Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Zupfe die Beeren vom Stiel, entferne die Kerne und gib sie in ein Glas.
Nimm dann weitere Beeren, drücke sie mit einem Löffel aus, sodass der Saft austritt. Diesen Saft gib zu geläutertem Zucker, wobei der Zuckeranteil höher sein soll als der Saftanteil.
Lass beides miteinander sieden, so lange, wie zwei Eier zum Abkühlen brauchen. Gieße die Mischung über die Preiselbeeren, verschließe das Glas und lass es stehen.
Dies ist sehr gut für kranke Leute, die großen Durst haben; man soll ihnen zuweilen ein wenig davon geben.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Payſſelbeer | Preiselbeeren | - | Supermarkt, Wochenmarkt | Cranberries |
| khondel | Kerne (aus den Beeren) | - | - | - |
| ander beer | Preiselbeeren (für Saft) | - | Supermarkt, Wochenmarkt | Cranberries |
| ſafft | Preiselbeersaft | - | - | - |
| gleüterten zucker | Geläuterter Zucker | - | - | Zuckersirup |
Welches Gericht ist das?
Ganze Preiselbeeren, übergossen mit einem aus ausgepresstem Beerensaft und Zucker gekochten Sirup und im Glas verschlossen haltbar gemacht - ein Frucht-Einmachgut für den Vorrat, keine Marmelade: die Früchte werden nicht zerkocht, nur ein Teil der Beeren wird für den Sirup ausgepresst. Das entspricht im Prinzip dem heutigen Preiselbeerkompott. Im Korpus finden sich zwei Verfahrensverwandte: wo10-030 (Eingemachte Weichseln) kocht die Frucht direkt im siedenden, eiweißgeklärten Sirup, während std-227 die rohen Beeren kalt anrichtet und erst danach mit dem separat kurz aufgekochten Sirup übergießt - zwei gleichwertige Varianten derselben Konservierungstechnik. Im selben Buch zeigt std-230 (Kütten einzumachen) dasselbe Grundprinzip für Quitten und Weichseln.
Was ist mit den 'khondel' gemeint?
Was genau vor dem Einlegen aus den Beeren entfernt werden soll ('khondel'), bleibt eine offene Stelle - für Buch 7 gibt es keine Zweitüberlieferung, die hier entscheiden könnte, und kein Wörterbuch liefert einen tragfähigen Beleg. Die gängige Lesart 'Kerne' ist die plausibelste verfügbare, wirft aber eine praktische Frage auf: Preiselbeeren haben keinen einzelnen, herauslösbaren Kern wie eine Kirsche, und der Text nennt kein Werkzeug für einen solchen Schritt.
Praxis.
Die erste Beerencharge vom Stiel zupfen und verlesen (Stiel- und Blütenreste, Blätter, madige oder unreife Beeren aussortieren), aber ganz lassen - ein Entkernen einzelner Preiselbeeren ist weder nötig noch mit vertretbarem Aufwand durchführbar. Die zweite Charge durch ein Tuch oder Sieb streichen, bis der Saft austritt. Diesen Saft mit deutlich mehr Zucker als Saftvolumen aufkochen und so lange sieden lassen, wie zwei Eier zum Abkühlen brauchen (ca. 5-10 Minuten) - dann heiß über die ganzen Beeren im Glas gießen und verschließen. Da die Beeren selbst nicht mitgekocht werden, ist die Haltbarkeit geringer als bei durchgekochter Marmelade: kühl und dunkel lagern und innerhalb weniger Wochen verbrauchen.
‚Payßelbeer‘ sind Preiselbeeren, auch bekannt als Kronsbeeren. Sie sind eng mit den Cranberries verwandt und haben einen säuerlichen Geschmack, der sie ideal für Marmeladen, Saucen und Einmachgerichte macht.
Diese Formulierung ist eine historische Zeitangabe, die eine sehr kurze Kochzeit beschreibt. Sie bedeutet, dass die Mischung nur so lange sieden soll, wie zwei gekochte Eier benötigen, um auf Raumtemperatur abzukühlen - also etwa 5 bis 10 Minuten. Es ist keine Zutat, sondern eine Anweisung zur Kochdauer.
Eingeschränkt (Zeit): Die eigentliche Zubereitung am Feuer ist schnell und unkompliziert. Da es sich jedoch um ein Einmachrezept handelt, muss das fertige Produkt eine Weile stehen, um durchzuziehen und haltbar zu werden. Es ist daher eher für die Vorbereitung zu Hause oder für längere Lageraufenthalte geeignet.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Preiselbeeren (Vaccinium vitis-idaea) - der Wortlaut ist eindeutig, keine Lesart-Frage.
Unsere Erstlesung dieser Stelle ergab 'biock', ein im Deutschen nicht belegtes Wort - richtig ist 'brock' (Imperativ von 'brocken' = die Beeren vom Stiel pflücken/abbrechen). Belegt durch dieselbe Wendung im selben Buch (std-236: 'brocks ab dem stengel') sowie das Verb an weiteren Stellen des Korpus (std-102: 'zerbrocks').
Vermutlich 'Kerne' oder 'Samen' der Beeren, aber lexikalisch nicht sicher zu belegen - kein tragfähiger Wörterbuchtreffer, und für Buch 7 gibt es keine Zweitüberlieferung, die hier entscheiden könnte. Die Stelle bleibt offen.
Unsere Erstlesung dieser Stelle ergab 'ſaffr', kein Wort - richtig ist 'ſafft' (Saft). Zwei Sätze später nennt derselbe Text denselben Saft bereits korrekt als 'ſelbigen ſafft'.
Geläuterter Zucker ist gereinigter, geklärter Zucker, oft in Form eines Sirups.
Eine historische Zeitangabe, die bedeutet, dass etwas so lange gesiedet wird, wie zwei gekochte Eier zum Abkühlen benötigen. Dies ist eine sehr kurze Zeitspanne, etwa 5-10 Minuten.
Unsere Erstlesung dieser Stelle ergab 'sut', kein deutsches Wort - richtig ist 'guͦt' (gut). Die Wendung 'faſt guͦt' ist im Staindl-Korpus vielfach belegt (u.a. std-224, std-046, std-017, std-136).
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
khondel
Gewählte Lesart: Vermutlich 'Kerne' oder 'Samen' der Beeren - lexikalisch nicht sicher zu belegen (kein tragfähiger Wörterbuchtreffer, keine Zweitüberlieferung für Buch 7). Bleibt eine offene Wort-Crux.
Andere mögliche Lesart:
thu die khondel darauß (Ausführung)
Gewählte Lesart: Praxis-Empfehlung: die Beeren werden nur verlesen und geputzt, nicht einzeln entkernt (siehe Praxis in der Zubereitungsnotiz).
Andere mögliche Lesart:
verbinds / laß ſtehn (Lagerdauer)
Gewählte Lesart: Praxis-Empfehlung: kühl und dunkel lagern, innerhalb weniger Wochen verbrauchen (siehe Praxis in der Zubereitungsnotiz).
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 10.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.