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Kirsch-Gewürz-Trank

Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 · Wien, vermutlich Augustiner-Chorherrenstift St. Dorothea (Besitzvermerke 15. Jh. auf Bl. 1r, 15r, 28v, 54v, 91v) · 1450

BochetGetränkLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen1 Fass (ca. 50 Liter)BuchWien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 (~1450)

Nimm weiche, reife Sauerkirschen, ein oder zwei Multer voll, oder so viel du haben möchtest. Lass sie absieden und seihe sie zwei- oder dreimal durch.

Wenn du einen Kirschtrank haben möchtest, so sollst du ihn vergären lassen und ihn so lange liegen lassen, bis neuer Wein kommt. Nimm den besten Most, den du bekommen kannst, lass ihn sieden und vergären. Wenn er gut vergoren ist, gieße ihn hinzu, sodass es nicht zu viel ist. So bleibt er bei seiner Farbe.

Wenn du den Trank gut haben möchtest, so gib Gewürze hinzu. Nimm ein Säckchen und gib die Gewürze hinein: Ingwer, Galgant, Zimt und Nelken. Du sollst auch Paradieskörner und Galgant haben. Das sollst du zerstoßen lassen. Nimm ein Viertel Pfund davon und hänge es daran. Und gib es in das Fass. Den Galgant und den Zimt schneide und gib alle Gewürze in das Säckchen und hänge es oben zum Spundloch hinein. Und versiegele es gut. Wenn es zu stark wird, so nimm das Säckchen heraus und trockne es beim Ofen und lass es einstehen. So wird es gut.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
weichsel dy zeytig sein der nym ein multer vol oder zwo oder wy vil du wild habem Reife Sauerkirschen - Wochenmarkt, Supermarkt -
den pesten most den du macht gehabem Traubenmost - Winzer, gut sortierter Supermarkt -
nym ein sekchel vnd du das gwurcz dorin Ingwer galgant chanel vnd zimey vnd neglein solt habem dy paris chorner vnd den gamel den soltu stossen lassen nym ein virdung den heng doran Gewürzmischung (Ingwer, Galgant, Zimt, Nelken, Paradieskörner) 125 g gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -

Welches Gericht ist das? Ein vergorenes Sauerkirsch-Most-Getränk, das nach der Gärung mit einem Gewürzsäckchen im Fass aromatisiert wird - ein Vorläufer des heutigen Kirschweins. Die Technik des Gewürzsäckchens im Spundloch entspricht im Prinzip dem modernen Dry-Hopping beim Bierbrauen: Aromatisierung nach der Gärung statt durch Kochen. Mit Glühwein hat der Trank nichts zu tun, er wird nicht erhitzt, sondern kalt im Fass gezogen.

Absieden und Seihen. Die Sauerkirschen werden eingekocht, bis sie Saft ziehen, danach zwei- bis dreimal durchgeseiht. Das trennt Fruchtfleisch und Kerne von der klaren Flüssigkeit; eine gesonderte Entkernung braucht es vorher nicht, weil ohnehin alles im Sieb landet.

Getrennt ansetzen. Kirschsaft und Traubenmost werden separat vergoren und erst danach zusammengegossen - so bleibt das Getränk laut Text farbstabiler, als würde man beides von Anfang an mischen.

Das Gewürzsäckchen. Ingwer, Galgant, Zimt, Nelken und Paradieskörner (zusammen ein Viertelpfund, ca. 125 g) kommen zerstoßen in ein Säckchen, das oben ins Spundloch gehängt und mit dem Fass verschlossen wird. Wird der Trank zu stark gewürzt, nimmt man das Säckchen heraus, trocknet es am Ofen und kann es später wiederverwenden - eine period-typische, reversible Dosierung ohne moderne Ersatztechnik.

Praxis. Kirschen absieden und mehrfach durchseihen lässt sich am Feuer nachvollziehen. Bei der Gärung selbst bleibt der Text offen: welche Hefe, welches Gefäß, welche Temperatur - das sagt er nicht, und das war im 15. Jahrhundert auch nicht nötig, weil Wildhefen und Raumtemperatur reichten. Für eine heutige Nachkoch-Anleitung lässt sich das ohne zusätzliche, textfremde Annahmen nicht seriös festlegen; wer es ausprobieren will, arbeitet mit den historisch belegten Zutaten (Sauerkirschen, Traubenmost) und beobachtet die Gärung, statt eine moderne Reinzuchthefe als Standard vorzuschreiben. Das fertige Getränk braucht Wochen bis Monate bis zum nächsten Herbst - kein Spontan-Lagergericht, sondern ein Vorratstrank.

Was ist ein 'Kerstrankch'?

Dies ist ein fermentiertes Getränk, ähnlich einem Fruchtwein oder Met, das aus Kirschen und Traubenmost hergestellt wird. Der Name leitet sich von ‚Kirsche‘ ab.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt (Aufwand): Die Gärung der Kirschen und des Mosts erfordert mehrere Wochen bis Monate. Die aktive Zubereitung des Gewürzsacks ist einfach, aber das Endprodukt ist ein Lagergetränk, das Zeit braucht und ein Fass zur Lagerung erfordert. Es ist eher ein Vorratstrank als ein spontanes Lagergericht.

Was bedeutet 'ver yessen lassen' im Rezept?

Dies bezieht sich auf den Gärungsprozess, bei dem die Flüssigkeit fermentiert wird, ähnlich wie bei der Weinherstellung. Die Kirschen und der Most werden also zu einem alkoholischen Getränk vergoren.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 (Mitte 15. Jh. - Teil I). CoReMA-Handschrift W1 (Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897): dreiteilige Sammelhandschrift, Teil I (Kochrezepte, Bl. 1r-53v) aus der Mitte des 15. Jh., Teil III älter (Mitte 14. Jh.). Textlicher Zwilling von B4 (Berlin, Ms. germ. qu. 1187) - beide überliefern u.a. dasselbe "grün Met"-Rezeptpaar fast wortgleich.

Ain kerstrankch NIm weichsel dy zeytig sein der nym ein multer vol oder zwo oder wy vil du wild habem dy lass ab syeden vnd slachs durich ij oder iij wildu ein kerstrankch habem so soltu in veriesen lasen vnd loss in ligen also lang bis das newur wein kumpt nym den pesten most den du macht gehabem den la sieden vnd lass in veriesen wann er wol veriesen sey denn geus dorin das es nicht zu uil sey so beleibt es bey seiner varb wiltu den trankch gut habem so tu vvrcz doran nym ein sekchel vnd du das gwurcz dorin Ingwer galgant chanel vnd zimey vnd neglein solt habem dy paris chorner vnd den gamel den soltu stossen lassen nym ein virdung den heng doran vnd tu es in das vas den galgant vnd den zimey dy sneid vnd tu dy gwuercz alle in das sekchlen vnd henkchs obem zu dem peil in vnd verpeil es schon wann es wer zu starkch so nym das sekchlen herraus vnd trukchen es bey dem ofem vnd lass in stan so wirt er gut
weichsel

‚Weichsel‘ ist der bairische Fachbegriff für die Sauerkirsche (Prunus cerasus) - kein Adjektiv ‚weich‘ mit Pronomen. Auch im eigenen Korpus belegt (mon-015).

kerstrankch

Ein Kirschtrank, hier ein fermentiertes Getränk aus Kirschen und Most, ähnlich einem Fruchtwein oder Met.

multer

Eine ‚Multer‘ war ein historisches Hohlmaß oder ein Behälter, dessen genaue Größe regional variieren konnte. Für dieses Rezept kann man eine beliebige große Schüssel oder einen Eimer verwenden.

veriesen lasen

Vergären lassen. Der Begriff ‚yessen‘ ist hier im Sinne von Fermentation zu verstehen.

most

Unvergorener Traubensaft, auch als Federweißer bekannt.

chanel / zimey

Beide Begriffe bezeichnen Zimt. Es könnte sich um verschiedene Qualitäten oder Formen handeln, oder um eine schlichte Wiederholung des Schreibers.

paris chorner

Paradieskörner, ein pfefferartiges Gewürz aus der Ingwerfamilie.

gamel

Eine weitere Bezeichnung für Galgant, ein Ingwergewächs.

ein virdung

Ein Viertel, hier vermutlich ein Viertel Pfund (ca. 125 g) als Mengenangabe für die Gewürze.

vas

Fass, ein großes Holzgefäß zur Lagerung von Flüssigkeiten.

sekchlen

Ein kleines Säckchen, hier zum Aufhängen der Gewürze im Fass.

peil

Das Spundloch eines Fasses, durch das Flüssigkeiten eingefüllt oder entnommen werden.

verpeil es schon

Verschließe das Fass gut und luftdicht.

in stan

Einstehen lassen, ziehen lassen.

Handschrift
Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897
Folio
Fol. 029v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch)
Entstehung
Wien, vermutlich Augustiner-Chorherrenstift St. Dorothea (Besitzvermerke 15. Jh. auf Bl. 1r, 15r, 28v, 54v, 91v), 1450
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

den pesten most den du macht gehabemfruit juice Q20932605
nym ein sekchel vnd du das gwurcz dorin Ingwer galgant chanel vnd zimey vnd neglein solt habem dy paris chorner vnd den gamel den soltu stossen lassen nym ein virdung den heng doranspice Q42527

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartchanel vnd zimey

Gewählte Lesart: Beide Begriffe bezeichnen Zimt. Wir haben sie in der Zutatenliste als eine Position zusammengefasst.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Begriffe könnten unterschiedliche Qualitäten oder Formen von Zimt (z.B. Cassia-Zimt und Ceylon-Zimt) bezeichnen. - Historisch gab es verschiedene Zimtsorten und -qualitäten im Handel. Die CoReMA-Glosse verweist jedoch für beide auf dieselbe Wikidata-ID für Zimt (Q28165), was eine Unterscheidung erschwert.

Lesartgalgant vnd den gamel

Gewählte Lesart: Beide Begriffe bezeichnen Galgant. Wir haben sie in der Zutatenliste als eine Position zusammengefasst.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Begriffe könnten unterschiedliche Arten von Galgant (z.B. Großer und Kleiner Galgant) bezeichnen. - Ähnlich wie bei Zimt gab es auch bei Galgant verschiedene Varianten. Die CoReMA-Glosse verweist jedoch für beide auf dieselbe Wikidata-ID für Kleinen Galgant (Q27653540), was eine Unterscheidung erschwert.

Lesartein virdung den heng doran

Gewählte Lesart: ‚Ein Viertel‘ - wir interpretieren dies als ‚ein Viertel Pfund‘ (ca. 125 g) der gesamten Gewürzmischung, die in das Säckchen gegeben wird.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Ein Viertel‘ könnte sich auf ein Viertel eines anderen, nicht genannten Hohlmaßes beziehen, das für die Gewürze verwendet wird. - Die Einheit ‚Virdung‘ (Viertel) ist ohne spezifische Mengenangabe (z.B. Pfund, Lot) mehrdeutig. Im Kontext von Gewürzen für ein Fass ist ein Viertel Pfund jedoch eine plausible und übliche Menge - auch in w1-194 belegt.

Lesartveriesen lasen

Gewählte Lesart: Vergären lassen. Der Begriff ‚yessen‘ ist hier im Sinne von Fermentation zu verstehen.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Begriff könnte eine Form von ‚jessen‘ (sieden, aufwallen) sein, was im Kontext der Gärung weniger passend wäre. - Obwohl ‚jessen‘ auch ‚sieden‘ bedeuten kann, legt der Kontext von ‚newer wein kumbt‘ und ‚most‘ eine alkoholische Gärung nahe, um ein Getränk herzustellen.

Lesarthenkchs obem zu dem peil in

Gewählte Lesart: Häng es oben zum Spundloch hinein. Das ‚peyl‘ ist das Spundloch des Fasses.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Peyl‘ könnte sich auf einen Zapfen oder Stöpsel beziehen, an dem das Säckchen befestigt wird. - Obwohl ‚Peyl‘ auch einen Zapfen bedeuten kann, ist das Spundloch die logische Öffnung, um ein Gewürzsäckchen in ein Fass zu hängen.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 029v, Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), W1 - CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/w1-268
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Die Gärung der Kirschen und des Mosts erfordert mehrere Wochen bis Monate. Die Zubereitung des Gewürzsacks ist einfach, aber das Endprodukt ist ein Lagergetränk, das Zeit braucht und ein Fass zur Lagerung erfordert.
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Stand dieser Fassung: 26.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.