Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Kandierte Pomeranzen- und Zitronenschalen

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

DessertNachspeiseLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen1 Glas ~500 mlBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Nimm die Schalen von süßen Pomeranzen. Weiche sie vier Tage lang in frischem Brunnenwasser ein. Gieße das Wasser jeden Tag ab und fülle frisches Wasser nach.

Danach nimm die Schalen, koche sie etwa eine Stunde lang in Wasser und gieße das Wasser ab. Gib die Schalen in ein Krüglein oder Glas. Schneide die Pomeranzenschalen, wenn du möchtest, in Streifen. Gieße geläuterten Zucker darüber und lass es acht Tage stehen.

Danach seihe den Zucker ab und koche ihn immer wieder auf; du kannst ihn ein- bis dreimal wieder aufkochen.

Zitronenschalen: Zitronenschalen macht man auf die gleiche Weise. Mach sie ein, sobald man sie gut gekocht hat; in Zucker sind sie gut. Das feuchte Fruchtfleisch soll man herausschneiden, nur die Schalen verwenden.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Pomerantzen von ſuͤſſen Pomerantzen ſchelen Pomeranzenschalen (süß) - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Schalen von Bitterorangen
friſch Bꝛuñwaſſer Wasser - Leitung -
geleüterten zucker Zucker, geläutert - - -
Zetrain apffel Zitronenschalen - Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Kandierte Pomeranzen- und Zitronenschalen - eine frühe Form dessen, was heute als Orangeat und Zitronat bekannt ist und bis heute in Stollen, Früchtebrot und ähnlichem Gebäck verwendet wird. Das Grundverfahren - Bitterstoffe auswässern, kurz kochen, in Zuckersirup ziehen lassen, den Sirup mehrfach aufkochen - ist im Kern bis heute dasselbe.

Das viertägige Wässern in täglich gewechseltem Wasser zieht die Bitterstoffe aus der rohen Schale, das anschließende einstündige Kochen laugt weiter aus und macht die feste Schale weich genug, um später den Sirup aufzunehmen. Das Schneiden in Streifen ist reine Formgebung und vergrößert die Oberfläche für den Sirup. Der geläuterte Zuckersirup zieht dann acht Tage lang in die vorgeweichte Schale ein; das abschließende ein- bis dreimalige Wiederaufkochen des abgeseihten Sirups konzentriert ihn weiter, sodass der Zuckergehalt in der Schale stufenweise steigt.

Der Text nennt keine Temperatur für das Wässern oder für die acht Tage im Sirup. Im 16. Jahrhundert dürfte beides bei Zimmer- bzw. Kellertemperatur (Brunnenwasser, kühler Vorratsraum) stattgefunden haben - eine plausible historische Praxis, aber kein gesicherter Fakt.

Praxis. Zum Wässern und für die acht Tage im Sirup empfiehlt sich heute die Lagerung im Kühlschrank oder an einem sehr kühlen Ort: Der Sirup ist zu Beginn der Standzeit noch nicht konzentriert genug, um Bakterien-, Schimmel- oder Gärungsrisiko allein auszuschließen. Der Text endet mit dem im Sirup gezogenen, mehrfach nachgekochten Zustand - einen abschließenden Trocken- oder Kristallisationsschritt, wie ihn modernes Kandieren oft mitdenkt, nennt er nicht. Das Ergebnis ist also eher eine in Sirup kandierte als eine trocken-kandierte Schale.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, nicht ideal für die direkte Zubereitung im Lager. Das Rezept erfordert ein mehrtägiges Einweichen und ein achttägiges Ziehen im Zuckersirup, was den Zeitrahmen eines typischen Marktwochenendes sprengt. Die fertigen kandierten Schalen können jedoch problemlos mitgebracht und im Lager verwendet werden.

Was sind Pomeranzen?

Pomeranzen sind Bitterorangen (Citrus aurantium). Sie waren im Mittelalter in Europa die gängige Orangenart und wurden oft für ihre aromatischen Schalen verwendet, die kandiert oder zu Marmeladen verarbeitet wurden. Süße Orangen, wie wir sie heute kennen, wurden erst später populär.

Was bedeutet 'geläuterter Zucker'?

Geläuterter Zucker ist gereinigter Zucker. Im Mittelalter wurde Zucker oft durch Kochen mit Wasser und Eiweiß von Verunreinigungen befreit. Das Eiweiß bindet die Trübstoffe, die dann als Schaum abgeschöpft werden können, wodurch ein klarer Zuckersirup entsteht.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Pomerantzen ſchelen zuͦ machen. ccvpvj. qSo nimbt man die Pomerantzen von ſuͤſſen Pomerantzen ſchelen / weich ſie in friſch Bꝛuñwaſſer vütj. tag / ſeichs alle tag ab / geüß wider friſch daran / deñ nimb die ſcheln / ſeuds in waſſer bey einer ſtund lang / ſeichs ab, thuͦs inn ain kruͤglin oder glaß / ſchneid die Pomerantzen ſchoͤl ob du wilt / zetlat / geuß geleüterten zucker daran / laß es ſtehn acht tag / dañ ſeyhe den zucker ab / ſeüd in hin vnd wider / magſts ain mal oder drey hin vnd wider ſieden. Zetrain apffel macht man in ſollicher maß / Machs ein ſo mans wol ſeudt / in zucker ſeinds guͦt / d; feiicht ſol man außſchneiden / nur die ſchoͤlen.
Pomerantzen

Die Pomeranze (Citrus aurantium), auch Bitterorange genannt, war im Mittelalter und der frühen Neuzeit in Europa die verbreitetere Orangenart. Ihre Schalen wurden häufig kandiert. Die Erwähnung von ‚süßen Pomeranzen‘ könnte auf eine spezifische, weniger herbe Sorte oder eine allgemeine Geschmacksbeschreibung hinweisen.

Brunnwasser

Quell- oder Brunnenwasser.

geleüterten zucker

Geläuterter Zucker ist gereinigter Zucker, oft in Form eines Sirups, der durch Kochen mit Wasser und Eiweiß von Verunreinigungen befreit wurde, um eine klare und reine Süße zu erzielen.

Zetrain apffel

Frühneuhochdeutsche Bezeichnung für eine Zitrusfrucht: Das Grimmsche Wörterbuch belegt „citronat“ als „cortex mali citri conditus“ - die eingemachte Schale des Zitronen- bzw. Citronapfels, ein lateinisch-deutscher Mischbegriff dieser Zeit und Vorläufer des heutigen Wortes „Zitronat“. Das stützt die Lesart als dickschalige Zitrusfrucht (Zitrone bzw. Citron/Cedrat) und erklärt, warum die Anweisung ausdrücklich das feuchte Fruchtfleisch verwerfen lässt.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das siebte Buch: Vorratshaltung
Folio
Fol. 040v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Pomerantzen von ſuͤſſen Pomerantzen ſchelenorange Q13191
friſch Bꝛuñwaſſerwater Q283

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 040v (gedruckte Blattzählung XL verso), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (german_print.mlmodel, 112 Scans) - das BSB-Bibliotheks-OCR war zu fehlerhaft. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Die Zubereitung erfordert ein mehrtägiges Einweichen und ein achttägiges Ziehen im Zuckersirup, was für ein typisches Marktwochenende zu lang ist. Die kandierten Schalen können jedoch gut vorbereitet mitgebracht werden.
Alle Rezepte aus Das Kochbuch des Balthasar Staindl Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 10.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.