Grüne Walnüsse in Sirup einmachen
Walther Hermann Ryff, Der Erste Theyl der kleynen Teütschen Apoteck, Confect oder Latwergen büchlins (Straßburg: Samuel Emmel 1562), Auswahl aus Teil I–III und V samt Konfekt-Anhang, Bl. 4r–90r · Straßburg · 1562
Wie man die unreifen Welschen Nüsse einmacht, ist sehr allgemein und jedermann bekannt. Man braucht sie nicht viel zur Arznei, sondern isst sie nur zum Vergnügen, abends nach dem Nachtmahl zu einem Schlaftrunk. Man kann sie auf vielerlei Art zubereiten.
Vorbereiten der Nüsse: Pflücke sie um Sankt Johannis, ehe sie innen hart werden und Schalen bekommen. Durchlöchere sie mit einem harten, spitzen Holz und durchstich sie kreuzweise. Etliche schälen sie vorher. Dann lege sie in frisches Wasser, neun oder zehn Tage lang. Dieses Wasser soll man am Tag ein- oder zweimal erneuern, so lange, bis die Nüsse ihren herben Geschmack verlieren und ihre Bitterkeit vergangen ist. Dann gib sie in einen Kessel und siede sie gemächlich, bis sie weich und mürbe genug werden. Gib aber besonders acht, dass sie nicht zu lange sieden und ganz zu Mus werden.
Die erste Weise, gespickt: Trockne sie dann gut auf einem Sieb, wie oft gesagt ist, und bespicke sie mit Zimt, Nelken und zerschnittenen eingemachten Pomeranzenschalen. Mach dazu einen Sirup aus Honig oder Zucker und lass ihn gut sieden, bis er die rechte Dicke hat. Wenn du ihn vom Feuer hebst, so leg die bespickten Nüsse hinein, lass sie erkalten und beschwere sie, damit sie nicht nach oben schwimmen. Zieht der Sirup danach etwas Feuchtigkeit an sich, so lass ihn sachte über einem sanften Kohlenfeuer sieden, bis er dick genug wird.
Die zweite Weise, ungespickt: Etliche bespicken die Nüsse nicht, mischen aber gutes Gewürz, nämlich Zimt, Ingwer, Nelken, Muskatnuss, Galgant, Kardamom und Kubeben, fein gestoßen, unter den warmen Honig und legen ihre Nüsse hinein. Das ist kein schlechter Gedanke.
Wirkung und Gebrauch: Diese eingemachten Nüsse sollen den Magen sehr stärken und erwärmen, was wohl von den Gewürzen herrühren mag. Gewöhnlich aber werden sie, wie oben gesagt, bei großen, prächtigen Banketten und Schlaftrünken mit anderen leckeren Latwergen und Konfekten aufgetragen und unnütz auf den vollen Bauch gestopft. Mit mehr Recht sollte man damit die armen Kranken laben, die so etwas nicht bezahlen können, als dass es so schändlich verdorben wird und niemandem zunutze kommt.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| vnzeytigen Welſchen nuß | Unreife Walnüsse | - | eigener oder befreundeter Walnussbaum; nur um Johannis (Ende Juni) | - |
| friſch waſſer | Frisches Wasser | - | - | - |
| Zimmet | Zimt | - | - | - |
| Nägelin | Nelken | - | - | - |
| eingemachten Pomerantzen ſchölfen | Eingemachte Pomeranzenschalen | - | - | Orangeat |
| Honig oder Zucker | Honig | - | - | Zucker (nur für den Sirup der ersten Weise) |
| Jngber | Ingwer | - | - | - |
| Muſcatnuß | Muskatnuss | - | - | - |
| Galgan | Galgant | - | gut sortierter Gewürzhandel | - |
| Cardomömlin | Kardamom | - | - | - |
| Cubeben | Kubeben | - | gut sortierter Gewürzhandel | - |
Was ist das? Unreife grüne Walnüsse, ganz eingemacht: durchstochen, tagelang gewässert, weichgesotten und in einen Sirup aus Honig oder Zucker gelegt. Ryff nennt das Verfahren allgemein bekannt, und dieselbe Abfolge steht in den Augsburger Kochbüchern der Zeit (Staindl, Stenglerin).
Die richtige Nuss. Gepflückt wird um Johannis (24. Juni), solange die Nuss innen noch nicht hart ist und keine Schale gebildet hat. Die Löcher, mit dem spitzen Holz kreuzweise gestochen, öffnen sie für das Wasser und später für den Sirup. Das Schälen ist bei Ryff eine Variante („etliche“), der Hauptweg nimmt die Nuss ungeschält.
Wässern und Sieden. Neun oder zehn Tage in frischem Wasser, das ein- oder zweimal am Tag gewechselt wird. Ryffs Endzeichen ist der Geschmack: bis Herbe und Bitterkeit vergangen sind. Dann gemächlich sieden, bis die Nüsse weich und mürbe sind, aber nicht so lange, dass sie zu Mus zerfallen. Auf dem Sieb gut abtrocknen, damit kein Wasser in den Sirup kommt.
Sirup und Nachkochen. Eine Menge oder ein Verhältnis nennt Ryff nicht, nur „zu rechter Dicke“. Die gespickten Nüsse kommen erst hinein, wenn der Sirup vom Feuer genommen ist, kühlen darin ab und werden beschwert, damit sie nicht aufschwimmen. Ziehen sie Wasser in den Sirup und wird er dünn, kocht man ihn über sanftem Kohlenfeuer nach, bis er wieder dick genug ist. Ob die Nüsse dabei im Sirup bleiben, sagt der Text nicht.
Die zweite Weise. Ungespickt, in warmem Honig mit fein gestoßenem Zimt, Ingwer, Nelken, Muskat, Galgant, Kardamom und Kubeben. Mengen nennt Ryff auch hier nicht; was man nimmt, bleibt dem Geschmack überlassen.
Praxis. Die Dicke des Sirups muss man selbst finden: er soll die Nüsse decken und nach dem Erkalten dick sein. Ein Gefäß nennt Ryff nicht; heute nimmt man ein sauberes Einmachglas. Den Sirup später prüfen und, wenn er dünn geworden ist, nachkochen wie beschrieben. Heutiger Hinweis: Der Saft der grünen Nüsse färbt die Haut braun, beim Stechen und Schälen Handschuhe tragen. Siedender Honig und Zuckersirup verbrühen leicht.
Wann und wo bekomme ich unreife Walnüsse?
Vom Walnussbaum um Johannis (24. Juni). Ryff will sie, ehe sie innen hart werden und eine Schale bilden; später im Sommer ist es zu spät. Heutiger Hinweis: Der Saft färbt die Haut braun, Handschuhe tragen.
Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?
Eingeschränkt. Das Wässern über neun oder zehn Tage und das Weichsieden geschehen vorher zu Hause; das fertige Eingemachte ist Vorrat, und im Lager bleibt das Nachkochen des Sirups über sanftem Kohlenfeuer.
Warum werden die Nüsse so lange gewässert?
Ryff sagt es selbst: Das Wasser wird ein- oder zweimal am Tag erneuert, bis die Nüsse ihren herben Geschmack verlieren und die Bitterkeit vergangen ist.
Was ist der Unterschied zwischen den beiden Weisen?
Bei der ersten Weise werden die Nüsse mit Zimt, Nelken und Pomeranzenschale gespickt und in einen Sirup aus Honig oder Zucker gelegt. Bei der zweiten bleiben sie ungespickt und kommen in warmen Honig, unter den fein gestoßenes Gewürz gemischt ist: Zimt, Ingwer, Nelken, Muskat, Galgant, Kardamom und Kubeben.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Ryff: Confect oder Latwergen büchlin (1562, Straßburg). Aus Ryffs Apothekenbuch die Stücke für Küche und Keller: Latwergen aus Quitten, Kirschen, Pflaumen, Johannisbeeren, Berberitzen, Maulbeeren, Holunder und Hagebutten, eingemachter Ingwer, grüne Walnüsse, Quitten, Weichseln, Birnen, Pfirsiche und Pomeranzen, süßsauer eingemachte rote Rüben und Mangold, Obst gedörrt und frisch über den Winter gebracht, Rosen-, Veilchen- und Rosmarinzucker, Ypocras, Claret und Lautertrank, Kräuter- und Beerenweine, zwei Marzipane und der Met nach dem Brauch in Riga, Reval und Polen.
- vnzeytigen Welſchen nuß
Unzeitig heißt unreif. Gemeint sind grüne Walnüsse, gepflückt, ehe sich innen die Schale bildet.
- Sanct Johans tag
Johannistag, 24. Juni.
- Latwergen
Latwerge ist bei Ryff ein eingedicktes Frucht- oder Saftmus mit Zucker oder Honig, in Schachteln gegossen oder in Stücken geschnitten. Hier steht sie neben dem Konfekt auf der Banketttafel.
- Cubeben
Kubebenpfeffer (Piper cubeba), ein Pfeffer, dessen Früchte mit einem Stielchen gehandelt werden.
Normdaten der Zutaten
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| friſch waſſer | water Q283 |
| Zimmet | cinnamon Q28165 |
| Nägelin | clove Q15622897 |
| Honig oder Zucker | honey or unrefined cane sugar Q10987 · Q57656231 |
| Galgan | lesser galangal Q27653540 |
| Cubeben | cubeb Q161927 |
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
billicher
Gewählte Lesart: „mit mehr Recht“: billich heißt im Frühneuhochdeutschen angemessen, gerecht, zu Recht (FWB; DWB „jure, merito“). Ryff meint, die armen Kranken hätten eher ein Recht auf das Konfekt.
Andere mögliche Lesart:
- „billiger“ im Sinn von preiswerter - Die Bedeutung „wohlfeil“ ist jünger und ergibt im Satz keinen Sinn; der Vergleich lautet „mit mehr Recht ... als dass es verdorben wird“.
Etlich ſchölen ſie voꝛ
Gewählte Lesart: Variante: Manche schälen die grüne Außenhaut ab, ehe sie die Nüsse wässern; der Hauptweg nimmt sie ungeschält, nur durchstochen.
Andere mögliche Lesart:
- Schälen als fester Arbeitsschritt für alle - „Etlich“ (manche) kennzeichnet bei Ryff durchweg eine Variante; Longe und Rumpolt schälen bzw. nehmen die Nüsse „mit den Schalen“, die Praxis war also geteilt.
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Stand dieser Fassung: 07.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
