Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a · Entstehungsort unbekannt (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a) · 1389
Willst du sechserlei Flüssigkeiten in ein langes Glas gießen, sodass sich keines unter das andere mischt: So nimm zuerst Milch, denn diese ist die schwerste von allen, und gib sie in das Glas.
Und mache dann eine dünne Scheibe aus Holz und lege sie in das Glas auf die Milch. Danach nimm einen kleinen Trichter und stecke in sein Rohr einen Halm oder ein kleines Hölzchen. Gieße dann durch den Trichter Bier auf die Scheibe, sodass es langsam und sanft am Hölzchen hinabgleitet.
Danach gieße Wasser auf das Bier, danach roten Wein, danach Met und danach zuoberst Leinöl, sodass die Scheibe mit jedem Trank sanft aufsteigt.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| milch | Milch | - | - | - |
| bier | Bier | - | - | - |
| wasser | Wasser | - | - | - |
| roten weyn | Rotwein | - | - | - |
| mete | Met | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Handel | - |
| leynoel | Leinöl | - | gut sortierter Supermarkt, Reformhaus | - |
Was wird hier gemacht? Sechs Flüssigkeiten - Milch, Bier, Wasser, Rotwein, Met und Leinöl - werden nacheinander so ins Glas gegossen, dass sie übereinander liegen bleiben, statt sich zu vermischen. Eine dünne Holzscheibe schwimmt dabei auf der jeweils obersten Schicht; jede neue Flüssigkeit läuft durch einen Trichter mit Halm oder Hölzchen im Rohr in dünnem, langsamem Strahl daran entlang, sodass die Scheibe mit jedem Guss sanft aufsteigt und den Aufprall bricht.
Funktioniert das? Teilweise. Die Reihenfolge folgt fallender Dichte, und Holzscheibe wie gebremster Guss senken die Verwirbelung beim Eingießen - ein reales Verfahren, das auch heute bei geschichteten Getränken genutzt wird. Nur bleibt die Trennung nicht dauerhaft: Milch, Bier, Wasser, Wein und Met sind miteinander mischbar und verwischen durch Diffusion binnen Minuten bis Stunden; dauerhaft scharf bleibt allein die Grenze zum nicht wassermischbaren Leinöl obenauf.
Nein. Es handelt sich um eine Demonstration der Dichte von Flüssigkeiten, die zeigt, wie man verschiedene Schichten ohne Vermischen in einem Glas anordnet.
„Sechserlei“ - die sechs Flüssigkeiten Milch, Bier, Wasser, Rotwein, Met und Leinöl, die in diesem Kunststück geschichtet werden.
Sie schwimmt als Prallfläche auf der obersten Schicht. Jede neue Flüssigkeit wird auf die Scheibe gegossen, die dann mit dem steigenden Flüssigkeitsspiegel mit nach oben wandert und so den direkten Aufprall auf die darunterliegende Schicht abfängt.
Dieses Rezept stammt aus dem Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a. CoReMA-Handschrift N2 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a), datiert um 1389: die berühmte Sammelhandschrift mit der ältesten erhaltenen Auslegung von Johannes Liechtenauers Fechtlehre (früher, inzwischen korrigiert, "Döbringer Fechtbuch" genannt) - hier nicht wegen des Fechttraktats, sondern wegen der darin enthaltenen Kochrezepte interessant, darunter ein Met-Rezept im Verhältnis drei Teile Wasser zu einem Teil Honig, mit Hopfengabe und einer separaten roten Farbzugabe.
„Sechserlei“ - die im Rezept genannten sechs Flüssigkeiten (Milch, Bier, Wasser, Rotwein, Met, Leinöl), die geschichtet werden sollen.
„Die allerschwerste“ - Superlativ zu mhd. swaere (schwer, von großem Gewicht); erklärt, warum die Milch als unterste Schicht beginnt.
Eine dünne Holzscheibe schwimmt auf der jeweils obersten Flüssigkeit und dient als Prallfläche, damit die nächste Schicht sanft aufgegossen werden kann, ohne die darunterliegende aufzuwirbeln.
Ein Halm oder ein kleines Hölzchen im Trichterrohr bremst den Flüssigkeitsstrahl, sodass er dünn und langsam auf die Holzscheibe trifft.
„Gering und allmählich“ - beschreibt, wie das Bier durch den Trichter fließen soll: in dünnem Strahl und sachte, nicht in einem Schwall.
Leinöl bildet als einzige nicht wassermischbare und leichteste Flüssigkeit die oberste Schicht.
„Zuoberst“ - Superlativ zu ober, bezeichnet die Position des Leinöls ganz oben im Glas.
Die Holzscheibe weicht - im Sinne von: bewegt sich, steigt aus - mit jeder neuen Flüssigkeitsschicht sanft nach oben, nicht im Sinne von „weich werden“.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| milch | milk Q8495 |
| bier | beer Q44 |
| wasser | water Q283 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
secherley
Gewählte Lesart: Als „sechserlei“ übersetzt, da der Text anschließend genau sechs verschiedene Flüssigkeiten auflistet.
hoelczlyn
Gewählte Lesart: Als „Hölzchen“ übersetzt, Diminutiv von Holz, passend für ein kleines Stück Holz als Gießhilfe.
oeberst
Gewählte Lesart: Als „zuoberst“ (ganz oben) übersetzt, was die Position des Leinöls als leichteste Flüssigkeit beschreibt.
leynoel
Gewählte Lesart: Als „Leinöl“ übersetzt. Leinöl ist ein leichtes Pflanzenöl, das aufgrund seiner geringen Dichte die oberste Schicht bildet.
zo weicht als dy scheibe mit itzlichem tranke of
Gewählte Lesart: Als „sodass die Scheibe mit jedem Trank sanft aufsteigt“ interpretiert. Die Holzscheibe schwimmt auf und steigt mit dem Flüssigkeitsspiegel mit.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 27.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.