Grüner Ingwer aus Trockenware eingemacht
Walther Hermann Ryff, Der Erste Theyl der kleynen Teütschen Apoteck, Confect oder Latwergen büchlins (Straßburg: Samuel Emmel 1562), Auswahl aus Teil I–III und V samt Konfekt-Anhang, Bl. 4r–90r · Straßburg · 1562
Ingwer ist zwar ein fremdes Gewächs und wird von jenseits des Meeres aus Arabien herbeigebracht. Doch ist er uns so geläufig, dass wir ihn in fast keiner Speise entbehren können.
Dieses Gewürz, so berichten uns jene, die es in Indien gesehen haben, kriecht mit einer knotigen Wurzel weit unter der Erde umher. Sie treibt überall neue Würzelchen hervor und bringt im Jahr wohl zwei- oder dreimal frische, neu gewachsene Blättlein, die dem Gras sehr gleichen. Diese Wurzel soll in jener Gegend sehr häufig sein, sodass nichts leichter zu haben sei. Am besten wird sie ausgegraben, wenn die Blättlein oder das Kraut verdorren.
Diese Wurzel wird sehr bald von Würmern durchstochen. Darum wird sie von den Kaufleuten mit roter Erde gefärbt, damit man das nicht sieht und der Ingwer durch die Anfeuchtung und die Erde viel gewichtiger und schwerer wird.
Solange die Wurzeln noch grün und frisch sind und von den Würmern noch nicht zerstochen, soll man sie in Honig oder Zucker einlegen. Weil wir sie aber nicht so frisch haben können, müssen wir den gedörrten weißen Ingwer nehmen, den schönsten und besten auslesen, wieder anfeuchten und grün machen, und zwar so: Nimm den besten, schönsten weißen Ingwer, den du bekommen kannst. Hättest du aber keinen weißen, so wasche die rote Farbe, mit der der gemeine Mann betrogen wird, herunter, so viel du willst.
Mache dir eine gute, scharfe Lauge aus Drusenasche, schütte sie über den Ingwer und lass ihn gut erweichen, bis die oberste Haut nachgibt. Schäle sie dann sauber herunter und reinige den Ingwer gut von allen Fäserlein. Gieße frische Lauge darüber und lass ihn so lange stehen, bis der Ingwer weich genug wird. Ist die Lauge scharf, geht es desto schneller. Gib aber gut acht, dass er nicht zu weich wird und alle seine Kraft verliert, denn dann wäre er ganz verdorben. Darum musst du ihn fleißig beobachten, oft eine, zwei oder drei Zehen auseinanderschneiden und ansehen, ob er durchweicht ist.
Wenn er recht und nach deinem Gutdünken gut durchweicht ist, sollst du mit einem sehr dünnen Schreibmesserlein, so klein und dünn du es nur haben kannst, die harten Äderlein im Inneren des Ingwers durchstechen und abschneiden. So wird der Ingwer fein mürbe.
Ist er so gebeizt und durchstochen, gieße die Lauge ab und wasche den Ingwer gut mit frischem Wasser, damit sich die Lauge gut abspült und herausgezogen wird. Du kannst ihn auch über Nacht in solchem frischen Wasser liegen lassen und am Morgen wieder sauber waschen, doch behutsam, damit die durchstochenen Zehen nicht zerbrechen. Das kann zwei oder drei Tage lang geschehen, so lange, bis man sieht, dass die Lauge ganz abgespült und herausgezogen ist und das Wasser von der Lauge nicht mehr glatt ist.
Dann schütte den Ingwer auf ein Tuch, lass ihn gut trocknen und das Wasser davon abrinnen. Wenn die Tücher nass werden, lege wieder trockene darunter. Tu das so lange, bis er keine Feuchtigkeit mehr von sich gibt. Du kannst ihn auch auf Haarsieben so trocknen.
Ist er genug getrocknet, so mache einen Sirup aus Zucker oder Honig, oder halb Honig und halb Zucker, nach deinem Gefallen, wie in den ersten zwei Kapiteln des ersten Teils deutlich angezeigt ist, und gieße ihn über den Ingwer. Zieht der Sirup dann etwas Feuchtigkeit aus dem Ingwer an sich und wird zu dünn, so musst du ihn wieder abgießen und noch einmal sieden, so lange, bis er recht und dick genug wird.
So eingelegter Ingwer ist nach Ryff sehr gut und nützlich bei allen Gebrechen und Krankheiten des Leibes, die aus kalter Materie erwachsen, besonders bei erkaltetem Magen, schwacher Verdauung und dem Aufstoßen oder dem Aufsteigen von Dünsten aus dem Magen. Er diene allen kalten und feuchten Personen. In allen hitzigen Krankheiten solle er wie Gift gemieden werden, denn er sei sehr hitzig. Er solle allein, wie oben gesagt, bei kalten Krankheiten und kalten Flüssen und bei allem, was erkaltet ist, gebraucht werden. Auch den alten Männern, die erkaltet sind und ihre männliche Kraft verloren haben, werde er nützlich gegeben, damit sie erwärmt zu ihrer männlichen Stärke kommen.
Dieser Ingwer lässt sich in einem zinnernen Gefäß oder in glasiertem Geschirr lange Zeit gut aufbewahren. In hölzernen Fässlein dörrt er zu schnell aus.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| gedörten weiſſen Jngber | gedörrter weißer Ingwer | - | Gewürzhandel | - |
| ſcharpffe laug von trůſen äſchen | scharfe Lauge aus Drusenasche | - | - | - |
| friſchem waſſer | frisches Wasser | - | - | - |
| Zucker oder Honig/ oder halb Honig vnnd halb Zucker | Zucker oder Honig, oder halb Honig und halb Zucker | - | - | - |
Was ist das? Ingwer in Sirup, wie man ihn heute als eingelegten Ingwer kennt. Ryff hat keinen frischen Ingwer. Er macht deshalb getrockneten weißen Ingwer wieder weich und saftig, also grün, und legt ihn dann in Sirup aus Zucker oder Honig ein.
Die Lauge. Drusen sind der Bodensatz der Weinbereitung (Hefe, auch Trester und Weinstein). Aus ihrer Asche macht Ryff eine scharfe Lauge. Sie löst zuerst die oberste Haut, danach erweicht frische Lauge den Ingwer. Die Grenze nennt Ryff selbst: weich genug, aber nicht so weich, dass er seine Kraft verliert. Deshalb wird immer wieder eine Zehe aufgeschnitten und angesehen.
Mürbe machen und auswässern. Mit einem sehr dünnen Federmesser werden die harten Fasern im Inneren durchstochen und abgeschnitten. Danach wird die Lauge über zwei oder drei Tage ausgewaschen, auch über Nacht in frischem Wasser. Das Zeichen für das Ende ist, dass sich das Wasser nicht mehr glatt anfühlt.
Trocknen und Sirup. Der Ingwer muss trocken sein, bevor der Sirup darüberkommt, denn jedes Wasser im Ingwer verdünnt den Sirup. Wird er trotzdem dünn, gießt man ihn ab und siedet ihn nach, bis er dick genug ist. Wie der Sirup gemacht wird, steht bei Ryff nicht hier, sondern in den beiden ersten Kapiteln des ersten Teils: Kap. I vom Honig (Bl. 1r-2r: Honig mit Wasser sieden und ständig abschäumen) und Kap. II vom Zucker (Verfahren Bl. 3r: Zucker mit geschlagenem Eiklar klären, durch ein Wolltuch seihen und zur Dicke eines Sirups sieden). Beide Kapitel sind hier nicht als eigene Rezepte aufgenommen.
Praxis. Ryffs erster Satz gilt auch heute: Frischer Ingwer kommt ohne Lauge gleich in Honig oder Zucker. Wer den Weg über die Trockenware nachgehen will, braucht eine Lauge. Sie ist ätzend: Haut und Augen schützen und so lange auswässern, wie Ryff es verlangt. Siedender Zucker und Honig verbrühen. Aufbewahren wie bei Ryff in einem glasierten oder zinnernen Gefäß, nicht im Holzfässchen.
Was ist die Lauge aus Drusenasche?
Drusen sind der Bodensatz, der bei der Weinbereitung zurückbleibt, vor allem die Hefe. Aus ihrer Asche macht Ryff eine scharfe Lauge. Sie löst die Haut des getrockneten Ingwers und macht ihn weich. Danach wird sie zwei oder drei Tage lang ausgewaschen, bis sich das Wasser nicht mehr glatt anfühlt. Die Lauge ist ätzend.
Ist das für die Lagerküche geeignet?
Ja, als Vorrat. Das Laugen, Auswässern und Trocknen dauert mehrere Tage und gehört nach Hause. Der fertig eingemachte Ingwer hält sich nach Ryff in einem zinnernen oder glasierten Gefäß lange, im Holzfässchen trocknet er zu schnell aus.
Wie viel Zucker oder Honig braucht der Sirup?
Ryff nennt keine Mengen. Zucker, Honig oder halb und halb nach Gefallen. Wie der Sirup gemacht wird, steht in den beiden ersten Kapiteln seines ersten Teils (Honig läutern, Zucker klären). Entscheidend ist die Probe: Wird der Sirup dünn, weil der Ingwer Wasser abgibt, wird er abgegossen und nachgesotten, bis er dick genug bleibt.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Ryff: Confect oder Latwergen büchlin (1562, Straßburg). Aus Ryffs Apothekenbuch die Stücke für Küche und Keller: Latwergen aus Quitten, Kirschen, Pflaumen, Johannisbeeren, Berberitzen, Maulbeeren, Holunder und Hagebutten, eingemachter Ingwer, grüne Walnüsse, Quitten, Weichseln, Birnen, Pfirsiche und Pomeranzen, süßsauer eingemachte rote Rüben und Mangold, Obst gedörrt und frisch über den Winter gebracht, Rosen-, Veilchen- und Rosmarinzucker, Ypocras, Claret und Lautertrank, Kräuter- und Beerenweine, zwei Marzipane und der Met nach dem Brauch in Riga, Reval und Polen.
- grůn
Gemeint ist frisch und saftig, nicht die Farbe. Den Ingwer grün machen heißt, den getrockneten wieder weich und saftig zu machen.
- zehen
So nennt Ryff die einzelnen Glieder der verzweigten Wurzel, wie man heute von Knoblauchzehen spricht.
- ſchꝛeibmeſſerlin
Ein kleines Messer der Schreibstube, mit dem man Federn zuschnitt und radierte (Federmesser).
- härin ſiben
Haarsiebe, also Siebe mit einer Bespannung aus Rosshaar.
Normdaten der Zutaten
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| friſchem waſſer | water Q283 |
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
trůſen äſchen
Gewählte Lesart: Asche aus Drusen, dem Bodensatz der Weinbereitung (Hefe). Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch führt Drusen als Rückstand und Bodensatz der Weinbereitung, als Hefe und Trester, speziell als Weinstein.
Andere mögliche Lesart:
- Asche aus Traubentrester - Das Wörterbuch nennt auch Trester. Die Lauge wäre ähnlich; Ryff sagt nicht, welcher Rückstand gemeint ist.
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Stand dieser Fassung: 07.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
