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Quitten-Latwerge

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit300 Min.PortionenGroße Menge (Vorratsware)BuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Wenn du eine Latwerge machen willst - mit der Presse -, nimm zweihundert Quitten, dämpfe sie im Topf, gib Wasser dazu und siede sie vier Stunden lang. Lass es eine Weile stehen, schlage es dann in die kleinen Formen, lass es erkalten und zieh den Schaum herab. So wird es schön klar.

Läutere den Zucker mit einem Ei oder mit Wasser.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
zwai hundert kuͤttine 200 Quitten 200 Stück Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt (saisonal) -
waſſer Wasser - Leitung -
zucker Zucker - - -
aine ay Ei (optional, zum Läutern) 1 - -

Welches Gericht ist das? Eine eingedickte Quitten-Latwerge, die in kleine Formen geschlagen beim Erkalten fest wird - ein Vorläufer der heutigen Quittenpaste (dulce de membrillo, marmelada): ein anschneidbarer, formfester Fruchtblock statt eines streichfähigen Aufstrichs.

Die Presse. „Durch die preſs" meint eine Presse, kein Tuch, und keinen eigenständigen ersten Arbeitsschritt an den rohen Früchten. Gepresst wird der bereits gekochte Brei, nach den vier Stunden Sieden, um Schale und Kerngehäuse abzutrennen - erst das ergibt die im Text versprochene Klarheit („schön lautter"). Der Buchzwilling wo10-027 zeigt dasselbe Verfahren ausführlicher: dort presst man den gedämpften Brei durch ein Säcklein, und nur wer keine Presse besitzt, treibt ihn ersatzweise durch ein grobes Tuch.

Die Formen. „Ledlen" sind kleine Formen oder Kästchen, in die die heiße Masse zum Auskühlen und Festwerden geschlagen wird - derselbe Wortgebrauch findet sich an gleicher Verfahrensstelle in den Buchzwillingen wo10-027 und wo10-039.

Praxis. Für zweihundert Quitten braucht es einen entsprechend großen Kessel und mehrere Stunden ununterbrochene Feuerpflege - für eine Nachkoch-Portion lohnt sich eine deutlich kleinere Charge. Die Quitten zunächst im Topf andämpfen, dann mit Wasser knapp bedeckt vier Stunden sieden, bis sie weich sind - so viel Wasser, dass nichts anbrennt. Den Brei anschließend warm durch ein feines Sieb oder Passiertuch streichen, in kleine Formen füllen und auskühlen lassen, dabei den aufsteigenden Schaum abschöpfen. Den Zucker separat mit etwas Ei oder Wasser läutern und in die passierte Masse einrühren.

Was ist eine Latwerge?

Eine Latwerge ist ein dickes Fruchtmus oder eine Art Konfitüre, die durch langes Einkochen von Früchten, oft mit Zucker oder Honig, hergestellt wird. Sie diente als Süßspeise, Brotaufstrich oder auch als haltbares Heilmittel.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt geeignet. Die lange Kochzeit von vier Stunden erfordert eine durchgehende Feuerpflege, was am Lager aufwendig sein kann. Die fertige Latwerge ist jedoch ein hervorragendes, haltbares Vorratsprodukt, das sich ideal für die Vorbereitung zu Hause eignet und dann mit ins Lager gebracht werden kann.

Was bedeutet es, den Zucker zu ‚läutern‘?

Zucker zu läutern bedeutet, ihn zu klären und von Verunreinigungen zu befreien. Dies geschieht, indem man den Zucker mit etwas Wasser oder Eiweiß aufkocht. Das Eiweiß bindet Schwebstoffe, die dann als Schaum an die Oberfläche steigen und abgeschöpft werden können, wodurch ein klarer Zuckersirup entsteht.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Ain Latquerin zu machen. Item wiltu ain latquerin machen, durch die preſs, ſo nimb zwai hundert kuͤttine, dempfs im hafen, thu waſſer daran, vnd ſeuds vier ſtund, laſs ain weil ſton, ſchlags dann in die ledlen, laſs erkalten, vnd zeuch den faimb herab, ſo würts ſchoͤn lautter, vnd den zucker leuͤttere mit aine ay oder mit waſſer.
Latquerin

Eine ‚Latwerge‘ ist ein eingekochtes Frucht- oder Kräutermus, das oft als süßer Brotaufstrich oder auch als Heilmittel verwendet wurde. Der Begriff ist verwandt mit dem modernen ‚Latwerge‘ oder ‚Latwerg‘.

hafen

Ein ‚Hafen‘ bezeichnet im Frühneuhochdeutschen einen Topf oder Kochkessel, nicht den modernen Seehafen.

faimb

Der ‚Faimb‘ ist der Schaum, der beim Kochen von Früchten oder Zucker entsteht und abgeschöpft wird, um das Endprodukt klarer zu machen.

leuͤttere

‚Läutern‘ bedeutet hier, den Zucker zu klären. Dies geschieht durch Zugabe von Eiweiß oder Wasser, das Verunreinigungen bindet und an die Oberfläche bringt, wo sie abgeschöpft werden können.

ledlen

Kleine Formen oder Kästchen (Lädlein), in die die fertige Latwerge zum Auskühlen und Festwerden gefüllt wird. Der Buchzwilling wo10-027 verwendet an derselben Verfahrensstelle dasselbe Wort ('schlags In die ledlen') und übersetzt es dort selbst als 'Förmchen'.

preſs

Die ‚preſs‘ ist eine Presse, kein Tuch. Der Buchzwilling wo10-027 beschreibt dieselbe Zubereitung ausführlicher und unterscheidet dort ausdrücklich zwei getrennte Methoden: Pressen mit einer Presse, oder ersatzweise, falls keine vorhanden ist, das Durchtreiben durch ein grobes Tuch.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

zwai hundert kuͤttinequince Q2751465
waſſerwater Q283
zuckerunrefined cane sugar Q57656231
aine aychicken egg Q15260613

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartWassermenge (thu waſſer daran)

Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Menge. Praxisnah: so viel Wasser, dass die Quitten knapp bedeckt sind, um bei der langen Kochzeit ein Anbrennen zu vermeiden.

Andere mögliche Lesart:

  • Nur wenig Wasser, da Quitten beim Kochen selbst Saft abgeben. - Historisch ebenso denkbar, birgt bei vier Stunden Kochzeit ohne Aufsicht jedoch ein höheres Anbrennrisiko.

Lesartdurch die preſs

Gewählte Lesart: Das Pressen bzw. Passieren des gekochten Quittenbreis nach den vier Stunden Sieden, um Schale und Kerngehäuse zu entfernen - das ergibt die im Text versprochene Klarheit ('schön lautter').

Andere mögliche Lesart:

  • Pressen roher, ganzer Quitten vor dem Kochen. - Küchentechnisch kaum haltbar - rohe, harte Quitten lassen sich nicht durch eine Presse treiben - und der Buchzwilling wo10-027 beschreibt das Pressen ausdrücklich als Schritt nach dem Dämpfen, nicht davor.

LesartVerwendung des geläuterten Zuckers

Gewählte Lesart: Der geläuterte Zuckersirup wird zum passierten Quittenbrei gegeben, um die Latwerge zu süßen und haltbar zu machen.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Zuckerläuterung als eigenständige, nicht zwingend in dieses Rezept eingehende Technikangabe. - Der Text verknüpft beide Schritte nicht ausdrücklich miteinander.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 032, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Die Zubereitung erfordert eine lange Kochzeit von vier Stunden, was am Lagerfeuer eine konstante Beaufsichtigung bedeutet. Die Latwerge selbst ist jedoch ein hervorragendes Vorratsprodukt, das gut vorbereitet mitgebracht werden kann.
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Stand dieser Fassung: 16.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.