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Kalter Eier-Rahm mit Rosenwasser

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit30 Min.Portionen8-12 PersonenBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm auf einen Tisch vierzehn Eier und schlage sie gut in vier Seidel Rahm. Gib das Maß Rahm in eine Pfanne. Wenn er zu sieden beginnt, schütte die Eier hinzu und lass es wie eine Eiermilch sieden.

Schütte die Masse auf ein Tuch und lass sie abtropfen. Treibe sie dann durch ein Haarsieb. Gib Butter im Wert von vier Pfennig, Zucker und Rosenwasser hinzu. Treibe sie mit dem übrigen Rahm durch und lass sie dann kalt werden.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
vierzechen ayr Eier 14 - -
ſier ſeidlen Ram Rahm 2,1 l Supermarkt Sahne mit mindestens 30% Fett
umb vierpfennig puter Butter - - -
Zucker Zucker - - -
Roſennwaſſer Rosenwasser - gut sortierter Supermarkt, türkischer/orientalischer Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Eine kalte, rosenwassergeschmackte Eier-Rahm-Creme: Eier und Rahm werden erhitzt, bis sie stocken wie eine Eiermilch, durch ein Tuch abgetropft und durch ein Haarsieb passiert, dann mit Butter, Zucker, Rosenwasser und dem übrigen Rahm glattgerührt und kalt gestellt. Es wird in einer Pfanne gegart. Am ehesten vergleichbar mit einer Vorform der passierten Eiercreme, wie einer kalten Rahmflammerie oder einem englischen posset/fool.

Der Rahm wird zweigeteilt. Der letzte Satz des Rezepts („mit dem übrigen Rahm durch“) verrät, dass nicht der gesamte Rahm mitgekocht wird: ein Teil bleibt roh zurück und wird erst nach dem Passieren untergerührt, um die dichte, gesiebte Masse wieder cremig zu lockern. Wie viel genau zurückbehalten wird, nennt das Original nicht - hier wird hälftig aufgeteilt.

Praxis. Vierzehn Eier gut verquirlen. Von den vier Seidel (rund zwei Liter) Rahm die Hälfte in eine Pfanne geben und erhitzen; sobald er zu sieden beginnt, die verquirlten Eier einrühren und unter Rühren sanft stocken lassen, bis eine gestockte Masse wie bei einem Eierstich entsteht (nicht zu stark erhitzen, sonst gerinnt die Masse grob statt fein). Die gestockte Masse auf ein Tuch geben und abtropfen lassen, dann durch ein feines Sieb streichen. Butter, Zucker und Rosenwasser unterrühren, anschließend mit der zweiten, bislang rohen Hälfte des Rahms glattrühren. Mehrere Stunden oder über Nacht kalt stellen, bis die Creme durchgekühlt und fest genug zum Anrichten ist.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt geeignet. Die Zubereitung am offenen Feuer ist gut machbar und erfordert keine speziellen Geräte. Allerdings muss das fertige Gericht kalt serviert werden, was eine zuverlässige Kühlmöglichkeit im Lager voraussetzt. Die Zutaten sind ansonsten robust.

Was ist ‚Ram‘ und wie viel ist ein ‚Seidel‘?

‚Ram‘ ist die frühneuhochdeutsche Bezeichnung für Rahm oder Sahne. Ein ‚Seidel‘ ist die halbe Maß. Nach dem Augsburger Schenkmaß - rund 1,05 Liter je Maß, 1538 normiert und bis 1810 unverändert in Kraft - sind das rund 0,52 Liter (Stadtlexikon Augsburg). Die im Rezept genannten vier Seidel ergeben demnach rund 2,1 Liter Rahm.

Was bedeutet ‚ayrmillich‘ und ‚Hsrins siblin‘?

‚Ayrmillich‘ bezeichnet eine Eier-Milch-Mischung, die durch Erhitzen gestockt wird, ähnlich einem Eierstich oder einer Crème. ‚Hsrins siblin‘ ist ein Haarsieb, ein feines Sieb, das im Mittelalter und der frühen Neuzeit verwendet wurde, um Speisen besonders glatt zu passieren.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Ain kalts Muss. Item nimb auf ain tiſch vierzechen ayr klopffs wol in ſier ſeidlen Ram vnd thu die maſs Ram vber inn ainer pfannen, wann er anfacht zu ſieden, ſo ſchit die ayr darann vnd laſs ſieden wie ain ayrmillich, ſchits auf ain thuch laſs verſechnen, treibs dann durch ain Hsrins ſiblin, thu umb vierpfennig puter darann vnnd thu Zucker vnnd Roſennwaſſer darann, treibs mit dem vbrigenn Kam durch, vnd laſs alf⸗ dan kalt werdenn.
Ram

Frühneuhochdeutsch für „Rahm“, also Sahne oder Crème.

ayrmillich

Eine „Eier-Milch“ bezeichnete eine beim Erhitzen gestockte Eier-Rahm-Mischung - vergleichbar mit dem Zwischenschritt eines Eierstichs. Das fertige, durchgesiebte und mit Rahm verrührte Gericht selbst ist dagegen eine weiche, gießfähige Creme, kein fester Schnitt.

verſechnen

Bedeutet „abtropfen lassen“ oder „durchsickern lassen“, um Flüssigkeit zu entfernen.

Hsrins ſiblin

Ein „Haarsieb“, ein feines Sieb, oft aus Rosshaar gefertigt, das zum Passieren von Saucen und Cremes verwendet wurde, um eine besonders glatte Konsistenz zu erzielen.

vierpfennig puter

Eine Mengenangabe, die sich auf den Wert der Butter bezieht, nicht auf ein Gewicht. „Vier Pfennig“ war eine kleine, aber nicht unbedeutende Menge für den täglichen Gebrauch.

Seidel

Ein ‚Seidel‘ ist die halbe Maß. Nach dem Augsburger Schenkmaß - rund 1,05 Liter je Maß, 1538 normiert und bis 1810 unverändert in Kraft - sind das rund 0,52 Liter (Stadtlexikon Augsburg). Vier Seidel sind demnach rund 2,1 Liter.

Ain kalts Muss

„Ein kaltes Mus“. Die unmittelbar benachbarte mst-026 trägt den fast gleichlautenden Titel „Ain kalts Mus“ bei nahezu identischer Zutatenfamilie.

Mus/Muss (Gattungsbegriff)

„Mus“ ist in diesem Buchabschnitt (mst-020..041) der wiederkehrende Gattungsbegriff für breiig-cremige Gerichte (vgl. Öpffelmuss, Weinmuss, Wanndelmuss, Zuckermuss) - keine moderne „Mus“-Assoziation mit reinem Obstmus, sondern ein weiter gefasster Cremespeisen-Oberbegriff.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Torten und Muse
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

vierzechen ayrchicken egg Q15260613
ſier ſeidlen Ramcream Q13228
umb vierpfennig puterbutter Q34172
Zuckerunrefined cane sugar Q57656231
Roſennwaſſerrose water Q900450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartſier ſeidlen Ram

Gewählte Lesart: „ſier“ wurde als „vier“ (die Zahl Vier) gelesen und „Ram“ als „Rahm“ (Sahne/Crème). „Seidlen“ ist die Diminutivform von „Seidel“, einer historischen Maßeinheit. Ein Seidel ist die halbe Maß; nach dem Augsburger Schenkmaß (rund 1,05 Liter je Maß) sind das rund 0,52 Liter, vier Seidel also rund 2,1 Liter Rahm.

Andere mögliche Lesart:

  • Gemeint sein könnte das Augsburger Visiermaß (Handels- und Steuermaß, ca. 1,17 Liter je Maß, also rund 0,59 Liter je Seidel) statt des Schenkmaßes - für ein Haushaltsrezept ist das aber unwahrscheinlich. - Die genaue Größe eines Seidels variierte regional und zeitlich. Eine größere Menge würde jedoch für 14 Eier ein sehr flüssiges Gericht ergeben.

LesartHaarins ſiblin

Gewählte Lesart: „Haarins siblin“ = „Haarsieb“ (Sieblein). Haarsiebe waren in der historischen Küche gängige Utensilien zum feinen Passieren.

Andere mögliche Lesart:

  • „Hsrins“ könnte ein unbekannter oder stark korrumpierter Begriff sein. - Ohne weitere Kontextbelege oder Wörterbucheinträge ist eine eindeutige alternative Lesart schwierig. Die Interpretation als Haarsieb ist jedoch kulinarisch und historisch plausibel.

LesartAufteilung des Rahms (vier Seidel gesamt)

Gewählte Lesart: Für die praktische Umsetzung wird der Rahm hälftig aufgeteilt: die Hälfte wird mit den Eiern gekocht, die andere Hälfte roh zurückbehalten und erst am Schluss untergerührt („mit dem vbrigenn Kam durch“). Das Original selbst nennt für diese Aufteilung keine Zahl.

Andere mögliche Lesart:

  • Nur ein kleinerer Anteil des Rahms (z.B. ein Seidel von vieren) wird zurückbehalten, der Großteil wird mit den Eiern gekocht. - Ergäbe eine dichtere, weniger flüssige Creme; mit dem Wortlaut ebenso vereinbar, da das Original die Aufteilung nicht beziffert.

LesartZeitpunkt der Eizugabe

Gewählte Lesart: Die Eier werden vorab verquirlt und erst in den bereits siedenden, zunächst eifreien Rahm eingerührt (Tempern) - vermeidet ungleichmäßiges Anbrennen oder Gerinnen.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Eier werden von Anfang an kalt mit dem gesamten Rahm verquirlt und gemeinsam langsam bis zum Sieden erhitzt. - Näher am mehrdeutigen Wortlaut, der Verquirlen und späteres Sieden im selben Satz nennt; historisch ebenso plausibel, aber schwerer kontrolliert nachzukochen.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 012, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Kühlung): Die Zubereitung ist am Feuer gut machbar, aber das Gericht muss zum Servieren kalt gestellt werden, was im Lager eine gute Kühlmöglichkeit erfordert. Die Zutaten selbst sind robust.
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Stand dieser Fassung: 13.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.