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Hasen-Vorderteil in Wein gedämpft

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen2-4 PersonenBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm das Vorderteil vom Hasen und setze es in Wein zu kochen.

Wenn es fast gar ist, gib Zucker, Gewürznelken und Ingwer hinzu und lass es so dämpfen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
das vorder vom haſen Hase (Vorderteil) - Wildhändler, gut sortierter Metzger Kaninchen
ainem wein Wein - - -
zucker Zucker - - -
negele Gewürznelken - - -
imber Ingwer - - -

Welches Gericht ist das?

Ein in Wein geschmortes bzw. gedämpftes Hasen-Vorderteil (Schulter/Brust) mit Zucker, Gewürznelken und Ingwer - ein einfaches Ein-Topf-Gericht, keine Pastete: der Text erwähnt weder eine Teighülle noch einen Hafen zum Backen, das Fleisch wird direkt in Wein gesotten und anschließend gedämpft. Wein, Zucker und warme Gewürze bei Wildfleisch haben bis heute lebendige Verwandte in Wildschmorgerichten mit Rotwein und Gewürznelken; zu unterscheiden vom späteren essigsauren "Hasenpfeffer", dem hier Essig und Blut als Binder fehlen.

Zweiphasiges Garen.

Das Rezept beschreibt zwei Phasen: zuerst wird das Vorderteil in Wein gesotten, bis es "schier", also fast, aber noch nicht vollständig gar ist. Erst dann kommen Zucker, Nelken und Ingwer dazu - das schont die Gewürzaromen und verhindert, dass der Zucker über die volle Garzeit anbrennt. Anschließend lässt man das Gericht weiter dämpfen, sodass es gedeckt fertiggart und die Aromen ziehen können. Eine Bindung entsteht allein durch das Einkochen des Weins, ein separates Bindemittel nennt der Text nicht.

Praxis.

Hasenschulter oder -brust in einem Topf mit Wein bedeckt bei mittlerer Hitze knapp unter dem Siedepunkt gar ziehen lassen, bis das Fleisch fast durch ist. Dann Zucker, ganze Gewürznelken und ein Stück Ingwer zugeben, den Topf abdecken und bei reduzierter Hitze fertiggaren, bis das Fleisch komplett durch ist. Wildhase aus Sicherheitsgründen immer vollständig durchgaren statt rosa servieren - das deckt sich hier ohnehin mit der historischen Praxis, da der Text von Anfang an ein zweiphasiges, längeres Garen vorsieht.

Was bedeutet 'ein gemacht' im Rezepttitel?

'Ein gemacht' bezeichnet im Mittelalter eine Zubereitung oder eine angemachte Sauce. Es ist keine Zutat, sondern der Name des Gerichts oder einer seiner Komponenten.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, gut geeignet. Die Zubereitung ist einfach und erfordert nur einen Topf und eine Feuerstelle. Der Hase muss gekühlt transportiert werden, aber die Kochzeit ist überschaubar.

Was ist mit 'dempfen' gemeint?

'Dempfen' bedeutet hier sinngemäß ein sanftes Fertiggaren im eigenen Dampf, nachdem das Fleisch schon fast durchgekocht ist. Ob dabei ein Deckel verwendet wurde, sagt der Text nicht ausdrücklich - naheliegend ist es, belegt ist es nicht.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Ein gemacht Hasen. Item nimb das vorder vom haſen, ſetz in ainem wein zu vnd wann er ſchier geſotten iſt, ſo thu zucker negele imber daran, vnd laß alſo dempfen.
ein gemacht

Eine Zubereitung oder angemachte Sauce. Im Mittelalter bezeichnete 'ein gemacht' oft eine spezifische Art der Zubereitung, insbesondere eine Würzsauce oder eine Beilage, die zu einem Hauptgericht gereicht wurde. Der Begriff findet sich buchübergreifend in Kochbüchern dieser Zeit (u.a. koe-032, mon-255, b4-161, w1-164, so1-037).

vorder vom haſen

Das Vorderteil eines Hasen, typischerweise Schulter oder Brust, das sich gut zum Schmoren oder Kochen eignet.

negele

Gewürznelken, die getrockneten Blütenknospen des Nelkenbaums, ein beliebtes Gewürz im Mittelalter.

imber

Ingwer, eine aromatische Wurzel, die im Mittelalter als Gewürz sehr geschätzt wurde.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Fleisch, Fisch und Saucen
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

das vorder vom haſenhare Q55557452
ainem weinwine Q282
zuckerunrefined cane sugar Q57656231
negeleclove Q15622897
imberginger Q15046077

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartEndgültiger Garzustand

Gewählte Lesart: Vollständiges Durchgaren - deckt sich mit der im Text angelegten Zweiphasigkeit (erst in Wein sieden bis "schier" gar, dann weiter dämpfen), die schon historisch auf vollständiges Garen hindeutet. Zusätzlich moderner Sicherheitsgrund: Wildhase kann Krankheitserreger (u.a. Tularämie) übertragen, daher unabhängig vom Rezepttext vollständig durchgaren.

Andere mögliche Lesart:

  • Bewusst kürzere Garzeit / rosafarbenes Fleisch - Der Text nennt keinen expliziten Endzustand über "schier geſotten ... dann dempfen" hinaus. Diese unterschossene Lesart ist aus dem Text selbst aber nicht ableitbar - die vorgesehene Zweiphasigkeit spricht dagegen.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 018, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Die Zubereitung ist einfach und erfordert nur einen Topf und eine Feuerstelle. Der Hase muss gekühlt transportiert werden, aber die Kochzeit ist überschaubar.
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Stand dieser Fassung: 15.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.