Tuch im Durchschlag abgetropft und in viereckige Schnitze geschnitten - technisch dieselbe Grundidee wie der heutige Eierstich (gestockte Ei-Milch-Masse, in Würfel geschnitten), nur süß statt salzig und ohne Suppeneinlagen-Funktion. Darüber kommt eine zweite, separat gekochte Haube aus geschlagenem Eiklar in siedendem Rahm. Das Rezept ist ein reines Topfgericht.

Was macht das kalte Wasser?

Der Text schreibt dem kalten Wasser das Stocken der Eigelb-Milch-Masse zu ("ain wennig kalts waſſer, das es zuſamen far"). Küchentechnisch gerinnt Eigelb durch die Hitze der siedenden Milch, nicht durch kaltes Wasser - welche genaue Rolle das kalte Wasser hier spielt, bleibt offen.

Praxis.

Eigelb in leicht siedende Milch geben und unter Rühren stocken lassen, im tuchausgelegten Sieb abtropfen und ausdrücken, dann würfeln oder in Schnitze schneiden. Eiklar mit Zucker aufschlagen und in siedenden Rahm geben, kurz mitkochen, bis eine weiche Creme entsteht - als Zeitmaß dient im Original die Kochdauer von zwei Eiern (grob drei bis vier Minuten). Über die Dotterschnitze geben und auskühlen lassen. Da ein gekochtes Ei-Milch-Produkt ein Hygienerisiko birgt, sollte das fertige Gericht zügig in den Kühlschrank und innerhalb von zwei Stunden durchkühlen, statt lange temperiert zu stehen.

Was ist ein ‚Sultzmuss‘?

Ein ‚Sülzenmus‘ ist eine süße, gestockte Speise, die in Form geschnitten wird. Es handelt sich um eine Art fester Pudding oder eine süße Gallerte, die hier aus Eigelb und Milch zubereitet und mit einer Eiklarhaube serviert wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt (Kühlung/Aufwand): Die Zubereitung erfordert mehrere Schritte, darunter das Trennen und Schlagen von Eiern, das Kochen zweier Komponenten und das Ausdrücken der Masse. Das fertige Gericht muss kalt serviert werden, was im Lager eine Kühlmöglichkeit für die Speise voraussetzt, um die Konsistenz und Haltbarkeit zu gewährleisten.

Was bedeutet ‚millich Ram‘ im Rezept?

‚Millich Ram‘ ist die historische Bezeichnung für Rahm oder Sahne. Du kannst dafür handelsübliche Sahne verwenden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Ain Sultzmuss. Item nimb zechen ayr, vnnd das weyß beſonnder klopff das gelb wol, thu ain zucker darann, darnach thu ain millich vber Inn ainer pfannen, laß ſieden vnnd wanns anfacht ſieden, ſo ſchit das gelb vonn den ayren darein vnnd ain wennig kalts waſſer, das es zuſamen far, darnach thu ain thuch in ain durchſchlag, ſchit das obgemelt darein, ſchwer es ain wenig zu, das des waſſer daruon khome, vnnd darnach ſchneid fein vieregget ſchnitz darauß, legs jnn ain ſchiſſel, darnach nimb den ayrklar, den du von den zehen ayren gethon haſt, klopff in wol, thu ain zucker darann, nimb dann ain millich Ram, laß jnn ſieden, vnnd wenn er anhept zu ſieden, ſo ſchit denn ayrklar darein, vnnd laß ſieden, vnngefaͤrlich als lanng, wie man zway ayr ſiedt, darnach Richts vber die ſchnitz ann vnd laß kalt werdenn.
Sultzmuss

Ein ‚Sülzenmus‘ bezeichnet eine gestockte, in Form geschnittene Speise: ‚Sulz/Sülze‘ meint nicht zwingend eine salzige Pökel-Lake, sondern jede geronnene, gallertartige Masse (belegt bei Hans Sachs: „sultz, pfeffer, eingemacht, sawr und sůs“ - Sulz kam süß und sauer vor). ‚Mus‘ bezeichnet die weiche Gesamtkomposition aus festen Dotter-Schnitzen unter der weichen Eiklar-Sahne-Sauce.

ayren

Eier/Eidotter. Dasselbe Rezept schreibt ‚ayr‘/‚ayren‘ an drei weiteren Stellen (zechen ayr, den zehen ayren, zway ayr).

zusamen far

‚Zusammenfahren‘ bedeutet hier, dass die Eigelb-Milch-Mischung durch die Hitze stockt oder gerinnt und sich verfestigt.

durchſchlag

Ein ‚Durchschlag‘ ist ein Sieb oder ein Seiher, durch den Flüssigkeiten abgetropft werden können.

schwer es ain wenig zu

Wörtlich ‚drücke es ein wenig zu‘, gemeint ist das Ausdrücken der Masse durch das Tuch im Sieb, um überschüssige Flüssigkeit zu entfernen.

ayrklar

‚Eiklar‘ ist die frühneuhochdeutsche Bezeichnung für Eiweiß.

millich Ram

‚Milchrahm‘ ist die historische Bezeichnung für Rahm oder Sahne.

ſiedt

Siedet. Im selben Rezept wird ‚sieden‘/‚ſieden‘ dreimal geschrieben.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Torten und Muse
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

zechen ayrchicken egg Q15260613
zuckerunrefined cane sugar Q57656231
millichmilk Q8495
millich Ramcream Q13228

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartain wennig kalts waſſer, das es zuſamen far

Gewählte Lesart: Der Text schreibt dem kalten Wasser das Stocken der Eigelb-Milch-Masse zu. Küchentechnisch gerinnt Eigelb tatsächlich durch die Hitze der siedenden Milch, nicht durch kaltes Wasser - welche genaue Funktion das kalte Wasser hier hat, lässt sich aus dem Text nicht sicher ableiten.

Andere mögliche Lesart:

  • Das kalte Wasser könnte im historischen Kontext primär als Temperaturpuffer gedient haben, um ein zu hartes Stocken oder Anbrennen am Topfboden zu vermeiden, während die eigentliche Gerinnung durch die Hitze der Milch erfolgt. - Reine küchenpraktische Vermutung ohne Textbeleg - der Wortlaut nennt keinen Grund für das kalte Wasser außer dem beobachteten Ergebnis (‚das es zusamen far‘).

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 013, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Kühlung/Aufwand): Die Zubereitung erfordert mehrere Schritte und das Gericht muss kalt serviert werden, was im Lager eine Kühlmöglichkeit für das fertige Produkt voraussetzt. Die Zutaten selbst sind robust.
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Stand dieser Fassung: 13.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.