Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543
Nimm zwei Eigelb und schlage sie gut. Dann nimm ein halbes Augsburger Maß Rainfal-Wein und ein wenig Wasser, schlage alles untereinander und gib etwas Schmalz hinzu. Lass es sieden und schlage es sehr gut, bis es gestockt ist.
Schneide das Brot gewürfelt und richte es darüber an. Mache die Weinsüppchen auch so, färbe sie gelb und zuckere sie.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| 2 ayr detter | Eigelb | 2 | - | - |
| halb ron fal | Ein halbes Augsburger Maß Rainfal-Wein | 0,525 l | gut sortierter Weinhandel, Online-Weinhandel | süßer Weißwein (z.B. Malvasier, Muskateller) |
| ain wenig waser | Ein wenig Wasser | - | - | - |
| ain schmaltz | Schmalz | - | Supermarkt, Metzger | Butter oder Pflanzenöl für eine vegetarische Variante |
| das brott gewirflet | Gewürfeltes Brot | - | - | - |
| gilbs | Safran (optional, zum Färben) | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| zuckers | Zucker | - | - | - |
Welches Gericht ist das?
Ein mit zwei Eigelb gebundenes Süppchen aus verdünntem Rainfal-Wein, das über gewürfeltem Brot angerichtet, gelb gefärbt und gezuckert wird - der späteren deutschen Weinsuppe verwandt und entfernt an eine Zabaione erinnernd, die ebenfalls Wein und Eigelb unter Hitze und Schlagen eindickt. Das Rezept beschreibt dieselbe Zubereitung zweimal: einmal mit Rainfal als Beispielwein, danach knapp als „Weinsüppchen" mit Färbung und Zucker wiederholt - kein zweites Verfahren, sondern derselbe Vorgang, zweimal benannt.
Rainfal. Der im Rezept genannte Süßwein ist ein aus dem romanischen Süden importierter Wein der Malvasier-Familie, im Buch mehrfach für kostbare Anlässe belegt. Ein Patrizierhaus wie das der Welser griff damit zu einer teuren Zutat statt zu einem Alltagswein.
Die Hitzeführung. Der Text verlangt ausdrücklich, die Eigelb-Wein-Mischung zu sieden, also tatsächlich zu kochen, während gleichzeitig sehr kräftig weitergeschlagen wird. Das ist der heikle Punkt: Eigelb in Wein gerinnt bei zu starker oder ungleichmäßiger Hitze leicht zu Flocken statt gleichmäßig einzudicken. Die Verstärkung „sehr wohl" beim Schlagen zeigt, dass dieses Risiko bekannt war - Gefäß und Hitzestärke selbst nennt der Text nicht.
Praxis. Am besten gelingt die Bindung in einem Topf über mittlerer, gleichmäßiger Hitze und mit einem Schneebesen, der ständig in Bewegung bleibt, bis die Masse sämig eindickt - sobald sich Flöckchen bilden, ist die Hitze zu reduzieren. Für das Brot empfiehlt sich geröstetes oder leicht altbackenes Brot, damit die Würfel in der heißen Flüssigkeit nicht sofort zerfallen; frisches Brot ist mit dem Text ebenso vereinbar, der dazu keine Angabe macht.
Rainfal (auch Rainfahl, Rayffall oder Rumanier) war ein beliebter, oft süßer Importwein aus romanischen Ländern, insbesondere Italien. Er wurde häufig für Saucen und Süßspeisen verwendet. Heute kann er durch andere süße Weißweine wie Malvasier oder Muskateller ersetzt werden.
‚Gilbs‘ ist eine Aufforderung, das Gericht gelb zu färben. Im Mittelalter war Safran das bevorzugte und luxuriöseste Mittel, um Speisen eine leuchtend gelbe Farbe zu verleihen. Es wurde sowohl aus ästhetischen Gründen als auch wegen seines Geschmacks verwendet.
Ja, mit einer Einschränkung. Die Zutaten sind lagerstabil, sofern die Eier tagesfrisch mitgeführt werden, und das Süppchen ist direkt im Topf über offener Glut in etwa 15-20 Minuten fertig. Die Technik selbst verlangt aber Aufmerksamkeit: Eigelb in Wein gerinnt beim Sieden leicht zu Flocken, wenn nicht ständig kräftig geschlagen und die Hitze im Blick behalten wird.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.
Eine frühneuhochdeutsche Bezeichnung für ein Süppchen oder eine Suppe, hier im Kontext eines süßen Gerichts.
Eigelb.
Eine dialektale Schreibweise für Rainfal, einen historischen Süßwein, der oft aus der Malvasier-Traube hergestellt wurde und aus romanischen Ländern importiert wurde.
Sieden, also langsam kochen oder köcheln lassen.
Gekocht oder gestockt durch Sieden. Hier bezieht es sich auf das Eigelb-Wein-Gemisch, das durch Erhitzen eindickt.
Gewürfelt, in kleine Würfel geschnitten.
Von ‚richten‘, hier im Sinne von anrichten oder servieren.
Eine Form des Verbs ‚gelben‘, also etwas gelb färben. Im Kontext mittelalterlicher Küche oft ein Hinweis auf die Verwendung von Safran.
Eine Form des Verbs ‚zuckern‘, also mit Zucker süßen oder bestreuen.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| 2 ayr detter | yolk Q16336079 |
| halb ron fal | rainval Q107262739 |
| ain wenig waser | water Q283 |
| ain schmaltz | animal fat Q1423543 |
| gilbs | saffron Q25434 |
| zuckers | unrefined cane sugar Q57656231 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
suben
Gewählte Lesart: Die Lesart ‚Süppchen‘ (eine kleine Suppe oder ein flüssiges Gericht) wurde gewählt.
Andere mögliche Lesart:
ron fal
Gewählte Lesart: ‚Ron fal‘ wurde als dialektale Schreibweise von ‚Rainfal‘, einem historischen Süßwein, interpretiert.
Andere mögliche Lesart:
gewirflet
Gewählte Lesart: ‚Gewirflet‘ wurde als ‚gewürfelt‘ übersetzt, was eine gängige Schnittform für Brot in der mittelalterlichen Küche ist.
Andere mögliche Lesart:
das brott gewirflet (Brotart)
Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Brotart; für die Praxisempfehlung wird geröstetes oder altbackenes Brot angenommen, damit die Würfel in der heißen Flüssigkeit nicht sofort zerfallen.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 26.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.