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Eier sieden und gelb färben mit ungelöschtem Kalk

Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a · Entstehungsort unbekannt (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a) · 1389

RezeptSonstigesAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit5 Min.Portionen1-2 EierBuchNürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a (~1389)

Willst du Eier sieden mit kaltem Wasser, eher als mit Feuer, so nimm ungelöschte kalte Brocken und gib sie in einen Topf. Lege die Eier ebenfalls dazu und gieße kaltes Wasser in den Topf, so werden sie sieden.

Und Eier, die in ungelöschten Kalk gelegt werden, die werden in kurzer Zeit gelb.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
vngeleschte kalt steyne Ungelöschter Kalk (als Brocken) - Baumarkt (Vorsicht: Ätzend!) -
eyer Eier - - -
kaldem wasser Kaltes Wasser - - -

Was wird hier gemacht? Statt die Eier über Feuer zu sieden, werden sie in einen Topf mit ungelöschten Kalkbrocken gelegt und mit kaltem Wasser übergossen - der Kalk soll das Wasser selbst zum Sieden bringen. In einem zweiten, davon unabhängigen Trick sollen Eier, die man in ungelöschten Kalk legt, in kurzer Zeit gelb werden.

Funktioniert das? Teilweise. Ungelöschter Kalk (Calciumoxid) reagiert mit Wasser tatsächlich stark exotherm - das Grundprinzip ist physikalisch korrekt und wird durch ein unabhängiges Parallelrezept bestätigt. Ob die Reaktion ohne die im Text fehlende Mengenangabe bis zum vollständigen Sieden reicht, bleibt offen. Der zweite Effekt, die Gelbfärbung, passt zeitlich schlecht zur bekannten, wochenlangen Kalk-Konservierung von Eiern; der Mechanismus ist unklar. Historischer Kunstgriff mit ätzendem Material - hier eingeordnet und beschrieben, nicht zur Nachahmung angeleitet.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. n2-014 ist ein Kunststück, kein Lagerküchengericht - das gilt kategorisch für alle Kunststücke im Korpus. Zusätzlich verwendet es ätzenden ungelöschten Kalk, der ohnehin kein reguläres Lagerküchen-Zubereitungsmittel ist.

Was ist ungelöschter Kalk und wie funktioniert das Eierkochen damit?

Ungelöschter Kalk ist Calciumoxid (CaO). Kommt er mit Wasser in Kontakt, reagiert er stark exotherm und setzt viel Wärme frei - dieses Prinzip ist physikalisch korrekt und wird durch ein unabhängiges Parallelrezept (ri15632-025, Kalklöschen mit Eiern im selben Topf) bestätigt. Der Text nennt aber kein Mengenverhältnis von Kalk zu Wasser; ob die Reaktion tatsächlich bis zum vollständigen Sieden reicht, lässt sich daraus nicht ablesen.

Warum werden die Eier gelb, wenn sie in ungelöschten Kalk gelegt werden?

Die genaue Ursache ist im Text nicht beschrieben. Denkbar wäre eine oberflächliche Reaktion der Schale mit der stark alkalischen Kalklösung; das passt aber zeitlich schlecht zur bekannten, wochenlangen Kalk-Konservierung von Eiern. Der Mechanismus bleibt offen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a. CoReMA-Handschrift N2 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a), datiert um 1389: die berühmte Sammelhandschrift mit der ältesten erhaltenen Auslegung von Johannes Liechtenauers Fechtlehre (früher, inzwischen korrigiert, "Döbringer Fechtbuch" genannt) - hier nicht wegen des Fechttraktats, sondern wegen der darin enthaltenen Kochrezepte interessant, darunter ein Met-Rezept im Verhältnis drei Teile Wasser zu einem Teil Honig, mit Hopfengabe und einer separaten roten Farbzugabe.

Wiltu eyer siden bey ader mit kaldem wasser vil e denne bey fewer zo nym vngeleschte kalt steyne vnd tu dy in eynen top vnd lege dy eyer och dorczu vnd gewz kalt wasser in den top zo werden si siden vnd eyer in vnge= leschten kalk gelegt dy werden in kurczer stunt gel
vngeleschte kalt steyne

Ungelöschter Kalk (Calciumoxid) in Brockenform. 'kalt' ist hier das Adjektiv 'kalt' (Temperatur), keine Schreibvariante von 'kalk' - der Schreiber schreibt drei Zeilen später im selben Rezept die orthographisch eindeutige Form 'vngeleschten kalk'; 'kalt' beschreibt den kalten Ausgangszustand der Kalkbrocken, im Kontrast zu 'bey fewer' zu Satzbeginn. 'Steyne' bezeichnet die im Handel übliche Klumpenform des ungelöschten Kalks, nicht kalküberzogene Gesteinsbrocken. Reagiert mit Wasser unter starker Wärmeentwicklung (exotherme Reaktion), wodurch die Eier ohne direkte Feuerquelle erhitzt werden.

gel

Vollständiges, belegtes Wort für 'gelb' (ReF 27 Belege, 18 davon vor 1500; MHDBDB eigenes Adjektiv-Lemma), kein durch Seitenumbruch abgebrochenes Wort - direkt nach 'gel' beginnt auf fol. 119v ein neuer lateinischer Absatz, keine Kochrezeptzeile. Die Eier nehmen eine gelbliche Farbe an, wenn sie in ungelöschten Kalk gelegt werden.

stunt

'in kurczer stunt' = in kurzer Zeit/Weile, nicht 'Stunde' im Sinn der Zeiteinheit - Standardbedeutung von mhd. 'stunt' als Zeitpunkt/Weile.

bey ... ader mit

'siden bey ader mit kaldem wasser' - 'bey' bedeutet hier 'bei/mit' (Präposition), nicht 'ohne'. Die Alternativformel ('bey ... ader mit') wird in der Übersetzung zu einer Lesart ('mit kaltem Wasser') vereinfacht, ohne die Kernaussage zu ändern.

Handschrift
Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a
Folio
Fol. 119v
Sprache
Mittelhochdeutsch (ostmitteldeutsch)
Entstehung
Entstehungsort unbekannt (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a), 1389
CoReMA-Handschrift

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

eyerchicken egg Q15260613

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartvngeleschte kalt steyne

Gewählte Lesart: Ungelöschter Kalk (als Brocken). 'kalt' ist das Adjektiv 'kalt' (Temperatur), keine Schreibvariante von 'kalk' - der Schreiber schreibt drei Zeilen später im selben Rezept die eindeutige Form 'vngeleschten kalk'. Die 'Steine' beziehen sich auf die typische Handelsform von ungelöschtem Kalk in Brocken/Klumpen.

Andere mögliche Lesart:

  • Tatsächliche kalte Steine, die mit ungelöschtem Kalk überzogen sind. - Weniger plausibel: der Kalk selbst ist die Wärmequelle, Steine als bloße Träger würden die Reaktion nur behindern.

Originalwerk (~1389) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 119v, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Hs 3227a (um 1389) - Public Domain
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), N2 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 3227a), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/n2-014
LagerkücheLagerküche
Kunststück, kein Lagerküchengericht (kategorische Einordnung für alle Kunststücke im Korpus). Zusätzlich verwendet es ätzenden ungelöschten Kalk, der in einer Lagerküchen-Umgebung ohnehin kein reguläres Zubereitungsmittel ist.
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Stand dieser Fassung: 27.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.