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Eingemachte Pomeranzenschalen

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

DessertNachspeiseMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen1 Glas ~500 mlBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Schneide die weißen Häute der Pomeranzenschalen sauber davon. Gib Wein dazu und lass die Schalen drei Tage und drei Nächte darin liegen. Schneide sie klein wie Kuttelfleck. Gib jeden Tag einen frischen Wein daran.

Nimm danach einen guten frischen Zucker und läutere ihn. Trockne die Pomeranzenschalen gut. Gib sie in ein Glas und füge den geläuterten Zucker hinzu.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Bomerantzenschelffen Pomeranzenschalen - gut sortierter Supermarkt, Wochenmarkt Schalen von Bio-Orangen
ain wein Wein - - -
ain gutten friſchen zucker Zucker - - -

Welches Gericht ist das? Eingemachte Pomeranzenschalen - ein früher Verwandter des heutigen Orangeats, wie es in Stollen und Früchtebrot steckt. Der Originaltitel lautet Eingemacht Bomerantzenschelffen, nicht kandiert: Der Zucker wird hier nur einmal zu den bereits getrockneten Schalen ins Glas gegeben, es gibt keinen mehrfachen Sirup-Kochzyklus wie beim verwandten Rezept std-226 (Kandierte Pomeranzen- und Zitronenschalen), das die Schalen acht Tage im kochenden Zuckersirup zieht. Im selben Buch steht mit mst-109 eine zweite, kürzere Fassung: dort werden die Schalen kurz aufgekocht statt drei Tage in Wein eingelegt.

Der Wein-Schritt. Die dicke Pomeranzenschale ist von Natur aus bitter und gerbstoffreich. Das dreitägige Einlegen in täglich frischem Wein zieht diese Bitterstoffe heraus und weicht die Schale gleichzeitig auf. Der tägliche Weinwechsel verhindert, dass sich der Sud mit ausgezogenen Bitterstoffen sättigt, und verzögert das Verderben - der Wein selbst wird nicht mitverarbeitet, er dient nur der Entbitterung.

Praxis. Weißes Mark sauber von den Schalen abschneiden, die Schalen mit Wein bedecken und drei Tage bei Zimmertemperatur ziehen lassen, dabei den Wein täglich wechseln. Anschließend in kuttelfleckgroße Stücke schneiden - handlich, aber nicht winzig. Zucker in wenig Wasser auflösen, erhitzen und den Schaum abschöpfen, bis der Sirup klar ist. Die geschnittenen Schalen gut trocknen lassen, dann zusammen mit dem geläuterten Zucker in ein Glas füllen. Da die Schalen nur luftgetrocknet und nicht im Zucker aufgekocht wurden, hält sich das Glas am besten im Kühlschrank und sollte innerhalb weniger Wochen aufgebraucht werden.

Was sind Pomeranzen und wo bekomme ich sie?

Pomeranzen sind Bitterorangen, die einen herberen Geschmack als süße Orangen haben. Ihre Schalen sind dicker und aromatischer. Du findest sie saisonal auf gut sortierten Wochenmärkten oder in manchen Supermärkten. Alternativ kannst du auch die Schalen von unbehandelten Bio-Orangen verwenden, die jedoch milder im Geschmack sind.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist nicht für die direkte Zubereitung im Lager geeignet. Es erfordert ein dreitägiges Einlegen der Schalen mit täglichem Weinwechsel und das Läutern von Zucker, was zu aufwendig für die Lagerküche ist. Es ist jedoch hervorragend geeignet, um zu Hause vorbereitet und dann als Zutat oder Süßigkeit ins Lager mitgebracht zu werden.

Was bedeutet 'Zucker läutern'?

Zucker läutern ist ein Prozess, bei dem Zucker gereinigt und geklärt wird. Man löst den Zucker in Wasser auf und erhitzt die Mischung langsam. Dabei entstehender Schaum, der Verunreinigungen enthält, wird abgeschöpft. Das Ergebnis ist ein klarer, reiner Zuckersirup, der für hochwertige Süßspeisen verwendet wird.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Eingemacht Bomerantzenschelffen. Item ſchneid die weyſſen heytte ſauber daruon, thu ain wein daran, laſs drey tag vnd drey naͤcht darin ligen, ſchneids klain wie kuttelfleck, thu alle tag ain friſchen wein daran, nimb darnach ain gutten friſchen zucker, vnd leuttere jn, vnd truͤckne die bomerantzenn fchelffen wol, thus jn ain glaſs, vnd thu den zucker darann.
heytte

Die weißen Häute, auch Albedo genannt, sind die bittere, schwammige Schicht zwischen der äußeren Schale und dem Fruchtfleisch von Zitrusfrüchten.

kuttelfleck

Kuttelfleck bezeichnet in Streifen oder Würfel geschnittene Pansenstücke aus der mittelalterlichen Küche und dient hier als Größenreferenz für die geschnittenen Pomeranzenschalen. Dieselbe Schnitt-Metapher für Pomeranzenschalen findet sich auch im Kochbuch der Sabina Welserin.

leuttere jn

Zucker läutern bedeutet, ihn zu reinigen und zu klären. Dies geschieht typischerweise durch Auflösen in Wasser und Erhitzen, wobei Verunreinigungen als Schaum abgeschöpft werden.

Pomeranzen

Pomeranzen sind Bitterorangen (Citrus × aurantium), die im Mittelalter und der frühen Neuzeit häufig für ihre Schalen und ihren sauren Saft verwendet wurden. Sie sind weniger süß als moderne Orangen.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Hausmittel und Eingemachtes
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Bomerantzenschelffenbitter orange Q147096
ain weinwine Q282
ain gutten friſchen zuckerunrefined cane sugar Q57656231

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartLagerung des fertigen Glases

Gewählte Lesart: Im Kühlschrank aufbewahren und innerhalb weniger Wochen verbrauchen. Die Schalen wurden nur luftgetrocknet, nicht mit dem Zucker aufgekocht, daher besteht bei unzureichender Trocknung Schimmelrisiko.

Andere mögliche Lesart:

  • Lagerung bei Raumtemperatur im verschlossenen Glas - Bei ausreichend trockenen Schalen und hohem Zuckeranteil war Raumtemperatur-Lagerung historisch üblich - der Zucker wirkt selbst konservierend. Das Rezept nennt aber keine Lagerdauer, daher bleibt dies die unsicherere Lesart.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 036, Rezept läuft bis seite-037, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nein: Die Zubereitung erfordert ein dreitägiges Einlegen mit täglichem Weinwechsel und das Läutern von Zucker, was nicht für die spontane Lagerküche geeignet ist. Ideal als vorbereitete Zutat für Süßspeisen im Lager.
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Stand dieser Fassung: 17.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.