Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a · Entstehungsort unbekannt (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a) · 1389
Willst du ein Ei so groß machen wie ein Haupt oder eine „bozekawle“, so nimm zwanzig oder dreißig Eier und schlage das Eiweiß von den Eiern getrennt und die Dotter auch getrennt. Nimm dann eine Blase und gieße zuerst das Eiweiß hinein, danach die Dotter. Binde dann die Blase gut zu und lege sie in einen Topf, der voll siedenden Wassers sei, bei einem Feuer. Achte darauf, dass das Wasser über die Blase gehe und decke den Topf gut zu, damit kein Brodem herausgehe, und lass es so sieden.
Danach nimm die Blase heraus und ziehe sie ab. Schneide dann das Ei auf, so ist der Dotter in die Mitte gekommen und um und um das Weiße, denn der Dotter flieht die Hitze und hält sich in der Mitte. So hast du ein gutes Ei. Danach aber oben ein wenig Eiweiß, doch dass die Blase nicht ganz voll sei, sonst zerreißt sie.
Auch magst du die Dotter zuvor ein wenig zerdrücken und hänge sie einen Tag in eine andere Blase, dass sie sich koagulieren, und gib sie dann in die Blase zum Eiweiß, wie oben beschrieben. Willst du dann dem Ei eine Schale machen, so zerstoße die Eierschalen und temperiere sie mit Öl und mit Kreide und bestreiche außen die Blase damit.
Auch wenn das Ei zuerst ein wenig erhitzt wird, so stich mit einem Griffel oder einer Nadel hinein, dass der Brodem ausgehe und dass sie nicht reiße.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| czwenczik ader dreissik eyer | 20-30 Eier | 20 | - | - |
| eyne bloze | Tierische Blase | - | Metzger, Online-Spezialhandel | - |
| wasser | Wasser | - | - | - |
| oele | Öl | - | - | - |
| kreyden | Kreide | - | Bastelbedarf, Apotheke | - |
| eyerschalen | Eierschalen | - | - | - |
Was wird hier gemacht? Eiweiß und Dotter von zwanzig bis dreißig Eiern werden getrennt in eine Tierblase gegossen - erst das Weiße, dann der Dotter - und die verschlossene Blase in siedendem Wasser gegart, bis der Dotter angeblich mittig sitzt. Eine zweite, im Text genannte Variante lässt den Dotter vorab einen Tag lang in einer eigenen Blase antrocknen, bevor er in die Weiß-Blase kommt. Zum Schluss wird die Blase mit einer Paste aus zerstoßenen Eierschalen, Öl und Kreide bestrichen, um eine echte Schale vorzutäuschen.
Funktioniert das? Nur teilweise. Bloßes Schichten von Weiß und rohem Dotter ohne Rühren zentriert den Dotter nicht zuverlässig - beide haben ähnliche Dichte, und die Hitze stockt eher die äußere Schicht zuerst, unabhängig davon, was dort liegt. Die zweite, im Text genannte Methode funktioniert dagegen: ein vorab fest angegorener Dotterball, mittig in flüssiges Weiß gegeben, ergibt beim Garen tatsächlich einen zentrierten Kern.
Nein. Kunststücke wie dieses sind reine Schaustücke aus der Handschrift und werden hier dokumentarisch wiedergegeben, nicht als Anleitung zum Nachkochen.
Zusammen mit Öl wird sie zu einer Paste verarbeitet, die außen auf die Blase gestrichen wird, um die Optik einer echten, großen Eierschale nachzubilden.
Dieses Rezept stammt aus dem Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a. CoReMA-Handschrift N2 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a), datiert um 1389: die berühmte Sammelhandschrift mit der ältesten erhaltenen Auslegung von Johannes Liechtenauers Fechtlehre (früher, inzwischen korrigiert, "Döbringer Fechtbuch" genannt) - hier nicht wegen des Fechttraktats, sondern wegen der darin enthaltenen Kochrezepte interessant, darunter ein Met-Rezept im Verhältnis drei Teile Wasser zu einem Teil Honig, mit Hopfengabe und einer separaten roten Farbzugabe.
Eine Tierblase (oft Schweineblase), die als Hülle oder Form für Speisen verwendet wurde. Sie ist hitzebeständig und lässt sich gut verschließen.
Mittelhochdeutsch für Dampf oder Dunst. Hier ist gemeint, dass der Topf gut abgedeckt werden soll, damit kein Dampf entweicht und die Hitze im Topf bleibt.
Ein Griffel war ein Schreibgerät, oft aus Metall oder Knochen, mit dem man auf Wachstafeln schrieb. Hier ist es ein spitzes Werkzeug zum Stechen.
Das Gerinnen oder Stocken von Flüssigkeiten, hier der Eigelbmasse. Dies kann durch Hitze oder durch längeres Stehenlassen geschehen.
3. Person Singular Präsens von mhd. vliehen ('fliehen'), hier mit Akkusativobjekt: der Dotter flieht die Hitze. Für diesen Schreiber typische w-Schreibung des Diphthongs (vgl. sewt=seut, gewz=gieß).
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| czwenczik ader dreissik eyer | chicken egg Q15260613 |
| wasser | water Q283 |
| oele | cooking oil Q427457 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
bozekawle
Gewählte Lesart: Offen - weder „Boßkugel“/Kegelkugel noch „Kohlkopf“ ist als Kompositum belegt; im Titel und Text daher als Originalwort in Anführungszeichen stehen gelassen statt entschieden übersetzt.
Andere mögliche Lesarten:
toter flewt dy hitcze
Gewählte Lesart: „der Dotter flieht die Hitze“ - 3. Sg. Präs. von mhd. vliehen (Nebenform „flûith“, FindeB/Lilie), passend zur w-Schreibung des Diphthongs bei diesem Schreiber. Faksimile fol. 120r bestätigt die Lesung „flewt“.
Andere mögliche Lesart:
Einschub-/Transpositionszeichen um „doreyn dornoch dy toeter“, „toter flewt dy hitcze“, „hastu eyn gut ey“, „dem weissen ut supra“
Gewählte Lesart: Die CoReMA-Edition vermerkt an diesen vier Stellen Einweisungszeichen (einfaches/doppeltes Kreuz, Strich) für eine Manuskript-interne Umstellung. Faksimile fol. 120r bestätigt die roten Zeichen an den genannten Stellen. Inhaltlich gelesen ist der linear transkribierte Text grammatisch kohärent und ergibt die sinnvolle Kochreihenfolge (verschließen vor dem Sieden - sieden - aufschneiden - Dotter mittig - optional Weiß nachfüllen - Variante mit vorgeriertem Dotter); eine wörtliche Rücksetzung der markierten Passagen an den Ankerpunkt würde diese Reihenfolge zerstören. Übernommen: CoReMAs sequentielle Wiedergabe als korrekte Reihenfolge.
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Stand dieser Fassung: 27.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.